Annweiler
Der Zauber wirkt auch in einem kleinen Kino wie dem von Klaus Fischer
Wer es nicht kennt, muss den Eingang suchen, man erreicht ihn über einen Parkplatz, steigt eine schmale Metalltreppe hinauf, steht in einem engen Kassenfoyer, keine Spur von Plüsch. Und trotzdem: der Kinozauber wirkt. Es riecht unverkennbar nach Popcorn. Klaus Fischer, der Betreiber des kleinen Filmtheaters, sitzt vor einem großen „Minions“-Plakat zwischen Kasse und Getränkeregal und freut sich über jeden Besucher, der ein Ticket löst und weiter geht in den kleinen Saal mit seinen 68 Plätzen.
„Ich hab’ Zelluloid im Blut“, sagt Fischer. „Jeder andere hätte in der Coronazeit längst hingeschmissen. Aber ich hab’ so einen guten Kontakt zur Stammkundschaft, da hätte ich mir nicht vorstellen können aufzuhören.“ Schon sein Vater war in den 50er-Jahren Filmvorführer, später Kinobetreiber. Wenn die Oma dem Vater Essen brachte und das Vesperpaket neben den Projektor stellte, war der kleine Bub dabei und bestaunte mit großen Augen die Kinotechnik. Klaus Fischer blieb der Familientradition treu und managte mehrere Kinos in Baden und Franken.
Ersatz für die „Kurlichtspiele“
Bis er schließlich in Annweiler landete. Das kleine Kino im Trifelsstädtchen ist relativ jung, kein Traditionsbetrieb. Als die Stadt ihre gute Stube, den Hohenstaufensaal, renovieren und erweitern ließ, baute sie auch ein neues Kino ein – als Ersatz für die alten „Kurlichtspiele“, die abgerissen worden waren. 2013 nach Abschluss von Umbau und Renovierung stieg Klaus Fischer, ein „Mann vom Fach“, als Pächter ein.
Filmrollen und Projektor wie zu Vaters Zeiten sind natürlich auch in diesem kleinen Lichtspielhaus passé. „Kino digital“ ist angesagt. Bits und Bytes, so Fischer, steigern die Qualität der Filmvorführung enorm. Aber: „Mir fehlt das Rattern des Projektors.“ Die Kundschaft aber dürfte das nostalgische Geräusch nicht vermissen.
Programm abseits der gängigen Kommerzkracher
Ein Publikum mit einem gewissen Anspruch, das kaum Interesse an den gängigen Kommerzkrachern hat, ist nach Angaben des Betreibers typisch für das Hohenstaufenkino. Viele Besucher kennt er persönlich. „Die schätzen, dass es das Kino noch gibt und reden mir immer gut zu, dass ich weitermachen soll.“ Unterstützt fühlt sich der cineastische Einzelkämpfer auch von der Stadt Annweiler, ihr liege der Erhalt des kleinen Kulturtempels spürbar am Herzen.
Dem „Arthouse-Publikum“, wie man die etwas anspruchsvolleren Besucher in Kinokreisen nennt, versucht Klaus Fischer immer wieder Filme abseits des Mainstream zu bieten. Als aktuelles Beispiel nennt er „Mutter“, einen hochgelobten Film mit Anke Engelke. Die bekannte Kabarettistin stellt acht Frauen dar, die aus ihrem Leben erzählen. Die Originalstimmen der Frauen sind zu hören, während Anke Engelke die Lippen synchron bewegt. Ein Experiment, wohl einmalig in der Filmgeschichte, von der Kritik bewundert. Nur: Ein Kassenschlager ist „Mutter“ nicht. Nach dem Aus für das Landauer Universum muss man in der Region schon nach Annweiler gehen, um den Film zu erleben.
Einmal musste er sogar Leute abweisen
Unvergessen ist dem Kinobetreiber der Tag, als Leute auf dem Parkplatz Schlange standen, um einen Platz zu ergattern. Er hatte damals wieder mal ein Experiment gewagt und den Dokumentarfilm „Auf dem Weg – Wenn Begegnungen verändern“ ins Programm genommen. Der Film beschreibt die Erlebnisse von Timo Götz und Salima Oudefel, die sich mit ihrer kleinen Tochter auf Weltreise machen – und mit einem weiteren Baby zurückkommen. Berührend sind die Begegnungen des mutigen Paars mit Menschen anderer Kulturen.
Wenige Tage vor der Aufführung – die Weltreisenden waren an zwei Abenden in Annweiler dabei – hatte die RHEINPFALZ einen großen Bericht über das gefilmte Abenteuer veröffentlicht. Die Folge: Besucher kamen aus der ganzen Pfalz, um die Dokumentation zu sehen. „Ich musste Leute abweisen, das war hart“, erinnert sich Fischer.
Die Leinwand macht den Unterschied
Beim Gespräch mit einem Kinofreak wie Klaus Fischer darf natürlich die Frage nach der Zukunft der Branche nicht fehlen. Das Kino ist schon oft totgesagt worden, erinnert er, bei jeder technischen Neuerung, beim Aufkommen von Fernsehen, Videokassette, Kabelfernsehen, Blue Ray, DVD und Streaming. Warum zieht es die Leute trotzdem immer noch ins Lichtspielhaus? „Wer einen Film erleben will, geht ins Kino. Wer ihn sehen will, bleibt zuhause“, erklärt Klaus Fischer und preist den Zauber der großflächigen Leinwand. „Denken Sie an das Wagenrennen in ,Ben Hur’ – das wirkt doch nur auf einer großen Leinwand.“