Kultur Südpfalz Die Stunde der Senioren

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Der heimliche Favorit, die Tragikomödie „Ewige Jugend“, gewann am Samstagabend in Berlin drei europäische Filmpreise: bester Film, bester Regisseur (Paolo Sorrentino) und bester Darsteller (Michael Caine). Der deutsche Echtzeitthriller „Victoria“, dreimal nominiert, ging bei der Gala der Europäischen Filmakademie leer aus.

„Es ist ein kleiner Film über die Freiheit, und das ist im Moment das Wichtigste in Europa, unsere Auffassung von Freiheit“, sagte Sorrentino (45) über seinen Film, in dem Caine und Harvey Keitel zwei alte Männer spielen, die den schönen Dingen im Leben ein bisschen nachtrauern, aber auch neue Freuden entdecken. Die über 2900 Mitglieder der Filmakademie hatten nicht nur für Michael Caine (82) als besten Schauspieler gestimmt, wenige Minuten zuvor hatte der Brite bereits den Preis für sein Lebenswerk bekommen und war sichtlich gerührt: „In den 50 Jahren, in den ich Schauspieler bin, habe ich nie einen solchen Preis bekommen, ich habe immer für die anderen klatschen müssen, die ihn bekamen – und ich war gut darin. Umso mehr freue ich mich über den Preis für meine Karriere“. Seiner Landsfrau Charlotte Rampling passierte das Gleiche: Zuerst wurde die 69-Jährige für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, wenige Minuten später als beste Schauspielerin in dem Senioren-Ehe-Drama „45 Years“. Die vielen Preise für die (allerdings durchaus verdienstvollen) Film-Senioren wurden abgerundet durch den Preis für die beste Komödie. Ausgezeichnet wurde der 72-jährige schwedische Regisseur Roy Andersson. Die beiden Preise für die skurrile Komödie „The Lobster“ von dem Griechen Yorgos Lanthimos (Drehbuch, Kostüme) zeigen, dass die Akademiemitglieder durchaus Filme jenseits des Mainstreams auszeichnen. Allerdings war ihnen „Viktoria“ von Sebastian Schipper (sechs deutsche Filmpreise) wohl zu extrem und innovativ. Oder zu wenig sozial relevant. Den Preis für die Entdeckung vergaben sie an den türkischen Film „Mustang“ (deutscher Start: 23. Februar 2016) der Regisseurin Deniz Gamze Ergüven: Vier türkische Mädchen im Teenager-Alter gehen mit einem Jungen aus, das gibt Stress mit den streng muslimischen Eltern. Verdient war der Preis für einen weiteren britischen Film, „Amy“ von Asif Kapadia, der als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Er handelt von der verstorbenen Sängerin Amy Winehouse und enthält bislang unveröffentlichte Privataufnahmen, die ein sehr differenziertes Bild der jungen Frau und ihrer Eltern zeichnen. Überraschend kam die Auszeichnung für die hausbackene Fünf-Länder-Coproduktion „Die Melodie des Meeres“ (deutscher Start: 23. Dezember) von Tomm Moore als beste Animation. Eigentlich war in dieser Kategorie „Shaun, das Schaf – der Film“ Favorit. Bei den Kurzfilmen ging der deutsche Beitrag „Dissonance“ von Till Nowak (der in Mainz studierte und inzwischen in Hollywood lebt) leer aus, und weil auch der als Darsteller nominierte Christian Friedel in „Elser“ übergangen wurde, gab es für Deutschland diesmal überhaupt keine Preise. Der Österreicher Christoph Waltz wurde für seinen Beitrag für das Weltkino ausgezeichnet (zurzeit spielt er den Bösewicht im James-Bond-Film „Spectre“). Waltz überraschte bei seiner Rede damit, dass er sagte, er verdankte seine Karriere „zu 100 Prozent“ dem Glück. Die zweieinhalbstündige Veranstaltung im Berliner Haus der Festspiele vor 900 Gästen wurde von dem Comedian Thomas Hermanns („Quatsch Comedy Club“) moderiert – mit extrem starkem deutschen Akzent auf Englisch. Außerdem missglückte ihm der Gag, als er Charlotte Rampling im Trenchcoat mit geschminktem Lippen in ihrer Rolle im „Nachtportier“ imitierte. Verblüffend der seltsam steife Auftritte des Regisseurs Wim Wenders, des Akademie-Präsidenten. Einen unerwarteten Höhepunkt hatte die Gala in der in gutem Englisch vorgetragen Würdigung von Daniel Brühl. Er erinnerte an den ukrainischen Filmregisseur Oleg Senzo, der in Russland wegen Terrorvorwürfen zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Gleich mehrerer Preisträger appellierten zudem für ein Europa der offenen Grenzen.

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