Karlsruhe
Fotokunst für das Kopfkino von Yusuf Sevençli bei Kunstperipherie/n
Seine ausschließlich in Schwarz-Weiß gehaltenen Fotos lassen viel Spielraum für eine Interpretation. Der havarierte Frachter liegt, die Reling der Backbordseite im Wasser, wohl schon eine Weile am einsamen Ufer. Wie zum Hohn prangt an der Frontseite des Brückenaufbaues die Mahnung „No Smoking“. Vier dunkel gekleidete Gestalten huschen, dem Anschein nach auf der Flucht, über eine steinige Fläche. Eine schlanke Frauengestalt geht allein auf die Dunkelheit zu, ihre feinen Schuhe sind ungeeignet für den holprigen Weg – auf welche Gefahr mag sie zusteuern?
Zu Sevençli, der heute in Istanbul lebt, passt das Etikett Kosmopolit – er war und ist viel auf Reisen und weilt derzeit auf Zypern. Aber er reise, so sagte er, nicht gezielt irgendwo hin, um dort zu fotografieren. Letzteres ergebe sich vor Ort eher von selbst (und mündet dann schon auch in veritable Bildbände).
Bewusst grobe Körnung
Für Situationen und Menschen hat er einen genauen Blick, und so finden sich seine Fotos, die auf den ersten Blick wie Schnappschüsse wirken, neben Bildern voller Melancholie bis hin zum Gefühl scheinbarer Bedrohung. Und über all dem liegt oft eine gewisse Düsternis. Der Betrachter kann sich seine Gedanken machen, zumal der mit Technik und Materialien experimentierfreudige Fotograf seine Arbeiten nicht mit Titeln oder Beschreibungen versieht. Und beim Namen der Ausstellung, „Derive“, drängt sich auch keinen Deutung auf. So sind das durchaus Bilder zum Geschichtenerfinden.
Auf jeden Fall aber sind diese immer sehr poetischen, mit der Realität spielenden Aufnahmen in analoger Technik und bewusst grober Körnung hohe Fotokunst. Der Karlsruher Galerist Peter Empl war denn auch lange bemüht, diese Fotografien zeigen zu können. Er lernte Sevençli 2015 in im französischen Vichy kennen. 2020 sollte dann die Ausstellung, die der Fotokünstler eigens zusammenstellte, in Karlsruhe stattfinden, aber pandemiebedingt musste sie zwei Mal verschoben werden.
Für die Galerie Kunstperipherie/n ist dies jedenfalls ein beachtlicher Wurf. Sie hat sich programmatisch vor allem den sozialen und künstlerischen Randzonen verschrieben. Dazu passt, dass sie – obwohl eigenständig privat betrieben – ihre Räumlichkeiten im Gebäude des Vereins Sozialpädagogische Alternativen hat.
Termin
Bis 23. April in der Karlsruher Galerie Kunstperipherie/n, Scheffelstraße 37: Do 18-20 Uhr, Sa 14-18 Uhr sowie auf Anfrage. Im Netz: www.galerie-kunstperipherien.de.