Rheinpfalz Eine Mahnung zum Frieden
Am morgigen Sonntag und seit 1919 feiert die katholische Pfarrei Katharina von Alexandrien in Hauenstein ihr Gelöbnisfest Mariae Herzeleid, in dessen Mittelpunkt die altehrwürdige Pieta, das uralte Holzbildnis der schmerzensreichen Mutter Gottes, steht: Maria hält gramgebeugt und voller Schmerz ihren am Kreuz gestorbenen Sohn.
Den gleichen Schmerz hatten im Ersten Weltkrieg 47 Hauensteiner Mütter erlebt, die ihre Söhne auf den Schlachtfeldern Europas verloren hatten. Zum trauernden Gedenken an die Gefallenen des Krieges hat man das Gelöbnisfest eingeführt, das immer auch als Mahnung zum Frieden verstanden wurde. Das Vesperbild hat seinen Platz in einer Nische der über 500 Jahre alten Katharinenkapelle, den sie alljährlich zum Gelöbnisfest verlässt. Erstmals seit mehreren Jahren wird die Pieta wieder im Zentrum der Lichterprozession mitgetragen, die am Sonntag um 19.15 Uhr mit einer Marienfeier in der Bartholomäuskirche beginnt und zum Karmelkloster führt, wo der Speyerer Domkaplan Tobias Heil im Rahmen der Abschlussandacht und vor der Pieta predigen wird. Über die Entstehung der Pieta ist nichts bekannt. Der Kunstsachverständige Professor Klimm schätzte die Entstehungszeit des Vesperbildes in die Jahre 1360 bis 1380. Wer freilich das in seiner Schlichtheit so einzigartige Kunstwerk schuf, das bleibt für immer im Dunkel der Geschichte verborgen. Dennoch: Es gibt Erklärungsversuche, wie die Pieta entstanden sein könnte. Ernst Schmid, ein Schulmeister, der den Schülern der Wasgaugemeinde von 1923 bis 1926 Rechnen, Lesen und Schreiben beizubringen versucht hatte, hat in den frühen 50er Jahren im Hauensteiner Bote einen von tiefer Frömmigkeit geprägten Aufsatz veröffentlicht, in dem er unter der Überschrift „Die weinende Gottesmutter von Hauenstein“ eine trefflich formulierte Geschichte der Pieta erzählt. Da berichtet er zunächst von den Zeitumständen: „Recht hatte, wer Gewalt besaß. Kriege durchtobten das Land. Jeder stahl dem anderen das Stückchen Brot aus den Händen. Es wurde gemordet um der Kleider willen“, so schreibt Schmid und er stellt dar, wie sich das auf das kleine Walddörfchen Hauenstein ausgewirkt haben mochte. „Das Dörflein war ausgestorben. Ein Häuflein nur hielt sich verscheucht in den Wäldern des Dimpel und des Winterberges auf. Eltern ohne Kinder, Kinder ohne Eltern.“ Die Zeit also war unruhig, arm, grausam und friedlos. Doch auch diese Zeit der Schrecken habe sich erschöpft: „Gott schickte dann eine ruhige Zeit. Alles atmete auf und besann sich auf sich selbst.“ So habe sich das Leben wieder in ruhigere Bahnen begeben, man habe ein kleines Kirchlein gebaut, „aus lauter Elendstücken, Trümmern und Fetzen ihrer Habe. Ihr Mörtel waren Sand und Tränen. Sie bauten aber gut, denn was die Not gebärt, steht fest.“ Lediglich ein Zeichen in der Kirche habe noch gefehlt. Und da sei einer unter ihnen gewesen, der alles in den Kriegswirren verloren hatte. Die Schicksalsschläge hätten ihn nur noch weinen lassen. Ihn habe das Elend des Dorfes gepackt. Lassen wir Schmid weiter erzählen: „Als die Not seine Brust zu sprengen drohte, da holte er sein Schnitzmesser hervor. Er kam zur Kapelle und richtete sich darin ein, als wollte er sie nie mehr verlassen. Einen alten, festen Buchenstamm richtete er sich zu, sägte ein gesundes Stück von einem Meter Höhe ab und trug es mit zwei anderen in die Kapelle. Der Tag und die Nacht sahen ihn dort. Er arbeitete mit Leidenschaft und fasste alles Wehklagen des Dorfes zusammen und legte es in das Buchenholz, das die weinende Madonna werden sollte.“ Erst als das Werk vollendet war, habe der Künstler die Kapelle verlassen. Still sei er geworden. Sein Leid habe er „von der Schulter genommen“. Und wie ihm sei es dem ganzen Dorf ergangen: „Das Dorf vergaß, verschmerzte. Fröhlichkeit flammte wieder auf, mit Mut gepaart in allen Herzen. Maria hatte allen ihr Leid genommen. Sie weinte für alle. So kam das Wunder in das Holz ...“ Manchem stillen Beter vor der uralten Madonna wird es heute noch so gehen wie dem Künstler in Schmids Legende: Im Gebet erfährt er Trost und Geborgenheit. Ein Beter hat dieses Gebetserleben einmal so beschrieben: „Die Schmerzensreiche Mutter weint, weint mir ins Herz, weint bitter. Und ich werde klein, ganz klein und verstecke meine Anliegen, meine Sorgen und Sörglein. Ich fühle ihre Nichtigkeit. Mir wird so leicht, flockenleicht im Gemüt. Maria hat mit ihren Tränen die meinen fortgeweint.“ Wohl dem, der so glauben kann.