Porträt
Georg Fritzsch leitet ab September die Badische Staatskapelle in Karlsruhe
Georg Fritzsch ist ein Mann mit einem vollen Terminkalender. Eigentlich. Eigentlich hätte er in der Stuttgarter Liederhalle Bruckners sechste Sinfonie dirigiert, an der Rheinoper Düsseldorf mehrere Vorstellungen von Wagners Oper „Der fliegende Holländer“ geleitet und wäre mit seinen Studierenden bei professionellen Orchestern gewesen, damit sie lernen, wie das Konstrukt Orchester mit 80 hoch ausgebildeten Individualisten aus 25 Nationen psychologisch funktioniert.
Das ist alles derzeit nicht möglich. Aber es gibt Dinge, die trotz Corona funktionieren. Die Wohnung an seinem künftigen Arbeitsort Karlsruhe ist schon angemietet, erzählt Fritzsch. Morgen stellt er sich in Karlsruhe der Presse, wenn der Spielplan der Schauspielsparte vorgestellt wird.
Fritzsch liebt die Hausgötter Wagner und Strauss
Nach drei Chefpositionen, zuletzt 16 Jahre lang in Kiel, hatte er keine weitere Festanstellung mehr gesucht. Der erfahrene Dirigent hat eine Professur für Dirigieren an der renommierten Musikhochschule München und ist international ein gefragter Gast am Pult. Aber nach einem Konzert in Freiburg und einem Gastdirigat an der Staatsoper Stuttgart sei er von Mitgliedern der Badischen Staatskapelle, des Karlsruher Opernorchesters, angesprochen worden.
Auch Peter Spuhler, Generalintendant des Staatstheaters Karlsruhe, habe eine von ihm geleitete Opernvorstellung besucht. Es folgte die Einladung, ein Konzert und eine Aufführung des „Freischütz“ in Karlsruhe zu dirigieren. Am Ende der diskreten Annäherung stand die Frage, ob er bereit sei, sich in Karlsruhe der Wahl zum Generalmusikdirektor zu stellen.
Fritzsch freut sich sehr auf seine neue Aufgabe. „Das Menschliche hat mir gefallen“, kommentiert er seine Begegnungen mit Spuhler und den Mitgliedern der Badischen Staatskapelle. So heißt das Orchester, das aus der vor rund 350 Jahren gegründeten Karlsruher Hofkapelle hervorging. „Mich spricht die Kombination aus Tradition und Innovation an“, erklärt Fritzsch. In Karlsruhe werden seit dem 19. Jahrhundert Richard Wagner und Richard Strauss als musikalische „Hausgötter“ gepflegt. „Damit bin ich aufgewachsen“, erklärt Fritzsch seine Liebe zur Musik der deutschen Romantik.
Als Kantorensohn war Musik für ihn selbstverständlich, ebenso der Klang der Glocken. „Ich bin unter einer Kirche groß geworden.“ Das war in der Bischofsstadt Meißen zur DDR-Zeiten. Als Statement gegen die Herrschaft der SED läuteten in Meißen zu Ostern alle Kirchenglocken eine Stunde lang – ab 4 Uhr in der Früh! „Wir haben als Kinder weitergeschlafen“, erinnert sich Fritzsch. Da die DDR im anderen Deutschland, der BRD, gut dastehen wollte, ließ sie Kirchenmitarbeitern einiges durchgehen. Dass er in Dresden Cello studieren konnte, sei trotzdem nicht selbstverständlich gewesen.
Schon als Student spielte Fritzsch in der traditionsreichen Sächsischen Staatskapelle Dresden und lernte von einem altgedienten Kollegen, wie die Musik von Richard Strauss gespielt wird: mit leichter Hand, damit der Klang der Geigen glänzen kann. Parallel dazu studierte Fritzsch Dirigieren in Dresden und Leipzig. Er leitete das Philharmonische Orchester Südwestfalen und das Musiktheater Hagen bevor er 2003 Generalmusikdirektor in Kiel wurde. Bis 2019 hat Fritzsch dort mit einem jungen Orchester die Oper entwickelt und ausgebaut.
Nun laufen schon die Gespräche mit dem Leitungsteam, dem Orchestervorstand und dem Chorvorstand des Karlsruher Staatstheaters zum Opern- und Konzertspielplan. Gastsänger werden engagiert, auch wenn noch nicht klar ist, wann der Spielbetrieb wieder einsetzt und in welcher Form. „Man lernt gerade, mit dem Unvorhergesehenen umzugehen“, meint Fritzsch. Er freut sich auf Karlsruhe, auf den guten Klang im Großen Haus des Staatstheaters, auf die Begegnungen mit den Menschen, die er kennenlernen wird, und besonders auf die Arbeit mit dem Orchester. „Wir haben uns ja gegenseitig ausgesucht“, sagt Fritzsch.
Ob sich seine vier Holsteiner Pferde auch auf den Umzug in den Süden freuen, ist nicht bekannt. Sicher ist: „Die Arbeit mit den Pferden, gerade mit den beiden Vierjährigen, erdet uns.“ Fritzsch liebt diese Tiere seit seiner Kindheit.