Karlsruhe
Die Städtische Galerie zeigt den Universalkünstler Sigmar Polke
Sigmar Polke, Gerhard Richter und Georg Baselitz sind eine Art Dreigestirn der deutschen Gegenwartskunst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Polke, 1941 in Niederschlesien geboren, wuchs ab 1953 in Düsseldorf auf, machte eine Glasmacherlehre und studierte an der dortigen Akademie. Später war er Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, nahm drei Mal an der Documenta teil und erhielt 1986 bei der Biennale in Venedig den Goldenen Löwen. Von 1978 bis zu seinem Tod 2010 lebte und arbeitete Polke in Köln. Die letzte große Arbeit des Universalkünstlers (hier trifft das Etikett einmal wirklich zu) waren die Kirchenfenster für das Großmünster in Zürich.
Als posthume Ehrung zum 80. Geburtstag 2021 hat die Kuratorin Verena Hein für das Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg eine Polke-Schau erarbeitet, die nun – mit deutlichen eigenen Ergänzungen und neuen Akzenten – unter dem Titel „Sigmar Polke – Dualismen“ auch in der Städtischen Galerie Karlsruhe zu sehen ist.
100 Arbeiten aus allen Schaffensphasen
Für deren Direktorin Stefanie Patruno war die Übernahme-Anfrage aus Regensburg aus zwei Gründen besonders willkommen. Zum einen war das für sie, die das Amt gerade erst übernommen hatte, ein gelegen kommendes Einstiegsgeschenk. Zum anderen zählt die Galerie dank der vor einem Vierteljahrhundert dauerhaft überlassenen Sammlung Garnatz selbst über ein bemerkenswertes Konvolut an Polke-Werken. Zu sehen sind in Karlsruhe aber auch wichtige Arbeiten aus zwei anderen bedeutenden Sammlungen, nämlich dem Museum Frieder Burda in Baden-Baden sowie der Kollektion Specks (Siegen). Mit Recht konnte Patruno nun feststellen: „Wir zeigen den ganzen Polke.“
Gleich beim Eintreten in die Ausstellung werden die Besucher mit einem spiegelverkehrten Schriftzug und Polkes Credo konfrontiert: „Die Dinge sehen, wie sie sind“ – aber vielleicht sind die ja ganz anders, als man sie selbst zu sehen glaubt. Die Aufforderung, die Dinge und das scheinbar Offensichtliche, selbst die Dogmen der Mathematik, zu hinterfragen, zieht sich – ohne erhobenen Zeigefinger, dafür mit unterschiedlich dosierter Ironie – durch diese Ausstellung mit etwa 100 Arbeiten verschiedenster Art aus allen Schaffensphasen.
Er schreckte vor fast nichts zurück
Polke hat sich ja irgendwelchen festen Zuordnungen so weit wie möglich entzogen. Er war neugierig, vielseitig interessiert, experimentierfreudig. Sichtbar werdende gesellschaftliche Haltungen. Entwicklungen griff er ebenso auf wie Tendenzen in der Kunst und insbesondere auch die Möglichkeiten neuer Materialien und Techniken. Zeitweise war er auch zugänglich für spiritistisch-esoterische Anflüge („Die Schuhe des Yeti“ oder der Apparat mit zwei sich umkreisenden Kartoffeln), er griff – in einer Art Pop-Art-Persiflage – Werbemotive („Bäckerblume“) ebenso auf wie Arbeiten andere Künstler: in „Dürers Hasen“ oder im „Haus des Mondrian“.
Zeitungsausschnitte oder Fotografien dienten Polke als Vorlagen, berühmt wurde seine Rasterung mit von Hand (!) aufgetragenen Pixelpunkten. Er hat selbst gerne fotografiert und die Aufnahmen dann bearbeitet. Man könnte sagen, im guten Sinne schreckte er vor fast nichts zurück, etwa wenn er 1992 „Radioaktives Gestein auf Fotoplatten“ bannte. Neun von insgesamt 30 dieser chromogenen Farbabzüge sind in der Ausstellung zu sehen.
Zwischen Hochkultur und Trivialem
Der Titel „Dualismen“ will auf die Verknüpfung von Widersprüchlichem, aber auch auf sie Überwindung vermeintlicher Gegensätze oder Polaritäten verweisen. Was als Hochkultur und was als trivial gelten mag, unterliegt über die Zeiten Schwankungen. Auf Dauer ist nichts wirklich gewiss. Die Ausstellung zu diesem stets inspirierten wie inspirierenden Künstler hat sich gut überlegt, wie man den Besuchern den Zugang zu diesem weiten Feld erleichtern könnte. Statt eines chronologischen Aufbaues oder der Unterteilung in gattungs- oder stilistische Kriterien entschied man sich für sieben Begriffspaar wie „Figuration/Raster“, „Wahrnehmung/Magie“ oder „Wissen/Zufall“. Das macht das Ganze noch spannender.
„Bin ich, dass ich nicht nur schwarz und weiß sehe, sondern beides zugleich“, lautet ein Polke zugeschriebenes Zitat. Es gibt dazwischen auch viele Grautöne und es gibt die Farbigkeit der Welt. Auch wenn das Schwarz-Weiß-Denken heute wieder gefährlich oft die Sicht verstellt.
Termin
Bis 12. Juni in der Städtischen Galerie Karlsruhe, Lorenzstr. 27: Di-Fr 10-18 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr.