Rheinpfalz Füllfederhalter museumsreif

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Heidelberg. In Glasschaukästen an den Wänden sind die Schreibgeräte verstaut, dazwischen stehen Tintenfässchen und moderne Tintenflaschen. Etwa 20 Füllfederhalter stellt Thomas Neureither aus, doch seine Sammlung umfasst noch viel mehr. 100 Schreibgeräte dürften es mittlerweile sein, die sich mit der Zeit angehäuft haben. Der ganze Stolz des gebürtigen Handschuhsheimers ist aber die große mechanische Guillochiermaschine. „Damit wurden die Verzierungen auf die Außenhüllen geritzt“, erklärt Neureither. „Maschinen dieser Art sind heutzutage sehr selten.“ In zweiten Raum sind noch andere Maschinen. An ihnen kann gezeigt werden, wie früher aus einem Rohling ein edles Schreibgerät entstand. An den Wänden hängen alte Fotografien aus den Werkstätten. „Man denkt immer, Heidelberg hatte so gut wie keine Industrie, doch das ist nicht korrekt. Ich möchte mit dem Museum auch ein Stück Industriegeschichte erlebbar machen“, sagt Neureither. In Heidelberg entstanden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Füllfederhalterfabriken. Die meisten waren kleinere Betriebe, deren Namen heute in Vergessenheit geraten sind. Die Firma Kaweco, die aus der Heidelberger Federhalterfabrik hervorging, wurde im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts zu einer der größten Schreibgerätefabriken Europas. Ab 1899 hatte die Kaweco ihren Sitz in Handschuhsheim. „Dort hat mein Großvater Valentin Neureither als Lehrling angefangen“, erzählt der 62-Jährige. „Am Ende war er Chef der Reparaturabteilung.“ Doch 1929 meldete das Unternehmen Konkurs an, und Valentin Neureither machte sich mit einer Reparaturwerkstatt für Füllfederhalter selbstständig. Viele der Exemplare waren schöne und teure Schreibgeräte, deren Außenhülle aus Galalith oder Zelluloid bestand, das verziert wurde. Deshalb war es üblich, einen Füllfederhalter reparieren zu lassen. Erst mit der Einführung der Füller aus Polymer-Spritzguss war das nicht mehr rentabel. „Mein Großvater eröffnete dann ein Geschäft für Bürobedarf und Kugelschreiber“, erzählt Thomas Neureither. „Die Kugelschreiber wurden in Heimarbeit montiert, meine Schwester und ich mussten abends mithelfen. Sie können sich vorstellen, ich war kein Freund des Schreibgeräts.“ Doch als sein Großvater 1969 starb, bewahrte der gebürtige Handschuhsheimer alle Maschinen und die Füllfederhalter auf. „Darunter befanden sich einige wertvolle Stücke. Ich hätte das nicht weggeben können, auch wenn ich damals noch keinen starken Bezug dazu hatte.“ Als sein Sohn in der zweiten Klasse zum ersten Mal mit einem Füller schreiben durfte, hatte Thomas Neureither die Idee, für die Schule eine kleine Ausstellung zu organisieren. „So habe ich meine Liebe zu den Füllfederhaltern entdeckt.“ Neureither besuchte Tauschbörsen und Flohmärkte, er spezialisierte sich auf Produkte der Firmen aus Heidelberg und Umgebung. Mittlerweile kauft er auch viel über das Internet. „Für Raritäten muss man heute sehr, sehr viel Geld zahlen, denn der Markt für historische Füllfederhalter ist abgegrast.“ Und Raritäten gibt es im Füllfederhalter-Museum einige zu sehen. Besonders schön sind die Sets mit Füllfederhalter, Brieföffner und Siegelstempel im Artdeco-Stil. Auch ein Exemplar des Füllers, das die Medaillengewinner bei den Olympischen Spielen 1972 in München bekommen haben, ist ausgestellt. Den Namen Kaweco kennt heute kaum noch jemand, wohl aber den einer anderen Firma: C. Josef Lamy gründete die Firma Lamy 1930 in Neuenheim, zog dann nach ein paar Jahren in die alten Gebäude von Kaweco. Der seit den 1960er Jahren vom Design fast identisch gebliebene Füller „Lamy 2000“ wurde zum Erfolgsprodukt. „Es gab kaum einen Schüler, der nicht mit Lamy geschrieben hat. Es gab Zeiten, da hatte die Firma 80 Prozent Marktanteil“, weiß Neureither, der schon ein bisschen stolz auf diese wirtschaftliche Erfolgsgeschichte aus seiner Heimatstadt ist. Aus diesem Stolz heraus entstand auch der Wunsch, ein Museum einzurichten – genug Exponate hatte er ja, denn schon längst war der Sammler nicht nur auf Füllfederhalter beschränkt, sondern übernahm alte Maschinen aus den Werkstätten ringsum. So kam er auch zur mechanischen Guillochiermaschine. Thomas Neureither wandte sich mit seiner Idee an Heidelbergs Oberbürgermeister Eckart Würzner. Als 2015 die Renovierung des Alten Rathauses in Handschuhsheim anstand, hatte der die Idee, in der ehemaligen Fahrzeughalle der Feuerwehr das Museum einzurichten. Seit Ende November ist das Museum geöffnet. Betrieben wird es vom Stadtteilverein Handschuhsheim. Thomas Neureither ist zu den Öffnungszeiten anwesend und beeindruckt mit seinem außerordentlichen Detailwissen. So vermutet er beispielsweise, dass der Füllfederhalter, mit dem Anne Frank ihr Tagebuch geschrieben hat und den sie darin auch erwähnt, aus Heidelberg stammte. Das Mädchen habe den Füller 1929 von ihrer Großmutter aus Aachen bekommen, und das führende Schreibwarengeschäft der Stadt führte damals als Hausmarke die Füllfederhalter der Heidelberger Firma Osmia. Noch Fragen? Das Museum im Alten Rathaus in Heidelberg-Handschuhsheim, Dossenheimer Landstraße 5, hat jeden zweiten und vierten Sonntag im Monat von 15 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet.

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