Landau
Die Stimmung ist bestens bei Komiker Jürgen von der Lippe
Weil seine Mimik so komisch ist. Weil er mit der Sprache spielt. Weil er die Kunst der Verzögerung vor dem Gag beherrscht wie kaum ein anderer. Und weil er sein Publikum im Griff hat – ganz locker, wie ein Kumpel, der den anderen freundlich auf den Arm nimmt.
Er selber scheint seine Furz-Pipi-Kacka-Poesie sehr lustig zu finden, griemelt in sich hinein und bringt die Leute im Nullkommanix auf seine Seite. Der 73-jährige Senior-Comedian wirkt irgendwie wie der nette Verwandte, der bei Familienfesten einen platten Gag nach dem anderen heraushaut, aber dabei so viel Spaß an seiner Rolle hat, dass man ihn einfach gern haben muss.
Das Tagesgeschehen ist nicht sein Ding
„Voll fett!“ heißt das Programm, ein Titel, der sich wohl nicht nur auf seine Körperfülle bezieht. Seit vier Jahren ist Jürgen von der Lippe schon mit dieser Show unterwegs, und sie hat sich offenbar noch nicht abgenutzt. Denn das Tagesgeschehen ist nicht sein Ding, Politik kommt nicht vor, das einzig Aktualisierte seit 2018 ist wahrscheinlich seine Altersangabe.
Die Themen sind also zeitlos: Beziehungskisten, die Plagen des Alters, körperliche Unzulänglichkeiten, Übergewicht, die Tücken der Sprache. Dabei kennt von der Lippe weder Ekel noch Hemmungen. Ein paar Beispiele gefällig: Auf einer Riesenleinwand, die seine Performance unterstützt, erscheinen zum Beispiel fröhliche nackte Greise oder – quälend lang – eine Frau, die ihr Gebiss im Mund herumdreht. Aus seinem neuen Buch, das er hemmungslos bewirbt, liest er eine Passage, die davon handelt, wie eine Altenheiminsassin auf der Klobrille festklebt. Lustig?
Und er übersetzt Jugendsprache. „Dein Nebengeräusch ist eine Biotonne mit Knieschoner.“ Was mag das wohl heißen? Von der Lippe grinst vergnügt und sagt: „Deine Partnerin ist eine dicke Vegetarierin mit Hängebusen“. Es folgt ein Beifallssturm.
Wer in der ersten Reihe sitzt, wird gnadenlos belästigt
Doch es geht auch ohne Zoten: Mit großem Vergnügen imitiert der Mann mit dem Hawaiihemd seine Kollegen, zum Beispiel Stars wie Herbert Grönemeyer, Udo Lindenberg und vor allem Peter Maffay. Er versteht solche Parodien als Hommage an die Künstler. Was ihm besonders am Herzen liegt ist der Umgang mit Sprache. Das Wort Mutter soll durch „Gebärende“ ersetzt werden? Von der Lippe will ganz korrekt sein und erkundigt sich im Baumarkt: „Haben Sie für diese Schraube eine passende Gebärende?“
Der 73-Jährige steht zwei Stunden lang solo auf der Bühne – allein das ist eine beachtliche Leistung –, aber er hat wunderbare Mitspieler: das Publikum. Besonders wer in der ersten Reihe sitzt, wird gnadenlos belästigt, etwa mit Fragen wie: Bist du schon mal beim Sex eingeschlafen? Als der Zuschauer verstummt, meint von der Lippe: „Das ist doch überhaupt nicht schlimm. Wachwerden danach ist schlimm ...“
Wie oft muss der Mensch pupsen
Ausführlich befragt der Alt-Comedian seine Opfer, wie oft am Tag der Mensch durchschnittlich pupst. Sowas muss man halt wissen in Jürgens Welt. Die Antwort lautet 14 Mal. Hübsch ist auch die Umfrage, welches Wort man aussprechen sollte, um beim Fotoshooting zu lachen. Nicht nur das altbekannte Spagettiiii. Der schönste Vorschlag: Hiienerbriiehe. Auch als Chor werden die Besucher eingesetzt. Von der Lippe zupft ein wenig auf der Gitarre, und beachtlich viele singen den schlichten Refrain: „Ich hab’ alles, was ich brauch’, und ’nen Bauch hab’ ich auch ...“ Da fühlt man sich doch unter seinesgleichen.
Die Stimmung ist also bestens in der nicht ganz ausverkauften Festhalle. Am Schluss wird geklatscht, gejohlt, gepfiffen. Erst nach drei Zugaben geht das Licht an.