Kultur Südpfalz Die vielen Facetten der russischen Seele

Der St.-Daniels-Chor aus Moskau und die Gemeinde Lustadt – das scheint eine Liebebeziehung zu sein. Eine Liebesbeziehung mit den Zutaten Musik, Sensibilität und Leidenschaft, mit sehr viel Einfühlungsvermögen.
Beim Neujahrskonzert in der evangelischen Apostelkirche in Lustadt gastierte das russische Vokal-Ensemble im Rahmen seiner vielfältigen Konzerttätigkeit in Europa unter seinem Dirigenten Vladislav Belikov bereits mehrere Male in der südpfälzischen Gemeinde. Nach dem Konzert am Morgen in einem Seniorenheim in Stuttgart war der Auftritt in der Apostelkirche in Lustadt als Ende der Tournee vor dem Heimflug am nächsten Morgen von Düsseldorf aus. Leider viel zu kurz, dafür aber umso eindrucksvoller. So lautete das Fazit des Konzerts, bei dem der künstlerische Leiter und zweite Tenor des St.-Daniels-Chores von einer von hektischer Betriebsamkeit bestimmten Welt sprach. Er sei zutiefst davon überzeugt, dass insbesondere der unerschöpfliche Schatz der Kirchenmusik und das Sich-Befassen mit geistlichen Werten es uns allen erleichtere, mit den Unbilden der Welt und des täglichen Lebens fertig zu werden, vor allem aber müsse Gott im Mittelpunkt unseres Alltagslebens stehen und unser Verhalten bestimmten, so Belikov. Unter dem Motto „Ost trifft West“ erlebten die Besucher einen Reigen von Melodien und Weisen aus dem reichen Schatz der geistlichen und weltlichen Musik Russlands. Sie waren einfach toll, die melancholisch-verträumten russischen Volksweisen und weitausladenden Melodien russisch-orthodoxer Kirchenmusik. Zu erleben war ein kurzweiliges und unterhaltsames Programm mit herrlichen Melodien und leidenschaftlich vorgetragenen Chorsätzen. Der St.-Daniels-Chor wurde 1992 in Moskau am Danilow- Kloster gegründet, dem Sitz des russischen Patriarchen. Die vier Choristen sind allerdings keine Mönche, sondern Kirchenmusiker, die ihre Ausbildung am renommierten Tschaikowsky-Konservatorium beziehungsweise am ebenso bekannten Gnessin-Institut in Moskau absolviert haben. Neben den beiden erfahrenen Basssängern Anatoly Obraztsov und Sergey Arkhangelskiy glänzte vor allem Tenor Sergey Tkachenko. Gleich zu Beginn des Konzertes füllten die eindrucksvollen Stimmen der Sänger den gesamten Kirchenraum mit ihrem weichen und runden Klang. Ganz gedeckt, ohne jegliche stimmliche Anstrengung, gelang es dem Quartett auch beim „Vater unser“ auf russisch „otsche nasch“, das alle Christen verbindet, ein Stück orthodoxer Kirchenmusikkultur zu vermitteln. In den orthodoxen Kirchen gibt es in der Regel keine Orgel. Der Gesang in der Kirche wird als Gebet verstanden, und zu diesem Zweck braucht man keine Instrumente. Entsprechend wird aber auch in normalen Gottesdiensten mehrstimmig gesungen und gebetet. In einigen der vorgeführten Werke gab es Solopartien, die von den jeweils anderen Sängern feinfühlig und leise begleitet wurden. Im volkstümlichen Teil wurde waren Lieder wie das „einsame Glöckchen“, das Wolgalied oder die „Zwölf Räuber“ zu hören. In den weiteren Volksliedern spürte man die Vielseitigkeit der russischen Seele, musikalisch ausgedrückt beispielsweise durch unerwartete Töne in großen Höhen oder fast abgrundtiefe Basstöne, die wohl nur wenige Sänger überhaupt so singen können. Das wohl bekannteste russische Volkslied „Moskauer Nächte“ durfte im Programm natürlich auch nicht fehlen. Ein stimmungsvolles Konzert, bei dem das Ensemble ohne Zugaben nicht aus dem Chorraum vom Publikum entlassen wurde. (som)