Rheinpfalz „Die Mannheimer sind abgebrühter“

Die Glasfront wie ein Spinnennetz und Spiderman hängt davor: der Eingang des neuen Cineplex.
Die Glasfront wie ein Spinnennetz und Spiderman hängt davor: der Eingang des neuen Cineplex.
Herr Noreiks, essen Sie denn gerne Popcorn?

Ja, mal lieber salzig, mal lieber süß. Das ist ganz unterschiedlich. Aber ich esse es gern. Auch während der Film läuft? (kurzes Zögern) Ja, das gehört eigentlich zum Kino dazu. Also Popcorn und Kino, das ist so ein Muss. Wir sitzen hier gerade im Saal 3, ein mittelgroßer Saal mit ...? ... 250 Plätzen. ... und viel Luft, um vom Rascheln nicht zu sehr genervt zu werden. Das gehört zur Philosophie, die hinter dem Neubau steht? Ja. Für Neustadt haben wir uns bewusst ein Kino der Zukunft überlegt. Die Besucher sollen sich dauerhaft wohlfühlen, es soll genug Platz für jeden da sein. Und wenn wir jetzt Kino 3 nehmen: Das war ursprünglich für 300 Personen konzipiert, das ist so der normale Schnitt für diese Quadratmetergröße. Mit 250 aber hat jeder noch etwas Freiraum und kann das Kino genießen. Gehören die Sessel, in denen wir gerade sitzen, zu jenen 4-D-Sitzen, in denen der Film quasi im Hintern zu spüren ist? Also wir haben viele Sitzplatzarten. Standard ist der Logensessel, der eigentlich schon sehr gut ist. Die, auf denen wir jetzt sitzen, sind extrabreite Ledersessel, die man fast in Liegeposition bringen kann. Bei der D-Box-Variante folgt der Sitz dem 3-D-Filmgeschehen. Wenn das Raumschiff durchs Weltall düst, dann geht der Sitz mit. Das hat schon was. Ist es da von Vorteil, einen möglichst schon leeren Popcorn-Eimer bei sich zu haben, falls man das 4-D-Gefühl magentechnisch nicht so verträgt? (lacht) Überraschendweise bewegt sich der Sitz tatsächlich nur ein paar Zentimeter, aber die Wirkung ist durch das Filmgeschehen auf der Leinwand schon extrem stark. Die Kombination aus Optik und kleiner Dynamik macht’s. Ab 2014 waren die Mannheimer Filmtheaterbetriebe Spickert am Standort Neustadt dran, im März 2017 war Spatenstich, 14 Monate später Eröffnung. Sind Sie erschöpft? Sagen wir es mal so: Es war eine sehr intensiv erlebte Zeit und vor allem im letzten halben Jahr kaum möglich, auch mal etwas Privates zu planen. Daher bin ich schon froh, dass am vergangenen Mittwochabend die Türen aufgegangen sind. Hatten Sie es zwischendrin mal bereut, dass sich Spickert für Neustadt als Standort entschieden hat? Neustadt ist nach den beiden in Mannheim und dem in Bruchsal ja das vierte Kino, das ich jetzt betreuen darf mit Blick auf Marketing, Betrieb und allem, was dazu gehört. Und auch wenn sich das jetzt anhört, als wollte ich mich einschleimen: Es ist mein Lieblingsstandort. Egal, mit wem ich rede, es ist immer irgendwie nett. Wir hatten ja am 22. April einen Testlauf. Viele interessierte Leute waren da, und ich habe mit ihnen spontan eine Hausführung gemacht. Sie waren offen, unkompliziert, neugierig und trotzdem nicht unkritisch. Die Mannheimer sind da viel abgebrühter. Waren Sie eigentlich schon mal in Neustadt im Kino? Klar war ich schon im Roxy. Wie kritisch wird es für das Innenstadt-Kino, das keiner verlieren will? Wir gehen ja, grob gesagt, für uns von einem Einzugsgebiet aus von Edenkoben bis Bad Dürkheim und dann noch Richtung Ludwigshafen, also von rund 250.000 Einwohnern. Wir haben mit dem Cineplex zehn Leinwände, dann kommt das Roxy noch dazu. Wenn man ehrlich ist, haben wir in Mannheim eine viel angespanntere Situation, und trotzdem kann jeder für sich in seinem Genre leben. Und ich gehe mal stark davon aus, auch im Vergleich mit der Situation in Landau, dass es ein Innenstadtleben mit Kino gibt und ein städtisches Kino-Leben auf der grünen Wiese, und da werden beide ihre Berechtigung haben. Allerdings ist der Filmverleih, der die Rechte für die Live-Übertragung aus der Metropolitan Opera in New York innehat, bereits vom Roxy aufs Cineplex umgeschwenkt ... Trotzdem wird auch Roxy-Chef Michael Kaltenegger weiter sein Live-Programm anbieten können. Bei der Übertragung aus New York ist es tatsächlich so, dass der Filmverleih nur ein Kino pro Standort erlaubt, und er hat sich jetzt für uns entschieden. Es wird aber Übertragungen geben, die vielleicht Kaltenegger macht und wir nicht, es gibt ja ganz viele Möglichkeiten inzwischen. Und es wird weiterhin Liebhaber des Innenstadt-Kinos geben, weil das ein Flair hat, das wir nicht bieten können. Droht ein solcher Verlust auch bei Blockbustern? Das ist nicht auszuschließen, klar, aber da gibt es auch in anderen Städten genügend Beispiele, dass beide damit zurechtkommen. Vieles im Cineplex erinnert, bei aller modernen Technik, an die goldenen Zeiten des Filmtheaters. Wie die Wandbespannung, die Linien auf den Teppichböden in den Sälen, die Ausstattung der Gastronomie. Warum? Stichwort golden bespannte Wände: Es gibt nicht viele Kinos in Deutschland, die dieses Design haben. Wir wollten in Neustadt das Thema „Filmpalast“ in den Sälen ein bisschen aufleben lassen, ein wenig Glanz und Glamour reinbringen. Das war sehr aufwendig, aber ich denke, es lohnt sich. Weil es auch zu Begriffen passt, die heute wieder in sind, Beispiel Lichtspieltempel. Da gibt es aber auch ganz andere. Wie Multiplex und Cineplex. Was ist denn der Unterschied? Das ist einfach. Multiplex beschreibt ein Kinogebäude mit mindestens sieben Sälen, der Begriff kam so in den 90er Jahren auf. Cineplex ist im Prinzip eine Marke, hinter der sich eine Einkaufsgemeinschaft mittelständischer Filmtheaterbetriebe verbirgt, die irgendwann zueinander gefunden haben, weil es günstiger ist, zusammen Filme, Getränke oder eben auch Popcorn einzukaufen. Wohlgemerkt, ohne eine Kette zu sein. Jedes Mitglied bleibt autark. Die Mannheimer Filmtheaterbetriebe Spickert gib es seit wann? In der dritten Generation. Spickert ist so eine typische Kino-Familie, wie man sie heute, Gott sei Dank, noch in vielen Städten erlebt. Und das ist auch das Gute an der Cineplex-Kinogruppe, die noch die einzige deutsche ist und zusätzlich versucht, in der Filmbranche noch etwas zu bewegen. Neustadt ist folglich nicht von irgendwo ferngesteuert, sondern wir haben eine eigene Leitung, die entscheidet und Ansprechpartner ist. Das ist sehr sympathisch.

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