Landau Erzählen aus dem Leben und aus der Geschichte: Die Autorin Gudrun Reinboth im Porträt
Gudrun Reinboth liebt das Geschichtenerzählen – und sie kann für ihr Faible aus dem Vollen schöpfen. Nicht nur, weil die 1943 in Berlin geborene Wahl-Landauerin eine blühende Fantasie und große Leidenschaft fürs Recherchieren hat, sondern auch, weil ihr eigenes Leben reichlich Stoff, Erfahrung und Emotionen für jedwede Art von Prosa und Lyrik bietet.
Außerdem hat die „Kulisse“ oft gewechselt, wobei Berlin keine Rolle spielte, denn schon als Kind hat es Reinboth mit ihrer Familie nach Ostpreußen, dann nach Leipzig und Gießen, später in die Schweiz nach Murten und Bern verschlagen, wo sie sich nach einigen Semestern Kunstgeschichte und Germanistik für den Beruf der Bibliothekarin für wissenschaftliche Literatur entschied. Die Liebe lockte sie zurück nach Deutschland, wo Stuttgart zum Dreh- und Angelpunkt eines turbulenten Familienalltags mit drei Kindern wurde.
Gudrun Reinboth lernte das Leben, wie sie es selbst auf einen Nenner bringt „als Geschiedene, Wiederverheiratete und Witwe“ kennen, zog nach Heidelberg, wo sie mit Klaus Reinboth (der 2006 starb) nicht nur die dritte Ehe schloss, sondern auch ihren ersten Verlag mit dem Schwerpunkt „Lebenserinnerungen älterer Menschen“ gründete. Das Schreiben, Lesen und Befassen mit Literatur hat die wache Weltbürgerin immer begleitet, auch 2015 nach Landau, wo sie mit ihrem heutigen Partner in einem Mehrgenerationenhaus lebt und arbeitet. Denn neben der gemeinsamen Wohnung gibt es ein „Extra-Appartement“, in dem Gudrun Reinboth ihre literarische Leidenschaft in konzentrierter Arbeitsatmosphäre pflegt.
„Phantastische Kürzestgeschichten“
Die Regale rund um Schreibtisch und Computer sind reich bestückt mit Büchern aus eigener Feder, und mit zahlreichen Ausgaben der „Phantastischen Kürzestgeschichten“, herausgegeben von der Thomas-Le-Blanc-Bibliothek in Wetzlar, für die sie sich fast seriell „die verrücktesten Stories“ ausdenkt. „Das ist ja eigentlich nicht mein Genre, aber es macht Spaß und man kann bei diesen Texten auch mal so richtig böse sein“, meint sie und lacht. Geschichten habe sie schon immer erfunden – für ihre Geschwister, ihre drei Kinder, fünf Enkel und gewiss bald auch das eben geborenen erste Urenkelchen.
Ihre ersten Publikationen aber waren lyrischer Natur, gekeimt in ihrem tiefsten Inneren, mit einem beseelten Wunsch zu verstehen und Wunden zu heilen. Auch die Titel – etwa „Gedichte einer Mutter gegen eine friedlose Welt“ oder „Als unsere Liebe zornig wurde“ – sprechen da Bände. Später folgten Kinderbücher mit besonderem Blick auf Außenseiter und Heranwachsende, die es im Leben schwer haben, und dennoch ihren eigenen Weg finden.
Bücher für junge Leser
Nina, die Protagonistin von „Keiner hat auf mich gewartet“, muss sich nach langer Krankheit wieder ihren Platz in der Klassengemeinschaft zurückerobern, in „Drachensommer“ werden Kinder als Tier- und Umweltschützer aktiv, in der Geschichte „In meinem Baumhaus wohnen die Raben“ geht es um Probleme durch Arbeitslosigkeit und den Kampf gegen den sozialen Abstieg.
Reinboths erfolgreichstes Buch ist der Jugendroman „Nenn mich noch einmal Jochanaan“ aus dem Jahr 2004, der vor wenigen Wochen im Landauer Knechtverlag zum dritten Mal aufgelegt wurde und mit Unterrichtsmaterial für Schulen bereichert werden soll. Denn nicht nur die dicke Mappe mit positiven Rezensionen, sondern auch die Empfehlung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bescheinigen der Lektüre für Jugendliche ab zwölf Jahren einen hohen Bildungswert.
Angesiedelt ist der auf historischen Fakten beruhende Roman im frühen Mittelalter in der heutigen Schumstadt Worms. Sie ist Heimat des Findelkindes Jochanaan, das von einer jüdischen Familie angenommen und nach ihrem Glauben aufgezogen wird. Kurz vor seinem Bar-Mizwah-Fest erfährt der Junge aber, dass seine leiblichen Eltern Christen waren. Sofort muss er seine Adoptivfamilie verlassen und bei den christlichen Verwandten leben. Dieser Riss in seinem Leben wird noch schrecklicher, als die Pest in die Stadt kommt, die Juden als „Brunnenvergifter“ beschimpft und für den schwarzen Tod verantwortlich gemacht werden.
Nach der geradezu idyllischen und bildhaften Beschreibung des Alltagslebens mit sehr lehrreichen Einblicken in jüdische Glaubensfragen und Bräuche werden die Leser auch mit den Unterschieden zwischen den Religionen und schließlich den schrecklichen Auswüchsen des Judenhasses konfrontiert.
Lernen beim Schreiben
„Ich habe beim Schreiben selbst viel gelernt“, erinnert sich Gudrun Reinboth, die im Wormser Stadtarchiv ein Jahr lang „akribisch recherchierte“ und für die abgehandelte Zeit zwischen 1335 und 1348 aufschlussreiche Dokumente fand. „Alles ist wirklich so gewesen,“ versichert die Autorin, die mit ihrem Buch einen Beitrag dazu leisten will, dass es sich nie mehr wiederholt. Voraussetzung für ein gelingendes Miteinander sei gegenseitiges Verständnis, so wie sich Jochanaan, der zu Christoph wird, und seine Ziehschwester Judith immer wieder austauschen, um festzustellen: „Ich gehe meinen Weg, aber deiner ist auch schön“.
Gerade der Rückblick auf das Mittelalter, das alle Kids sehr lieben, mache es den jugendlichen Lesern leicht, in die Handlung einzutauchen und sich mit den Hauptpersonen zu identifizieren, hat die Schriftstellerin bei viele Schullesungen festgestellt. Und die fast filmreif geschilderte Szenerie hat schon überraschende Anreize gesetzt. So war das Buch in Worms bereits Grundlage für ein Stationentheater und in Neckargemünd gab es Lesungen mit jiddischen Liedern und Gitarrenbegleitung.
Sogar eine Schul-Oper mit fünf Chören ist aus dem Stoff schon erwachsen, den der Plausus-Verlag unter dem Titel „Nenn mich Jochanaan“ als Theaterstück herausgebracht hat. Jetzt ist Gudrun Reinboth schon neugierig auf das Unterrichtsbegleitmaterial, das bis zum neuen Schuljahresbeginn über einen QR-Code auf der Buchrückseite abrufbar sein soll.