Kultur Südpfalz Geh doch, aber bitte freiwillig!

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Bis vor einem Jahr war Konstantin Küspert Dramaturg am Badischen Staatstheater Karlsruhe und hat dort unter anderem dokumentarische Projekte wie einen Abend über Edward Snowden entwickelt. Inzwischen schreibt er nur noch. An seiner ehemaligen Wirkstätte wurde nun sein vierter Text uraufgeführt: „sterben helfen“, eine Versuchsanordnung zum Thema Freitod. Inszeniert hat Marlene Anna Schäfer, die in Osnabrück gerade „Über meine Leiche“ des Speyerer Autors Stefan Hornbach zur Uraufführung gebracht hat.

Konstantin Küspert ist ein Autor, der ausgiebig recherchiert, dann aber keine dokumentarischen Stücke entwirft, sondern eher dokumentarisch fundierte Fiktion. Das sah man gerade bei „europa verteidigen“, uraufgeführt in Bamberg. Da treten Wikinger, Römer und heutige Europäer auf und sprechen distanziert in der dritten Person über sich und die tiefe Verunsicherung im zunehmend krisengeschüttelten Kernterrain der Aufklärung Europa. Jetzt aber konnte man meinen, ein Autor in der Tradition des angelsächsischen Wellmade-Stücks sei am Werk gewesen. „Sterben helfen“ entfaltet sich in schnellen Dialogen und funktioniert wie eine düstere Zukunftsvision. Die Frage lautet: Was wäre, müsste der Mensch im Fall einer existenziellen Entscheidung einem kaltblütigen Kosten-Nutzen-Denken folgen? Bei Küspert ist nicht mehr der selbstbestimmte Freitod Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, sondern die Weigerung, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, sobald man dem Gemeinwesen zur Last fällt. Die erste, die sich lächelnd in die ewigen Jagdgründe eines scheinautonomen Suizids verabschiedet, ist die Mutter einer gewissen Lucy. Die Todeswillige organisiert eine Party, dann setzt sie den Giftinhalator an, der ihr, wie allen anderen auch, mit in die Wiege gelegt wurde. Bald aber zeigen sich erste Risse in der schönen neuen Suizidwelt. Für Lucy fühlt sich das Leben auch nach dem Tod der Mutter mal völlig okay an. Sie ist die jüngste Marketingdirektorin aller Zeiten, lebt glücklich mit ihrer Gattin und dem gemeinsamen Sohn. Das zweite Kind ist unterwegs. Plötzlich aber wird sie nach einer Routineuntersuchung mit der Diagnose „aggressiver Krebs“ konfrontiert. Auch das geschieht, wie alles andere im Stück, in rasanter Selbstverständlichkeit. Schließlich ist ja klar: Eine Frau mit solch einer Diagnose greift schnurstracks zum Inhalator. Es kommt aber anders. Ausgerechnet die in ihrem Job so effiziente Lucy tanzt aus der Reihe. Sie will nicht sterben. So was geht natürlich gar nicht. Immerhin hat die Welt sich darauf eingestellt, dass der Mensch sich immer dann selbst entsorgt, wenn er ein Problem zu werden droht. In „sterben helfen“ hat das zur Folge, dass Lucy sogar von ihrem Vater bedrängt wird, die Nächsten und sich selbst endlich mit einem tiefen Atemzug aus dem Inhalator zu erlösen. Regisseurin Marlene Anna Schäfer inszeniert nüchtern, ohne schmückendes Beiwerk und auf einer weitgehend leeren Bühne. Im Zentrum steht Ute Baggeröhr als überlebenswillige Lucy und zeigt, dass man im Angesicht des Todes zunehmend eskapistisch reagiert und sich gerne in ausgelassene Kindlichkeit retten möchte. Da sind dann aber doch diese Schmerzen, die zur Folge haben, dass die Karlsruher Lucy in einem durchsichtigen Glasquader (Bühne: Marina Stefan) mitten auf der Bühne steht und sich an eine der Scheiben presst, als könne sie den Schmerzwellen im zerfallenden Körper nicht mehr standhalten. Gegen Ende hat man den Eindruck, je länger Lucy lebt, desto verrückter könnte es im Stück zugehen. Bevor es so weit kommt, stirbt sie doch. Einen Inhalator braucht sie nicht. Ihr Freund und Helfer: Morphium.

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