Rheinpfalz „Ein Sahnehäubchen“
„Es war ein Sahnehäubchen obendrauf. Ich habe Einblicke bekommen ins Leben eines EU-Abgeordneten. Das ist was ganz anderes als Politik auf nationaler Ebene.“ Michael Detjens Fazit seiner rund 14 Monate, die er in Brüssel und Straßburg bisher absolviert hat, fällt positiv aus. Der Gewerkschafter – Detjen war bis 2017 Regionsgeschäftsführer Westpfalz des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und Erster Bevollmächtigter der IG Metall Kaiserslautern – rückte im Januar 2018 für Jutta Steinruck, die die Oberbürgermeisterwahl in Ludwigshafen gewann, ins EU-Parlament nach. Dass seine Zeit auf der europäischen Bühne durch die Europawahl am 26. Mai begrenzt wird, steht seit vergangenem September fest. Damals nominierte die pfälzische Regionalkonferenz der SPD Lisa Wüchner aus Limburgerhof für die Landesliste. Auf der Liste, mit der die SPD ins Rennen um die Mandate im Straßburger Parlament gehen will, findet sich Wüchner auf Platz 36, Detjen wird als B-Kandidat geführt. Alles in allem: sehr, sehr geringe Chancen, doch noch einmal zurück in die europäische Politik zu gelangen. Dessen ist sich Detjen bewusst: „Meine Zeit in Europa ist mit der Wahl beendet.“ An der Arbeit als Parlamentarier hat er schnell Gefallen gefunden. „Wir müssen Dinge entscheiden, bei denen sich die Nationalstaaten schwer tun“, hat Detjen beobachtet. Eines seiner Steckenpferde ist die Sozial- und Arbeitspolitik. „Europa muss im sozialen Bereich Verantwortung übernehmen“, findet Detjen. Dazu gehöre, dass europäische Arbeitnehmer ihre Rechte – Detjen nennt die Sozialversicherungen - in alle anderen EU-Staaten mitnehmen können. In absehbarer Zeit wird die EU, Stichwort Brexit, wohl kleiner. Zu dem Thema hat Detjen eine dezidierte Meinung. Zunächst einmal trete das Vereinigte Königreich aus der EU aus, nicht umgekehrt. Zudem hätte die britische Regierung versäumt, der Bevölkerung innerhalb von zwei Jahren die Tragweite und die Konsequenzen eines Austritts klar zu machen. „Das ist schon bizarr.“ Wie die EU künftig zu den Briten stehen wird, kann Detjen nicht genau sagen. Klar sei aber mit Blick auf Handel und Zölle: „Das Vereinigte Königreich darf nicht besser dastehen als Norwegen oder die Schweiz.“ Er sagt aber auch: „Für die EU wäre es besser, wenn die Briten drin blieben.“ Die Entscheidung sei zwar per Volksbefragung gefallen, „aber ich glaube, dass eine massive Wahlbeeinflussung stattgefunden hat“, sagt Detjen, Stichwort Soziale Medien. Nach seiner Zeit auf dem Parkett der EU kehrt Detjen zurück „auf die Payroll der IG Metall“, wie er sagt. Er werde zwar noch an einigen Projekten mitarbeiten, allerdings befinde er sich auf der Zielgeraden vor der Altersteilzeit, sagt der 60-Jährige. Seine Zeit will er nun verstärkt auch seiner kleinen Enkeltochter widmen. „Familie kommt in Europa nicht vor“, habe er erfahren. In Spitzenzeiten habe er am Wochenende vielleicht zehn Stunden Zeit mit Frau und Familie verbringen können. „Wahlkreiswochen, wie das beispielsweise Bundestagsabgeordnete haben, gibt es in Europa so nicht.“ Dafür führten ihn seine Dienstreisen nach Frankreich, Malta und Nordkorea. Das letztgenannte Ziel, verbunden mit der Chance, eine völlig andere Kultur kennenzulernen, habe ihn nachhaltig beeindruckt. „Ich habe dort sehr viele Fotos gemacht, dabei immer gefragt, ob ich das auch darf“, berichtet er. Ein Fazit seiner Brüssel-Zeit? Detjen überlegt kurz. „Wenn Europa gelingen soll, müssen wir gemeinsam Europäer werden.“ Dazu gehörten neben einer europäischen Sozialpolitik auch eine Umwelt- und eine Digitalpolitik auf EU-Ebene. „Und eine europäische Grenzpolizei und eine europäische Armee.“