Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Eine große Erzählerin: Ana Laibach in der Galerie M

Ana Laibach vor ihrem großen Vexierbild „Am Anfang war nackt“.
Ana Laibach vor ihrem großen Vexierbild »Am Anfang war nackt«.

Ana Laibach kann es einfach nicht lassen – sie treibt es sogar dann bunt, wenn sie ihre überbordenden Zeichnungen und Gemälde „nur“ in Schwarz-Weiß malt. In ihre Fantasiewelt kann man nun in der Galerie M am Deutschen Tor eintauchen: „Tag für Tag. Guten Tag“, sagt sie.

Huch, was für ein Gewusel. Einsam muss man sich hier wirklich nicht fühlen. Von allen Wänden der Galerie M lugen Figuren, in vielen Ecken stecken Gestalten, und alle machen sich ihre Gedanken über Gott und die Welt und wie ihnen das Zeitgeschehen gefällt. Die Malerin und Zeichnerin Ana Laibach, die diesen unübersichtlichen, aber wirklich sehenswerten tierisch-menschlichen Auflauf zu verantworten hat, steht guten Gewissens dazwischen, kommuniziert mit ihren sympathischen Wesen und stellt sie dem Betrachter gerne vor.

Besonders ihre „Radio-hörende Spelunkenbande“, die sich im ersten Zimmer einquartiert hat, ist ihr ans Herz gewachsen. Kein Wunder, denn die mittlerweile 33-köpfige Truppe bildet mit der studierten Kulturpädagogin schon seit fünf Jahren eine Wohngemeinschaft. „Tag für Tag“ sagen sie sich „Guten Tag“ und hören dann gemeinsam die Nachrichten im Radio, die sie munter rezitieren und imitieren, kommentieren.

Ein melancholischer Mops und Schweinchen „Rakete“

Weil dabei jeder seinen ureigenen Charakter an den Tag legt, wird daraus ein vielstimmiger, lautstarker, oft dissonanter Chor. „Fritz Bernschein“ mit seinen 120 Lebensjahren auf dem abgewetzten Teddybärenfell interpretiert das Weltgeschehen nämlich in einer ganz anderen Tonlage wie der melancholisch und defätistisch veranlagte Stoffhund Mops von Bülow. Und das straff gehäkelte, der Raumfahrt frönende Schweinchen „Rakete“ begeistert sich für völlig andere Neuigkeiten als das Plüsch-Säbel-Eichhörnchen „Gibnimm“, das alle Aufmerksamkeit auf seine Eichel lenkt.

So werden die Besucher in Text und Bild spielerisch mit den unterschiedlichen Positionen der Projektionsfiguren konfrontiert und dazu animiert, ihre eigenen Meinungen zu Impfpflicht und Ukrainekrieg zu hinterfragen. Im Laufe der Jahre sollen die illustrierten Bleistiftnotizen zu einem „Zeitarchiv“ von dokumentarischem – von keinerlei Doktrin behaftetem – Wert erwachsen.

Keiner kann ohne den anderen

Schwarz-Weiß betrachtet die einstige Meisterschülerin von Max Kaminski an der Karlsruher Kunst-Akademie auch die Vergangenheit, die auf einem monumentalen Wandgemälde die Erkenntnis „Am Anfang war nackt“ deklariert. Nicht auf sinnlich paradiesische, sondern eher auf archaische Weise sind hier weibliche, männliche und tierische Figuren vexierbildhaft miteinander verwoben. Keiner kann ohne den anderen sein, jeder wird nur durch den anderen sichtbar. Alle bilden eine Schicksalsgemeinschaft, die trotz ihrer Dynamik und Organik strenge Konturen und klare Strukturen braucht.

Weniger streng geht es im Alltag der 1966 in Braunschweig geborenen Künstlerin vor. Der Raum, den sie mit breiten Papierbahnen „Fast wie Zuhause III“ ausgestattet hat, quillt über von unorthodoxem Interieur und lebendigen Szenen. Auch diese Arbeit ist eine Fortsetzungsgeschichte, deren jüngstes Kapitel gerade in Köln geschrieben wurde. Dort hat Laibach im Rahmen des Künstlerstipendiums der Stadt in einem Behindertenzentrum gelebt und eine Fülle berührender Eindrücke in sich und ihre Arbeit aufgenommen.

Wenn Putin aus der Kloschüssel glotzt

Deshalb gibt es in der Galerie M nun einen Hühnerhof und einen Verkaufsstand mit frischem Obst und Gemüse, kleine Zimmer mit raffinierten Pflegebetten und ergonomischen Hilfsmitteln, Bäder mit Fischen und Leuchtturm, eine Toilette, die man gar nicht oft genug spülen kann, weil aus ihrer Schüssel das Gesicht Putins glotzt. Wie schafft es Laibach nur, dass sich in ihren wimmelnden Welten so viele einzelne Szenen glasklar herauskristallisieren? Und dass man in diesem witzig-ironischen Trubel immer und überall Fixpunkte findet, die ernst und dauerhaft im Gedächtnis bleiben?

Ausschnitt aus Ana Laibachs Arbeit „Fast wie zuhause“.
Ausschnitt aus Ana Laibachs Arbeit »Fast wie zuhause«.

Auch umgekehrt funktioniert dieses Wechselspiel von Entgrenzung und Fokussierung. Denn die vielbeschäftigte Malerin, die von 2018 bis 2020 als Künstlerische Mitarbeiterin an der Universität Landau-Koblenz tätig war und seitdem die künstlerische Leitung der Sommerakademie Marburg innehat, inszeniert auch in kleineren Bildformaten große Abenteuer.

Eine große Erzählerin

Ihre bunten, aquarellhaften Zeichnungen entwickeln ein Eigenleben, das mit Titeln wie „Spiel mir das Lied vom Huhn“ fast filmreif wird. Je länger man die launigen Schauspiele betrachtet, die mit scheinbar minimalistischem Bleistiftstrich entworfen werden, umso dramatischer, ausladender, auch emotionaler wird das Schicksal ihrer Helden.

Bilder ohne Geschichten gibt es von Ana Laibach nicht. Da hat sie sich längst selbst durchschaut und weiß: „Ich bin eine Erzählerin. Zumindest eine indirekte Narration schleicht sich in alle Arbeiten ein – ob ich will oder nicht.“

Termin

Ana Laibach: „Tag für Tag. Guten Tag.“, bis 21. Januar in der Galerie M am Deutschen Tor Landau: Fr und Sa 15-18 Uhr; Vernissage am Freitag, 25. November, 19 Uhr.

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