Rheinpfalz Die Wiederentdeckung der Langsamkeit

Warten auf die Fahrgäste: Fährmann Fatmir Elshani (links) und Techniker Andreas Leicht.
Warten auf die Fahrgäste: Fährmann Fatmir Elshani (links) und Techniker Andreas Leicht.

«Mannheim.» „Eigentlich hatte ich hier eine Brücke erwartet“, sagt Bernd Pumpe und lacht. Er setzt seinen Fahrradhelm ab und blickt in eine außergewöhnliche Ferne. Die kleine, 1897 erbaute Altrheinfähre, die Menschen vom Ufer der Friesenheimer Insel nach Mannheim-Sandhofen oder zurück bringt, ist geradezu perfekt dafür geeignet, um ein paar Minuten Luft zu holen und eine wohltuende Langsamkeit zu genießen, die im Alltag heutzutage oftmals auf der Strecke bleibt. Es ist ein Fünf-Minuten-Kurzurlaub mitten im Mannheimer Industriegebiet. Auch Pumpes Frau, Christine Kahle, und ihre beiden Kinder Lukas und Anna genießen die unerwartete Überfahrt sichtlich. Die Sonne scheint. Der Motor tuckert sanft. Die Familie aus Telgte im Münsterland ist gerade unterwegs nach Köln. Mit dem Fahrrad fahren sie vier Tage lang den Rheinradweg entlang. Start war in Ladenburg. Sie haben Glück, dass die Altrheinfähre seit Ostersonntag wieder im Einsatz ist. Denn sonst hätten sie einen Umweg von rund neun Kilometern nehmen müssen – auf einem Weg, der bei Weitem nicht so idyllisch ist wie die Flussquerung mit der Fähre. „Es geht langsam, aber es hat seinen Charme“, sagt Christine Kahle kurz vorm Anlegen auf Sandhofer Seite und hält noch einmal ihr Gesicht in die Sonne. Die Radler zählen zu den typischen Fahrgästen, die die Altrheinfähre nutzen, denn die befindet sich mitten auf dem Rheinradweg, der durch insgesamt fünf Staaten führt. Und so sind es nicht nur Radler aus Deutschland, die sich übersetzen lassen, sondern unter anderem auch aus Frankreich, den Niederlanden oder der Schweiz. „Ab und zu setzen wir auch einen Landwirt mit seinem alten Traktor über“, erzählt Fährmann Fatmir Elshani. Gerade für die alten Trecker, die vielleicht nur sechs Stundenkilometer schaffen, ist die Fähre ein Segen. „Die modernen Traktoren fahren außen herum, um von den Feldern auf der Friesenheimer Insel zu den Höfen nach Sandhofen zu kommen“, erklärt Elshanis Kollege Andreas Leicht, der beim Tiefbauamt der Stadt Mannheim angestellt ist und sich auf der Grundkettenfähre um die Technik kümmert. „Mit den alten Schleppern wäre das allerdings ein enormer Zeitaufwand.“ Rund fünf Minuten braucht die denkmalgeschützte Altrheinfähre von einem Ufer zum anderen. Feste Ablegezeiten beziehungsweise einen Halbstunden-Takt gibt es zwar laut Plan, aber Elshani und Leicht richten sich vor allem nach den Fahrgästen. „Wenn drüben jemand winkt, legen wir ab“, so der Fährmann. Passagiere haben die beiden über den ganzen Tag verteilt. Am Wochenende seien es vermehrt Radfahrer, so Elshani. Die Besucherzahl hänge jedoch stark vom Wetter ab. „Bei Regen will niemand mit der Fähre fahren“, meint der 53-jährige Leicht, der auch Vertretungsfährmann ist. Selbst ihre Pausenzeit zwischen 13 und 14 Uhr nehmen sie nicht als in Stein gemeißelt. In der Zwischenzeit habe ein Drei-Zylinder-Hatz-Diesel den alten Einzylinder abgelöst, erklärt Techniker Leicht. Mit ihm zieht sich das 121 Jahre alte Wassergefährt an einer Grundkette am Rheinkilometer 431 entlang, kann also nicht von der Strömung abgetrieben werden. 45 Fahrgäste finden Platz auf dem 25 Meter langen und sieben Meter breiten Boot. Insgesamt dürfen es nicht mehr als zehn Tonnen Gewicht sein, die transportiert werden. Das Einzelgewicht eines Fahrzeugs darf 4,2 Tonnen nicht überschreiten. Obwohl die Transportpreise dieses Jahr etwas erhöht werden mussten, ist die Fährfahrt immer noch ein Schnäppchen. 50 Cent zahlt beispielsweise ein Fußgänger für die kurze Erholungsfahrt. Zwei Euro kosten Autos mit Fahrer, Radler zahlen einen Euro. „So günstig bekommt man das auf anderen Fähren nicht“, sagt Leicht und lächelt. Ein Lächeln haben beide Fährmänner übrigens immer auf Lager. „Wir machen oft auch Spaß mit unseren Gästen. Das gehört dazu“, erzählt Elshani. „Wo wollt Ihr hin? Nach Venedig?“, frage er hin und wieder seine zugestiegenen Gäste und sorge damit für Heiterkeit, denn die Umgebung erinnert so gar nicht an die berühmte Lagunenstadt in Norditalien. Die Rückmeldungen der Passagiere seien daher auch durchweg positiv. „So schön wie eine kleine Kreuzfahrt“ sei die Querung mit der Fähre bekommen die beiden Fährleute immer mal wieder zu hören. Und das ist gar nicht mal so arg übertrieben. Noch Fragen? Weitere Infos zur Fähre und den Überfahrten bei Fährmann Fatmir Elshani, Telefon 0152/24401257; E-Mail: elshani_fatmir120467@hotmail.com

Übergesetzt: Bernd Pumpe, Christine Kahle und die Kinder Lukas und Anna haben die Fahrt mit der Fähre genossen.
Übergesetzt: Bernd Pumpe, Christine Kahle und die Kinder Lukas und Anna haben die Fahrt mit der Fähre genossen.
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