Rheinpfalz „Gibt kein Rosa-Gen“
Der heutige Welt-Mädchentag soll auf die Benachteiligung von Mädchen hinweisen. Der Verein Pinkstinks (Rosa stinkt) zählt dazu auch festgelegte Rollenbilder und auferlegte Schönheitsideale. Und zieht gegen diese „Pinkifizierung“ der Gesellschaft zu Felde.
Ich habe kein Problem mit Rosa. In der warmen Jahreszeit sieht man die Farbe überall, und das ist toll. Viele Kinder mögen die Farbe, auch weil sie eine starke Signalwirkung hat. Was uns stinkt, ist, dass Rosa nur für Mädchen sein soll. Was uns stinkt, ist nicht die Farbe, sondern, welche Eigenschaften mit ihr assoziiert werden. Und die wären? Mädchen müssen niedlich, brav, hübsch und häuslich sein – nicht unbedingt technisch begabt. Es ist doch kompletter Unsinn, einem Geschlecht eine Farbe zuzuschreiben. Es gibt schließlich kein Rosa-Gen. Trotzdem werden die Farben bestimmten Rollenbildern zugeordnet. Jungs tragen Blau und Mädchen Rosa. Das muss jeder lernen, der schon einmal in einem Geschäft für Babybekleidung war. Macht Sie das wütend? Leider ist es fast unmöglich, sich dem zu entziehen. Aber wir haben ja auch nichts dagegen, dass Mädchen Rosa tragen, wenn es ihnen gefällt. Es geht darum, dass Jungen die Farbe auch gefallen darf. Leider merken sie sehr schnell, dass Rosa für sie verboten ist. Deshalb besuchen wir mit unserem Theaterstück „David und sein rosa Pony“ Grundschulen. Wir wollen zeigen, dass Jungen auch mal niedlich sein dürfen. Sie kämpfen gegen sexistische Werbung. Was verstehen Sie darunter? Dabei geht es um Werbung, in der Frauen unnötig sexualisiert werden. Wir haben nichts gegen Bade- oder Dessousreklame. Aber sind nackte Frauen auf Autoreifen, Bierflaschen oder Hundefutter wirklich nötig? Nötig, wohl kaum. Und was tun Sie dagegen? Pinkstinks setzt sich für eine entsprechende gesetzliche Regelung ein. Momentan wacht der Werberat als selbstregulierende Organisation über die deutsche Werbung. Das reicht uns aber nicht, wir wollen, dass der Staat Verantwortung übernimmt. Wir brauchen in Bezug auf Sexismus in der Werbung klare Regeln. Bundesjustizminister Heiko Maas prüft das gerade. Sie nutzen für Ihre Kampagnen auch die Macht des Internets ... Wir haben eine Facebook-Seite mit mehr als 15.200 Anhängern. Damit sind wir die Frauenrechtsorganisation in Deutschland mit den meisten Likes. Das gibt uns natürlich eine gewisse Macht. Im Internet veröffentlichen wir Beispiele von sexistischer Werbung oder sexistischen Produkten. Zum Beispiel? Ein Hersteller für Luxusuhren aus der Schweiz wirbt mit leicht bekleideten Frauen in Ketten. Eine Hotelkette hatte für ihre Weinwirtschaft den Werbespruch: „Ein Essen ohne Wein oder Bier ist wie eine schöne Frau, der ein Auge fehlt.“ Das ist wirklich kein PR-Glücksgriff. Ich finde das einen perfiden Vergleich und sehr verletzend für Menschen mit entsprechendem Handicap. Wir haben das über Facebook veröffentlicht. Mittlerweile gibt es eine Stellungnahme mit der Zusage, den Flyer aus dem Verkehr zu ziehen. Sie sind auch kein ein Fan von Heidi Klum. Hand aufs Herz: Als Sie von der Bombendrohung beim Finale von Germany’s next Topmodel in Mannheims SAP-Arena erfahren haben, waren Sie da nicht schadenfroh – wenigstens für einen klitzekleinen Moment? Nein. Das war eine Katastrophe für uns! Echt? Sie scherzen. Nein, wir hatten gerade so viel erreicht: Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg hatte zugesagt, die Sendung noch einmal neu zu überprüfen. Ich war wütend, als ich von der Bombendrohung erfahren habe. „Wie kann man nur so blöd sein?“, habe ich gedacht. Heidi Klum galt nun als ein Opfer von Gewalt. Es wäre eine Katastrophe, wenn die Sendung abgesetzt würde, weil Heidi Klum in Deutschland bedroht wird, und nicht, weil sie keinen Erfolg mehr hat. Denn das Finale hatte die schlechtesten Einschaltquoten seit Beginn der Show. Wie ist der aktuelle Stand? Inzwischen ist die Prüfung eine Stufe höher gerutscht, die Kommission für Jugendmedienschutz ist an der Sendung dran – wir haben letzte Woche nachgefragt, die Prüfung ist noch nicht abgeschlossen. Aber abgesetzt ist abgesetzt. Wir wollen die Show ja nicht verbieten, wir wollen nur, dass sie ab 22 Uhr gesendet wird. Germany’s next Topmodel vermittelt jungen Mädchen, dass es das Wichtigste ist, schlank zu sein. Ein Drittel aller Mädchen zwischen 16 und 17 Jahren weist Symptome einer Essstörung auf, das Körpergefühl wird zunehmend negativer. Eine Studie des internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen belegt, dass ein Grund auch der Topmodel-Wahn ist. Aber unterliegen Jungs nicht auch dem Schlankheitsterror? Auch bei den Jungs sind die Essstörungen angekommen, sie machen inzwischen zehn Prozent aller Fälle von Essstörungen aus. Bei ihnen geht der Einstieg meist über Sportsucht. Kein Wunder bei den unnatürlichen Sixpacks, die männliche Models in der Werbung haben. Wird dieser Schlankheitswahn auch durch andere Dinge vermittelt? Ja, natürlich. Spielzeug wird stark von der Modewelt beeinflusst. Barbie oder die dünne Prinzessin Lilifee, die nichts isst, sind nur zwei Beispiele. Sogar die Biene Maja ist dünner als früher, weil sie so dem heutigen Schlankheitsideal mehr entspricht. Ist nicht wahr! Leider doch. Sie haben selbst zwei Töchter. Mit was spielen die so? Bei uns hängt der Boxsack neben dem Puppenhaus, das nehmen sie aber auch so an. Wir wollen unseren Kindern so viele Entfaltungsmöglichkeiten wie möglich bieten. Info Stevie Meriel Schmiedel, 43, ist promovierte Dozentin für Genderforschung. Sie lehrte in Hamburg an der Uni und an der Hochschule für Soziale Arbeit. Die Mutter zweier Töchter ist Vorsitzende des gemeinnützigen Hamburger Vereins Pinkstinks. www.pinkstinks.de