Porträt: Thaddäus Maria Jungmann RHEINPFALZ Plus Artikel Der die Blicke auf sich zieht

Aufgewachsen ist er als Sebstian Jüllig in Herxheim.
Aufgewachsen ist er als Sebstian Jüllig in Herxheim.

Thaddäus Maria Jungmann rümpft seine Nase. Er kann es nicht leiden, wenn Leute ihn als Paradiesvogel bezeichnen. Das Wort spreche ihm seine Menschlichkeit ab, stigmatisiere ihn zu etwas Ausgefallenem, findet der gebürtige Herxheimer. Seine dreieckigen grünen Ohrring-Anhänger glänzen dabei in der Nachmittagssonne.

Jungmann – groß, Brille, grün-weiß gestreifter Overall, grauer Strickmantel – sitzt auf einer Bank im Landauer Schillerpark und trinkt einen Kaffee aus dem Pappbecher. Er ist auf Heimatbesuch. Vor knapp sechs Jahren hat der 26-jährige Schauspieler und Sänger sein Heimatdorf Herxheim verlassen, wo er unter dem bürgerlichen Namen Sebastian Jüllig geboren wurde. „Ich gehöre dazu, ich bin Teil der Gesellschaft“, sagt der junge Künstler.

Der Südpfälzer hat zunächst Szenische Künste an der Universität Hildesheim studiert und dann Schauspiel, Gesang und Tanz am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück. Sein Talent für diese Kunst hat der ehemalige Schüler des Pamina-Schulzentrums in Herxheim bereits auf der Chawwerusch-Bühne gezeigt, im Schulensemble Szenario. 2017 hat er als bester Nachwuchssänger den ersten Preis beim Bundeswettbewerb Gesang in der Kategorie Chanson geholt. Den haben vor ihm schon so bekannte Künstler wie Max Raabe und Thomas Quasthoff gewonnen. Inzwischen steht Jungmann auch außerhalb Deutschlands im Rampenlicht.

„ Ort, an dem ich sein kann, wie ich bin“

„Ich hatte schon immer eine Leidenschaft für Entertainment. Als Kind habe ich auf jedem Geburtstagsfest eine Tanzeinlage gegeben“, erinnert er sich lachend. Er liebe die Show, auf der Bühne habe er furchtbar viel Spaß, schwärmt er. Außerdem sei die Bühne mehr für ihn als nur ein Beruf. „Als ich als Schüler anfing, Theater zu spielen, stellte ich schnell fest, dass dies der Ort ist, an dem ich sein kann, wie ich bin. Ich musste mich nicht rechtfertigen. Das Theater gab mir Halt. Durch es bin ich selbstbewusst geworden“, berichtet Jungmann.

Er liebt Männer. Und er liebt es, Kleidung, Accessoires an sich in Szene zu setzen. Auch das verstehe er als Kunst, erklärt der 26-Jährige, der zurzeit in Köln wohnt. Um seinen Hals trägt er einen Brustbeutel. Pink und gelb sticht er hervor. „Seit ich ihn habe, verliere ich nichts mehr“, bemerkt Jungmann und grinst.

In Musicals und Theaterstücken mitgespielt

Dass Leute ihn aufgrund seines Äußeren mustern, diese Reaktion kann er nachvollziehen. „Aber oft genug musste ich mich in der Vergangenheit anstrengen, dass Menschen nicht nur mein Aussehen betrachten, sondern auch meine Persönlichkeit.“ Im Theater hingegen sei er immer mit offenen Armen empfangen worden, erzählt der Herxheimer, der schon als Student Rollen an unterschiedlichen Häusern spielte.

Während einer Studienproduktion übernahm er 2018 die Rolle des Caliban in Shakespeares „Der Sturm“ am Theater Osnabrück. In den darauffolgenden Jahren führten ihn erste Engagements als Moritz in „Spring Awakening“ ans Theater Hagen und nach Duisburg ans Theater am Marientor, wo er im Musical „Jesus Christ Superstar“ mitwirkte. Bei den Luisenburgfestspielen Wunsiedel im Fichtelgebirge spielte er den Erzähler in „Pinocchio“ sowie Venanzio in „Der Name der Rose“. Das Stück „Alice im Wunderland“ führte ihn in den Rollen Hutmacher und Raupe später erneut ans Theater Hagen. In der Berliner Szene-Bar „Bar jeder Vernunft“ stand Jungmann ebenfalls schon auf der Bühne.

Kann auf High Heels laufen

Während er weiter an seinem Kaffeebecher nippt, erzählt Jungmann von seiner Kunst-Auffassung. Sie habe sich durch sein Studium geändert. Er habe sich geändert, sagt der 1,80 Meter große Tenor-Sänger, der das Laufen auf High Heels beherrscht und ein Faible für Squash hat. Die Schauspielerei, sein Engagement als Musicaldarsteller, damit verdiene er wirklich sehr gerne sein Geld, sagt er. Dennoch will er jetzt, nachdem er sein Studium 2020 abgeschlossen hat, Neues ausprobieren.

„Neben eigenen Chanson-Programmen möchte ich mehr performative Projekte machen und neue Formen der Darstellung erforschen“, erzählt Jungmann. Er wolle in der freien Szene Fuß fassen und sich einen eigenen Raum herausarbeiten, in dem er wirken kann. Die Entfaltung seiner Kunst soll nicht durch alte patriarchale Strukturen des Theaters gebremst werden. „Da passe ich nicht rein“, findet der Herxheimer. Er sei fluider, habe männliche und weibliche Seiten. Stereotypen wie den weißen heterosexuellen Cis-Männern entspreche er nicht. Und genau diese alten Strukturen möchte er mit seiner Kunst aufbrechen, wie er sagt.

Tanz mit dem Gabelstapler im Rampenlicht

Ideen dazu liefert Jungmann gleich mit: ein maschinelles Pars de deux, eine Ästhetik der Bewegung – er tanzend zusammen mit einem Gabelstapler im Rampenlicht. An dieser Performance, mit der er ein Stück Vergangenheit erzählt, arbeite er gerade. „Die Maschine steht für das patriarchale, disziplinierte System“, sagt der Pfälzer. Als er als Student in einem großen Lager jobbte, hätten die Menschen dort zunächst nicht gewusst, wie sie mit ihm umgehen sollten. „Kaum saß ich jedoch im Stapler, war ich Teil der Gesellschaft.“

Außerdem arbeitet er noch an einem feministischen Musical über den Comic von Liv Strömquist „Der Ursprung der Liebe“. Jungmann findet, auch alte Stoffe sollten in einem neuen Narrativ gezeigt werden. Denn klassische Dramen enthielten meist überholte Werte, seien rassistisch und frauenfeindlich.

In Wien mit 120 Tänzern nackt auf der Bühne

„Mich reizen der Tanz und performative Projekte gerade sehr. Am liebsten mit Elementen des immersiven Theaters, bei dem das Publikum Teil der Inszenierung wird“, sagt Jungmann. Erfahrungen in diesem Bereich hat er bei der Performance „I wish I was a jpg.“ von Luise März am Theaterhaus Hildesheim gesammelt, wo er den Schwan spielte.

Am Tanzquartier Wien war er 2019 Teil der performativen Choreographie „Habitat“ von Doris Uhlich. 120 Tänzer haben dabei ihr nacktes Fleisch vor 600 Zuschauern geschüttelt. „Es fiel mir leicht, mich auszuziehen und mein unverfälschtes Ich zu zeigen. Denn genau darum geht es ja: kapitalistische Schönheitsideale abzustreifen und seinen nicht perfekten Körper zu präsentieren.“ Es gehe dabei nicht um Provokation, sondern um eine ehrliche Offenlegung und die Einladung des Publikums zum Gesehenen Stellung zu nehmen. Was Jungmann mit seiner Kunst erreichen will: Er möchte nicht nur unterhalten, sondern die Zuschauer anregen, ihr Bild von der Gesellschaft zu überprüfen.

Thaddäus Maria Jungmann in „Spring Awakening“ 2019 am Theater Hagen.
Thaddäus Maria Jungmann in »Spring Awakening« 2019 am Theater Hagen.
Thaddäus Maria Jungmann in „I wish I was a jpg.“ von Luise März am Theaterhaus Hildesheim.
Thaddäus Maria Jungmann in »I wish I was a jpg.« von Luise März am Theaterhaus Hildesheim.
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