Rheinpfalz Der Feuerentfacher ohne Einzelkämpferabzeichen
In der Schule von Thomas Höchst kann man den Mofa-Führerschein machen und Eishockey spielen. In zwei Jahren kann man dort zum ersten Mal Abitur machen. Früher war es die Contwiger Hauptschule, dann Regionalschule, dann Realschule plus. Heute ist sie eine Integrierte Gesamtschule (IGS) und eine der größten Ganztagsschulen in Rheinland-Pfalz. „Ich bin der Meinung, dass sich Schule weiterentwickeln muss“, sagt Höchst. Genau das hat er mit der IGS getan.
Thomas Höchst, seit 2004 an der Schule, hat die Sportklassen und die Fußballklassen eingeführt, die Schwerpunkte setzen. Regelmäßig heimst die IGS Contwig (Kreis Südwestpfalz) Schulpreise ein. 560 der 770 Schüler besuchen die Ganztagsschule. Die unteren Klassenstufen haben gar keine Halbtagsklassen mehr. Seit zehn Jahren gibt es die Schulkleidung, mehr oder weniger einheitliche Oberbekleidung in Blau und Weiß mit Schullogo, die die Schüler tragen sollen – denn es zur Pflicht zu machen, ist nicht möglich. Die Idee war in Rheinland-Pfalz so neu und so einmalig, dass das SWR-Fernsehen im Vorabendprogramm eine Diskussionsrunde live vom Schulhof sendete. Nach zehn Jahren steht die Schulkleidung auf dem Prüfstand: Die jüngeren Schüler tragen sie noch, die älteren weniger. Das große Zusammengehörigkeitsgefühl und die Identifikation mit der Schule habe sich nicht eingestellt, sagt Höchst offen und ein bisschen ernüchtert. Auch bei den Lehrern unterrichtet nur etwa die Hälfte in der Schulkleidung. An Höchst selbst liegt es nicht: Er sitzt grundsätzlich in Blau-Weiß im Büro und im Klassensaal. „Ich kann nicht sagen Schulkleidung, und ich trag’ sie nicht“, sagt er. Allerdings stehen die sportlichen Shirts dem 51-Jährigen auch: Höchst läuft mehrmals die Woche zehn Kilometer und war früher Landesmeister im Badminton – im Saarland, denn er wohnt in einem Vorort von Homburg. Aber längst ist die IGS Contwig in Rheinland-Pfalz und darüber hinaus nicht mehr nur für die blau-weißen T-Shirts und Jacken bekannt, sondern für Höchsts „große Herzenssache“, wie er es nennt: die Inklusion. Inklusion, nicht Integration. Das heißt: Es geht nicht darum, Förderschüler in der Regelschule zu unterrichten, sondern alle Schüler zu fördern. „Möglichst allen Schülern gerecht zu werden“, wie es Höchst ausdrückt. Nicht nur den Schülern mit ADHS, Lese-Rechtschreib-Schwäche oder besonderen Begabungen, sondern auch dem „normalen Regelschüler, der in keine Schublade passt“. Warum? „Wenn ich auf einer Linie unterrichte, wie viele Kinder treffe ich nicht mit dieser Linie?“, fragt Höchst. Fünf Bücher hat er zu dem Thema veröffentlicht, teilweise mit Contwiger Kollegen – „aus der Praxis für die Praxis“, wie er betont. Die Bücher sind bundesweit unter Pädagogen anerkannt und nachgefragt. Höchst hält Vorträge in ganz Deutschland, und er lädt Lehrer anderer Schulen nach Contwig ein, um sich anzusehen, wie die Inklusion vor Ort funktioniert. „Warum muss jeder die gleichen Fehler machen?“, fragt er. Dafür investiere er „ganz, ganz viel Freizeit“. Denn einen Vortrag an einer Schule in Nordrhein-Westfalen kann er nur halten, wenn bei uns Ferien sind und dort nicht. Wenn Höchst von seiner Arbeit spricht, dann hört man die Begeisterung, mit der er seine Ideen und Vorstellungen und ihre Umsetzung schildert. Dann spricht er von „Feuer entfachen“, von „Begeisterung wecken“, davon, dass das Feuer groß brennen und nicht mehr ausgehen soll. Für die Contwiger Kollegen bedeutet sein Engagement auch, dass sie nicht pauschal für die ganze Klasse Unterricht halten können, sondern auf die einzelnen Schüler eingehen. Das heißt: Mehraufwand. Den will Höchst durch Teamarbeit auffangen. „Ich bin ja nicht als Einzelkämpfer ausgebildet worden“, sagt er und nennt ein Beispiel: Jeder Lehrer erstellt nur eine Klassenarbeit im Jahr. Auf die greifen andere Lehrer zurück. „Es wäre doch völliger Quatsch, wenn vier Lehrer das gleiche Arbeitsblatt machen würden“, sagt Höchst und nennt einen weiteren Vorteil: Jeder Lehrer bekommt von den Kollegen Rückmeldung zu seiner Klassenarbeit und zu seinen Arbeitsblättern. 70 Lehrer hat die Schule, 15 kommen noch dazu, weil die Oberstufe gerade erst angelaufen ist. Diesen Sommer erhält die Schule einen dreistöckigen Anbau, der den Platzmangel beheben soll. 16 von 29 Klassen werden derzeit in Containern unterrichtet, es fehlt an Fachräumen und an einer richtigen Mensa. Solche Platzprobleme hätte Thomas Höchst kaum, wenn er Pfarrer geworden wäre. Der Lehrer für Mathematik und katholische Religion war zehn Jahre Messdiener, ist Mitglied im Pfarrgemeinderat und arbeitete früher in katholischen Jugendgruppen mit. Aber mit einem Schmunzeln erklärt er, warum er kein Pfarrer werden wollte: „Dafür habe ich meine Frau zu früh kennengelernt.“