Hassloch
Garten der Nationen: Wo Vietnam neben Mexiko liegt
Im Haßlocher Garten der Nationen schrumpft die Welt auf rund 1000 Quadratmeter zusammen. Vietnam liegt hier gleich neben Mexiko, Bosnien grenzt an Malaysia, und zwischen Bohnenranken, Tomatenstauden und Zucchiniblättern verläuft keine Grenze, die trennt, sondern eine, die verbindet. Neben dem Kulturviereck, in der Verlängerung der Marianne-Wittmann-Straße, ist ein Ort entstanden, der auf den ersten Blick aussieht wie ein Kleingarten. Auf den zweiten erzählt er von Herkunft, Erinnerung und Ankommen.
Neun Parzellen sind abgesteckt. Jede von ihnen ist ein kleines Stück Heimat, bearbeitet von Menschen, die Tausende Kilometer von ihren Herkunftsländern entfernt leben und in Haßloch ein Zuhause gefunden haben. Was hier wächst, ist deshalb mehr als Gemüse. Es sind Erinnerungen an vertraute Gerüche, an Gerichte aus der Kindheit, an die Handgriffe der Eltern und Großeltern.
Enge Bindung zur Landwirtschaft
„Einwanderer sollen hier die Möglichkeit bekommen, symbolisch Wurzeln zu schlagen“, sagt Christoph Weitz, Vorsitzender des Vereins. Viele Menschen der ersten Einwanderergeneration hätten noch einen viel stärkeren Bezug zu Landwirtschaft und Gartenarbeit als die nachgewachsene Generation, erklärt der pensionierte Lehrer. Gerade jenen, die heute in Mehrfamilienhäusern wohnen und keinen eigenen Garten haben, wolle der Verein ermöglichen, ein Stück Land selbst zu gestalten.
Der Blick über die Parzellen zeigt, wie vielfältig diese Idee aufgeht. Neben Tomaten, Bohnen, Mais und Zucchini wachsen hier auch Pflanzen, die man nicht in jedem pfälzischen Garten findet: vietnamesische Salatsorten etwa, Kräuter, die anders duften, Blätter, die in anderen Küchen selbstverständlich sind. Der Garten ist damit auch ein Archiv kulinarischer Erinnerungen.
Umzug nach sechs Jahren
Dass es ihn überhaupt gibt, ist wesentlich Weitz zu verdanken. Vor rund zwanzig Jahren las er in einer Zeitschrift von dem bundesweiten Projekt Interkulturelle Gärten. Die Idee, dass Menschen mit Migrationsgeschichte über die Gartenarbeit miteinander ins Gespräch kommen, faszinierte ihn sofort.
Weitz, für den soziales Engagement Teil seines Selbstverständnisses ist, fand Mitstreiter und ein Grundstück in der Forstgasse. „Es war ein toller Ort und eine richtige Oase mit Blick auf die Haardt“, erinnert er sich. 2009 gründeten schließlich 13 Mitglieder den Verein, und aus einer Idee wurde Erde unter den Fingernägeln. Sechs Jahre später musste das Projekt auf das heutige Gelände des ehemaligen Bauhofs umziehen, weil das Grundstück in der Forstgasse nicht mehr zur Verfügung stand. Wieder begann die Arbeit von vorn. Der Boden musste von Hinterlassenschaften des Bauhofs befreit, Parzellen mussten neu aufgeteilt und viele Stunden investiert werden. Über die Jahre gedieh dort jedoch nicht nur Gemüse, sondern auch Gemeinschaft.
Genau diese Gemeinschaft hat Helmut Hübner überzeugt. Der heutige Kassenwart wohnte beim ersten Standort noch in der Nachbarschaft. „Ich habe immer gehört, dass gefeiert und viel gelacht wurde und die Stimmung gut war. Also schloss ich mich an“, sagt der gebürtige Norddeutsche. Wie Weitz beackert auch Hübner keine eigene Parzelle. Mit dem eigenen Garten hätten sie schon genug zu tun, sagen beide lachend. Durch ihr Engagement sorgen sie jedoch dafür, dass andere eine ganz greifbare Verbindung zu ihrem Heimatland aufrechterhalten können.
Aufblühen im Garten
Dass es dabei um weit mehr geht als um Gartenbau, haben beide immer wieder erlebt. Weitz erinnert sich an die Anfangszeit, als der Garten stark von Frauen geprägt war. Eine türkische Frau sei ihm besonders im Gedächtnis geblieben. In der Stadt habe er sie zuvor eher „verhuscht“ erlebt. Im Garten aber sei sie aufgeblüht. „Wenn sie hierher kam, habe ich sie kaum wiedererkannt. Das war schon toll.“
Auch Hübner hat immer wieder beobachtet, wie selbstverständlich Begegnungen entstehen können. „Wenn Menschen verschiedener Herkünfte erst einmal die Sprache können, tauschen sie sich mit anderen aus und verstehen sich, weil sie eben in der gleichen Situation sind“, sagt er. Beeindruckt sind beide auch vom Engagement der Mitglieder. „Mit welchem Eifer, mit welcher Disziplin und mit welcher Verbundenheit einige Menschen hier den Garten beackern, finde ich schon toll“, sagt Weitz.
Konstante Mitgliederzahlen
Dabei macht der Verein kaum Vorgaben. Ökologisch soll gegärtnert werden, Spritzmittel sind nicht erlaubt. Zur Bewässerung wurde ein eigener Brunnen gebohrt. Wie akkurat gepflanzt wird, wie stark sich Mitglieder einbringen oder wie oft sie vor Ort sind, bleibt jedem selbst überlassen. Manche kämen sehr oft, andere seltener, manche irgendwann gar nicht mehr, weil sie in ihre Heimat zurückgingen, weil sich Lebensumstände änderten oder weil sie merkten, dass das Gärtnern doch nichts für sie sei. „Auch das ist vollkommen in Ordnung“, sagt Weitz. Auch die Haßlocher profitieren indirekt von dem, was hier wächst. Einmal im Jahr gibt der Verein bei seiner Setzlingsaktion Jungpflanzen verschiedener Gemüsesorten ab. „Das ist immer ein voller Erfolg. Besonders unsere vielen Tomatensorten sind beliebt“, sagt Hübner.
Mit Blick in die Zukunft wolle man eher auf Kontinuität als auf Wachstum setzen. „Mir ist wichtig, dass das Projekt weitergeht“, sagt Weitz. Aktuell hat der Verein 14 Mitglieder, darunter auch Fördermitglieder. Zwar habe es über die Jahre viel Fluktuation gegeben, die Mitgliederzahl habe sich aber immer wieder stabilisiert. Es gehe nicht darum, „riesig zu werden“, sondern einen Ort zu bewahren, an dem das Gemeinsame im Mittelpunkt steht – und Menschen die Möglichkeit haben, ein Stück Heimat in der Ferne zu erhalten.
Termin
Beim „Tag der offenen Gartentür“ am Sonntag, 14. Juni, wird auch der Garten der Nationen zwischen 12 und 16 Uhr seine Tore öffnen. Besucher sind eingeladen, das Vereinsgelände in der Verlängerung der Marianne-Wittmann-Straße (neben dem Kulturviereck) zu besuchen. Für Kaffee, Kuchen und Herzhaftes ist gesorgt. Zeitgleich öffnet auch das Heimatmuseum Ältestes Haus in der Gillergasse 11 seine Türen.