Wörth
„Der Richter und sein Henker“ als Drama in der Festhalle
Im Jahr 1950 erschien der Roman, der im beschaulichen Berner Umland angesiedelt ist. Darin wird nicht nur ein aktueller Mord an einem Polizisten aufgeklärt. Es geht vielmehr darum, welche Energie ein todkranker Mensch entwickeln kann, um „alte Rechnungen“ zu begleichen, um sein Verständnis von Recht und Gerechtigkeit durchzusetzen, und wie er dabei selbst nicht vor Unrecht zurückschreckt.
Zielstrebig und beinahe perfide möchte der todkranke Kommissar Bärlach endlich den Kriminellen Gastmann für einen vor Jahrzehnten begangenen Mord bestrafen. Gastmann konnte die Tat nie bewiesen werden, obwohl Bärlach selbst Augenzeuge war. Deshalb nutzt der verbitterte Kommissar die Chance, den Mord am Kollegen Ulrich Schmied seinem Erzfeind Gastmann anzuhängen, ihn endlich zu richten. Dabei nimmt Bärlach weitere Tode in Kauf, macht sich jedoch nicht selbst „die Hände schmutzig“. Er instrumentalisiert vielmehr den ehrgeizigen jungen Polizisten Walter Tschanz, der den Mord an der Seite von Bärlach aufklären soll. Gerne nimmt er die Spur, die Bärlach so offensichtlich zu Gastmann legt, auf.
Er lässt sich manipulieren, nicht uneigennützig, denn Tschanz hat das Opfer aus Eifersucht, er missgönnte ihm seine Bildung, seinen Wohlstand, den beruflichen Erfolg und die Verlobte, umgebracht. Da ist es ja passend, einen anderen Verdächtigen „überführen“ zu können. Viel zu spät, als der Polizistenmörder auch noch Gastmann und zwei seiner Mitarbeiter erschossen hat, vermeintlich in Notwehr, erkennt er die Falle, die ihm Bärlach gestellt hat. Tschanz, der kurz geglaubt hatte, am Ziel all seiner Wünsche zu sein, ist gescheitert und begeht Selbstmord.
Die Bühne wird zur Leinwand
Wer den Roman von Dürrenmatt gelesen und vielleicht eine Verfilmung davon gesehen hat, in einer hat der 1921 geborene Dürrenmatt selbst die Rolle des Schriftstellers übernommen, wird gespannt gewesen sein, wie die wechselnden Schauplätze im Roman auf der Bühne umgesetzt würden. Dafür bediente sich der Regisseur moderner Videotechnik. Die Rückwand der spärlich möblierten Bühne wurde zur Leinwand, auf die Landschaften, Innenräume oder Abstraktionen geworfen wurden. Musik verstärkte die Stimmung der einzelnen Szenen, verleitete die Schauspieler sogar hin und wieder zu rhythmischen Bewegungen oder zum Tanzen.
Autor Schönsee hatte auf Kapitel des Romans, die für das Verständnis nicht unbedingt erforderlich sind, verzichtet. Er brachte mit den ausgewählten Szenen und Dialogen die Kernaussage des Originals auf den Punkt, gab der doch etwas antiquierten Sprache einen modernen, zeitgemäßen Klang, ohne auf Dürrenmatts Ironie zu verzichten. Und er nahm sich die künstlerische Freiheit, die Bühnen-Charaktere auszubauen. Passagen des Romans, in denen der Gang der Geschichte ohne Dialoge voranschreitet, wurden durch die Schauspielerin Julia Weden in der Rolle einer Erzählerin rezitiert.
Frauen in Männerrollen
Sie spielte auch die Chefin von Bärlach und seine Ärztin (im Original war dies noch Männer). Die Hauptrolle des wandelfähigen Bärlachs wurde glaubhaft von Herbert Schöberl verkörpert, die Rolle seines Kontrahenten Gastmann hatte in Wörth Frank Meyer-Brockmann übernommen. Johann Richter spielte, mal mit jugendlichem Ungestüm, mal geplagt von Selbstzweifeln und Versagensängsten, den Anti-Helden und Mörder Walter Tschanz. Anna (Helena Krey), Verlobte des Mordopfers, war in der Bühnenfassung nicht nur zum Trauern verurteilt.
Zu schnell kam sie über den Tod ihres Freundes hinweg und hoffte an der Seite von Tschanz auf fröhlichere Tage. Kai Hufnagel verkörperte schließlich einen Rechtsanwalt und einen Zeugen, den namenlosen Schriftsteller, dessen Aussage zugunsten von Gastmann am Ende bewusst unbeachtet bleiben sollte. Ein Rätsel, genauso wie die sich drehende Figur in der Mitte der Wörther Bühne, die wie eine Inkarnation bedrohlicher Dämonen wirkte. Dämonen, die die Protagonisten unentrinnbar zu ihrem verhängnisvollen Handeln getrieben hatten.