Rheinpfalz „Eine Alexa für die Bibliothek wäre toll“
«Mannheim.» 22 Jahre lang war Christian Benz Leiter der Universitätsbibliothek Mannheim. Zum Monatsende hat der 67-Jährige das Zepter an Sabine Gehrlein weitergegeben und sich in den Ruhestand verabschiedet. Davor haben wir mit Benz noch über die Digitalisierung „seiner“ Einrichtung und die baulichen Veränderungen dort während seiner Ära gesprochen.
Man muss sich nach seinem Studium entscheiden, ob man in der Wissenschaft bleiben, in die Industrie gehen oder im Umfeld der Wissenschaft arbeiten möchte. Letzteres kann man beispielsweise als Unterstützer der Studierenden und Wissenschaftler, indem man ihnen Informationen aller Art zur Verfügung stellt und ihnen hilft, sich in diesem Bereich zurecht zu finden. Diesen Weg habe ich eingeschlagen und habe eine Ausbildung zum Bibliotheksreferendar absolviert. Ich besuchte ein Jahr das Bibliothekarlehrinstitut in Köln, davor absolvierte ich ein Praxisjahr in der Universitätsbibliothek Karlsruhe. Ich wollte Menschen, die Wissen erlangen wollen, bei ihren Forschungen unterstützen. Im Prinzip tun alle Verwaltungsmitarbeiter an einer Universität das. Aber was bewegte Sie als Naturwissenschaftler, sich in die Welt der Bücher zu begeben? Es war damals schon nicht mehr nur eine Welt der Bücher. Es war absehbar, dass eine Bibliothek ohne Rechner und ohne IT nicht zurecht kommen wird. Während meines Studiums habe ich mich sehr viel mit Großrechnern beschäftigt. Es interessierte mich, wie man gedruckte Informationen später digital und in Datenbanken den Forschern und Studierenden anbieten kann. Die Digitalisierung der Mannheimer Unibibliothek stand also ganz oben auf ihrer Agenda? Ja, das war eines meiner primären Ziele. Was genau bedeutet die Digitalisierung einer Bibliothek? Das findet auf mehreren Ebenen statt. Digitalisierung bedeutet, alle Prozesse über den Rechner zu steuern, also alles zu automatisieren, was sinnvoll ist, und das möglichst benutzerfreundlich. Bereits seit einigen Jahren digitalisieren wir ausgewählte Bücher. Wir haben aber auch in jeder Bibliothek Scanner, mit denen der Nutzer selbst Buchseiten einscannen, auf einen USB-Stick übertragen und dann – wohlgemerkt immer im Sinn des Urheberrechts – mit dem Inhalt arbeiten kann. Wir haben einen Online-Katalog, in dem der gesamte Bestand erfasst ist. Ich kann nach bestimmten Werken suchen oder einsehen, welche Werke zu einem bestimmten Themenkomplex vorhanden sind. Ich kann die Suche eingrenzen und beispielsweise angeben, ob ich nur die neuesten oder nur digitale Erscheinungen angezeigt bekommen möchte. Sie selbst haben während Ihrer Studienzeit noch ganz anders gearbeitet. Fiel Ihnen diese Umstellung schwer? Nein, überhaupt nicht. Ich bin schon früh mit der IT in Berührung gekommen und habe es immer als Erleichterung empfunden. Es gibt aber einige ältere Menschen, beispielsweise manche Seniorenstudenten, denen es schwer fällt, online Bücher zu finden oder auszuleihen. Unser Anliegen ist es deshalb, die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine so einfach wie möglich zu gestalten. Mein Traum wäre, dass man mit dem Computer sprechen kann. Dann würde ich einfach fragen: „Was sind die drei besten Lehrbücher für BWL?“ Und dann spuckt der Rechner die Antwort aus. Und am besten kann man die Bücher auch noch gleich ausleihen – ganz ohne Tippen. Quasi eine Alexa oder Siri für die Universitätsbibliothek? Genau (lacht). Das wäre toll. In Ihre Ära fielen auch große räumliche und bauliche Veränderungen. Als ich kam, waren die Bibliotheken in baulich schlechtem Zustand. Es gab 13 Einzel- und Institutsbibliotheken. Meine große Vision war, möglichst viel zusammenzulegen, um eine größtmögliche Effizienz zu schaffen. Außerdem sollte ein funktionales und schönes Bibliotheksambiente entstehen, so dass die Studierenden gern kommen und sich wohl fühlen. Dazu gab es sehr früh ein Gesamtkonzept, das wir mit dem Rektorat und Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Mannheim und Heidelberg, Schritt für Schritt umgesetzt haben. Es ging los mit dem Bau der Bibliothek in A 3 und wurde fortgesetzt mit dem Umbau im Schloss mit der Bibliothek im Ehrenhof und der Bibliothek im Schneckenhof, die 2007 und 2011 abgeschlossen waren. Dazu kam der Umbau des Universitätsgebäudes mit der Bibliothek der Sozialwissenschaften in A 5 und zuletzt 2016 das neue Ausleihzentrum im Westflügel des Schlosses. Wenn jetzt vermehrt digitale Medien angeschafft werden, stehen dann bald ganze Räume der Mannheimer Universitätsbibliothek leer? Der Zuwachs an Gedrucktem wird natürlich sinken, doch die frei gewordene Fläche können wir in neue Nutzerräume umgestalten. Ein Beispiel ist unser 2014 eröffnetes Learning Center in der Schneckenhof-Bibliothek. Das ist ein Bereich für Einzel- und Gruppenarbeit. Jeder Arbeitsplatz ist mit modernster Technik ausgestattet und die Bibliotheksbereiche A3, Ehrenhof und Schneckenhof sind zudem klimatisiert. Das ist vor allem im Sommer von Vorteil – so wie jetzt. Ganz davon abgesehen kann ich mir nicht vorstellen, dass es irgendwann einmal eine Unibibliothek ohne Bücher gibt. Sie wird hybrid bleiben, denn gerade in einzelnen Fachbereichen, etwa bei den Juristen, kann ich mir nicht vorstellen, dass nur noch digital veröffentlicht wird – immerhin geht es da um Gesetzestexte. Die Universität besitzt auch historische Dokumente. Was sind Ihre größten Schätze? Unser Kernstück ist die Bibliothek des Jesuitenpaters Desbillons. Dabei handelt es sich um alte Drucke. Die wichtigsten haben wir als Preziosen digitalisiert und im Internet ausgestellt. Unser wertvollstes Stück ist der Kolumbus-Brief, der gerade in der Päpste-Ausstellung in den Reiss-Engelhorn-Museen zu sehen ist. Davon gibt es nur zwei Exemplare, und eins haben wir. In dem Brief von Kolumbus an das spanische Königshaus schreibt er, wie es ihm auf seiner Reise ergangen ist.