Rheinpfalz Gefühlvolles Händchen für stumpfe Klingen
Tobias Ruth hat überhaupt keine Einwendungen gegen die Bezeichnung Scherenschleifer. Der guten, alten Zeit, als Messer und Scheren keine Wegwerfartikel waren, sondern Fachleuten anvertraut wurden, hängt der 27-Jährige nach. Einen mobilen Service will er in nicht allzuferner Zukunft anbieten, aber erst einmal hat er sich mit seinen Maschinen im Dachgeschoss eines Hauses in Contwig eingerichtet. Mit seinem Schärfdienst Ruth – denn Scherenschleifer greift dann doch etwas zu kurz.
Der gelernte Elektrotechniker sieht die Szene vorm geistigen Auge schon vor sich: Er steht mit einem Kleintransporter, seiner „Schärfe-Bar“, auf dem Dorf und hält mit der Kundschaft ein Schwätzchen, während er Messer, Scheren, Äxte und Sägeketten bearbeitet. „Früher sind die Schärfer ja bei den Leuten klingeln gegangen“, sagt Ruth. Er will zwar ein anderes Marketing betreiben, aber doch vor Ort seine Dienste offerieren. Er spüre, dass es dafür eine Nachfrage gebe, Retro-Welle müsse man das gar nicht erst nennen. Scherenschleifen im umfassenderen Sinne habe wieder Zukunft. Fachbetriebe, meist Fachhändler für Gartengeräte oder auch Metzgereibedarf mit angeschlossenem Schärfdienst, gibt es noch einige in und um Zweibrücken. Unspezialisierte Scharfmacher aber kaum mehr. Tobias Ruth will die Lücke schließen. Im Dachgeschoss eines Wohnhauses in der Contwiger Gutenbrunnenstraße hat er seine Werkstatt und seine Maschinen: Band-, Doppel- Nass- und Trockenschleifer und Ähnliches. Ruth ist speziell auf Kreissägenblätter und Sägeketten eingerichtet, kann aber auch Haushaltswerkzeugen und -geräten den rechten Schliff verpassen. Kaum hatte sich seine Dienstleistung herumgesprochen, kam auch schon eine spezielle Anfrage. Ob er sich denn mit Katana-Schwertern auskenne? Die traditionellen japanischen Langschwerter sind zwar aus einem speziellen Stahl gemacht, aber letztlich auch nicht schwieriger zu bearbeiten als edele Damaszener-Messer. Mit denen sich Ruth auskennt. Solche Aufträge seien zwar die Ausnahme, aber machbar, erzählt er. Der gebürtige Saarbrücker hat seinen Ein-Mann-Betrieb im April vergangenen Jahres gegründet. Eine Gründerberatung hat ihm den Weg bereitet. Denn als Elektrotechniker hatte er mit Schärfen eigentlich nichts zu tun. Der Anstoß kam aus dem Privaten. Ruths Messer waren unbrauchbar geworden, Selbsthilfe war gefragt. „Ich habe mir auf Youtube Videos übers Messerschärfen angeschaut“, berichtet er. Gleich bei den ersten, gelungenen Versuchen habe er festgestellt, dass er ein Händchen dafür hat. „Im Juli 2016 habe ich mir die erste Maschine gekauft.“ Einem Koch aus seinem Bekanntenkreis habe er die Profimesser gerichtet, das Ergebnis sei top gewesen. Deshalb, und weil er Nachfrage verspürte, sei die Idee gereift, sich selbstständig zu machen. „Das Ganze ist zulassungsfrei bei der Handwerkskammer, aber eintragungspflichtig“, erklärt Ruth. Zur Kundschaft gehören professionelle Köche, Handwerker und auch schon viele Privatkunden, die Nachhaltigkeit zu schätzen wissen. „Heutzutage bekommt man einen ganzen Messersatz für ein paar Euro“, liefert Ruth die Erklärung dafür, warum es nicht mehr allzu viele reine Schärfdienste gibt. Und wenige, die wie er den Wellenschliff beim guten Silberbesteck noch hinbekommen. Auf gutes Werkzeug, Wissen und Gefühl komme es an. „Ich höre es am jeweiligen Schnittgeräusch, ob das Messer scharf ist“, sagt Ruth, während er zur Demonstration ein Messer durch ein Blatt Papier zieht. Ruth hat Respekt vor Wertarbeit, wie sie sich in einem handgeschmiedeten Messer zeigt. „Etwas Handgeschmiedetes sollte auch handgeschärft werden“, sagt er. Gegen das Risiko, dass ein teures Messer beim Schärfen beschädigt wird, sei er bis zu einem Wert von 5000 Euro versichert. Der Feind eines jeden Messers, gibt der Experte dem Laien noch mit, seien Schneidebretter aus Glas und Keramik. „Nur welche aus Holz oder Plastik benutzen“, rät er. Außerdem solle man ein Messer warm abwaschen, nachdem man Zitrusfrüchte geschnitten habe. „Die Säure greift die Klinge an“, mahnt Tobias Ruth.