Karlsruhe RHEINPFALZ Plus Artikel Die Liebe für die Leute: Marokko und die Migration ist Thema bei den Schlosskonzerten

Maliika Reyad
Maliika Reyad

Malika Reyad ist die Initiatorin der Karlsruher Schlosskonzerte, die seit 2005 fast immer im Gartensaal des Schlosses stattfinden. Eintritt ist frei. Die Corona-Zeit sei schwierig gewesen, erzählt Reyad. Jetzt aber geht die Reihe wieder richtig los – am 13. Dezember etwa mit einer Migrationsgeschichte.

„Es war eine schöne Erfahrung, wie das Publikum mitgegangen ist. Die Konzerte waren sehr schnell sehr voll. Die Menschen wollen Kultur. Ich wollte unbedingt dieses Jahr wieder starten“, sagt Malika Reyad. 2005 hat sie die Reihe der Konzerte im Gartensaal des Karlsruher Schlosses, begonnen, für die Eintritt erhoben wird Die Mezzosopranistin deutsch-marokkanischer Herkunft ist in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen und weiß wie es ist, wenn man sich die Eintrittspreise nicht leisten und deshalb nicht teilhaben kann.

Entstanden ist die Reihe der Schlosskonzerte durch einen Zufall, erzählt Malika Reyad. Sie suchte 2002 einen Raum für die Generalprobe zu einem Liederabend. Zusammen mit der Pianistin Heike Bleckmann war Reyad für einen Abend mit Liedern von Hanns Eisler, Kurt Weill und Arnold Schönberg in Ulm angefragt worden. Für die Generalprobe am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, zu dem die gesellschaftskritischen Lieder natürlich gut passten, suchte das Duo einen Raum.

Das Badische Landesmuseum stellte schließlich den Gartensaal zur Verfügung. Die Presse in Karlsruhe wurde informiert und plötzlich, so erinnert sich die Sängerin, war diese Generalprobe total wichtig, die Menschen kamen in den Gartensaal und waren begeistert. Malika Reyad hatte daraufhin die Idee, daraus eine Konzertreihe zu machen.

„Wir machen keine Liederabende oder Klavierrezitals, wir haben immer ein Thema. Dazu laden wir auch Schauspieler ein oder machen ein Gesprächspodium, zusätzlich zur Musik“, erklärt die freischaffende Sängerin und Gesangspädagogin das Konzept. Das allein reicht natürlich nicht. „Ich gründete zwei Vereine für die Schlosskonzerte, stellte ein Team aus Ehrenamtlichen zusammen und suchte Sponsoren“, berichtet Reyad. Die Themenabende kamen gut an, es ging um die Themen aktueller Ausstellungen im Landesmuseum, aber auch um die Verständigung zwischen Orient und Okzident, die Rolle der Frau im Islam oder die Verfolgung jüdischer Familien in Karlsruhe während des Dritten Reichs.

Höhepunkt der Karlsruher Schlosskonzerte waren die fünf Aufführungen der Oper „Die romanische Lucretia“ des Hofkomponisten Casimir Schweizelsperg zum Karlsruher Stadtgeburtstag 2015. Schweizelsperg war von 1714 bis 1717 Komponist am Hof von Markgraf Karl Wilhelm. In dieser Zeit schrieb er die vollständig erhaltene Oper über die Römerin Lucrezia, die vom Etruskerfürsten Tarquin vergewaltigt wurde und sich das Leben nahm. Klingt tragisch. „Aber in Schweizelspergers Oper stehen viele freche und auch kritische Texte, und dann noch das Thema Machtmissbrauch durch einen mächtigen Mann“, fasst Malika Reyad die fast vergessene Oper zusammen. „Dazu die wunderschöne Musik, sozusagen Barockpop. Wir haben das Stück fünf Mal im Gartensaal gespielt, mit Orchester, Bühnenbild und Kostümen. 64.000 Euro habe ich dafür aufgetrieben. 2025 wollen wir diese Oper wieder aufführen, zum 20-jährigen Bestehen der Karlsruher Schlosskonzerte“, erzählt Reyad.

Der Neustart nach Corona gestaltet sich jedoch schwierig. Das Badische Landesmuseum stellt nach wie vor den Gartensaal zur Verfügung, aber andere Faktoren haben sich geändert. „Mein Team hat sich aufgelöst, die einen fühlen sich zu alt, andere sind weggezogen. Einige Sponsoren haben ihre Geschäfte inzwischen aufgegeben, andere haben selbst finanzielle Probleme“, berichtet Reyad. Während der Corona-Jahre sei sie aber oft in der Stadt angesprochen worden, wann es denn mit den Schlosskonzerten weiter gehe.

Mittlerweile steht ihr neues Team, darunter zwei junge Musikwissenschaftler, die sich mit modernster Technik auskennen und komplexe Anträge auf Fördermittel gestellt haben, alles ehrenamtlich. Die Stadt Karlsruhe, hat Reyad erfahren, kann nur einzelne Konzerte punktuell unterstützen. Das Hotel Kübler stellt wieder die Übernachtungen für die Künstler zur Verfügung. „Dafür bin ich wahnsinnig dankbar“, sagt Reyad, denn jedes Konzert hat einen Vorlauf mit mindestens einer Probe. Eine Übernachtung allein reicht nicht. Sie klopft bei der Sponsorensuche an viele Türen. „Wir grasen halt alles ab.“

Was noch fehlt, sind Probenräume. „Wir haben für die nächsten zwei Jahre ein fantastisches Programm geplant, unter anderen eine Hommage an die Ausdruckstänzerin Loïe Fuller. Wir haben ein Riesenpotenzial“, erklärt Malika Reyad. Aber eine für alle Menschen offene, kostenlose Konzertreihe könne nicht tausende Euro für Probenräume bezahlen.

Aber es geht los. Die Eröffnung war Georg Büchners „Woyzeck“ gewidmet. Am 13. Dezember, 20 Uhr, geht es im Karlsruher Schloss um 60 Jahre Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Marokko. Unter dem Titel „Ich habe Liebe für die Leute“ singen Miriam Sabba und Malika Reyad. Gemeinsam mit Autorinnen und Autoren wird dazu das Buch „Deutsch-Marokkanische Lebenswege – Über das Suchen, Ankommen und Engagieren“ vorgestellt. Und am 26. Januar 2024 spielen die Schlagzeugerinnen Leonie Klein und Moe Fukuda eine Reihe von Uraufführungen. Tatsächlich wartet bei „Chronologie des Hybriden“, das ausnahmsweise in der Paul-Gerhardt-Kirche stattfindet, eine „multimediale Entdeckungsreise“ auf das Publikum. Alle Konzerte beginnen um 20 Uhr bei freiem Eintritt. Spenden sind sehr willkommen, versichert die Veranstalterin.

Nächster Termin

Am 13. 12., 20 Uhr, im Gartensaal: „Ich habe Liebe für die Leute“, 60 Jahre Migrationsgeschichte, Vorstellung des Buches „Deutsch-Marokkanische Lebenswege – Über das Suchen, Ankommen und Engagieren“ , Musik: Miriam Sabba, Sopran: Malika Reyad, Mezzosopran: Driss Al-Jay. Erzähler; Izumi Kawakatsu, Klavier.

Am Anfang war eine Generalprobe: Szenenfoto eines Schlosskonzerts.
Am Anfang war eine Generalprobe: Szenenfoto eines Schlosskonzerts.
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