Rheinpfalz „Das Maximum ist jetzt wohl erreicht“
Dass ein traditionelles Handwerk wie die Gießerei dank innovativen Denkens und unternehmerischen Mutes sehr erfolgreich sein kann, beweist Heger-Ferrit. Vor genau zehn Jahren wurde die weltweit immer noch einzigartige Gießerei in Sembach in Betrieb genommen.
Eigentlich kann man Superlative nicht steigern. Außer bei Heger: Dort scheint diese Regel nicht zu gelten. Nicht nur vom Antrag bis zur Genehmigung des Bauantrags für die Gießerei ging es „extremst schnell“, wie der geschäftsführende Gesellschafter Johannes Heger erläutert, sondern auch vom Spatenstich bis zur Fertigstellung dauerte es nur zehn Monate. „Vielleicht sollte man uns mal Flughäfen bauen lassen...“, entlockt er dem kleinen Besucherkreis ein Schmunzeln. Auch beim Blick auf die Bauweise ist man zur Verletzung der Grammatikregel verleitet und möchte Heger-Ferrit als die „einzige“ Gießerei bezeichnen, in der das Werkstück auf Schienen im kreisrunden Gebäude von einem zum nächsten Arbeitsschritt gefahren wird – im Gegensatz zur klassischen Arbeitsweise, bei der der Arbeiter zum Werkstück kommt. Obwohl sich diese Idee als äußerst erfolgreich erwiesen hat, gibt es laut Heger bisher weltweit keine Nachahmer. „Die Investitionen sind die Haupthürde“, erklärt der Maschinenbauer. Denn nur durch einen Neubau sei dieses Prinzip realisierbar, „und um die hohe Investition zu stemmen, braucht man die feste Zusage eines Abnehmers“. Auch der Zeitpunkt muss stimmen: Heger hat genau den Aufwind der Windbranche durch den politischen Willen erwischt. Lediglich eine einzige Gießerei habe das Prinzip kopiert, aber auf die Schienen verzichtet; was auf den ersten Blick als Vorteil durch mehr Flexibilität erscheint, erwies sich laut Heger aber letztlich als hinderlich, weil dort nun die Produktion durch überall abgestellte Teile behindert werde. 25 Millionen Euro hat der Unternehmer damals in die Hand genommen, um die Idee der innovativen Gießerei umzusetzen. Der Deal mit dem Auricher Windkraftanlagenhersteller Enercon, fünf Jahre lang Windradnaben abzunehmen, sorgte für die nötige Sicherheit. Fünf Millionen Euro bekam Heger zudem als Förderung vom Land und der EU mit der Vorgabe, 50 Dauerarbeitsplätze zu schaffen. „Diese Verpflichtung haben wir schon 2013 erfüllt.“ Heute sind genau 300 eigene Mitarbeiter bei Heger beschäftigt, berichtet der Geschäftsführer: 130 in Sembach und 170 in der Stamm-Gießerei Enkenbach-Alsenborn, „weil dort auch die Verwaltung ist“. Während die Gießerei für Teile von zwölf bis 15 Tonnen gebaut wurde, werden heute auch Naben von bis zu 30 Tonnen gegossen. „Die Gussteile für die Windkraftanlagen werden immer größer“, erklärt Heger, warum die Gießerei reagieren musste. Derzeit bewege sich der Schnitt der Gussteile bei 18, 19 Tonnen. Eine weitere Steigung sei jedoch in der Produktionshalle kaum machbar, „aber das Maximum ist wohl eh jetzt erreicht“, schätzt Heger. Denn der Transport auf der Straße solch großer Teile sei sehr aufwendig: „Jede Kreisverwaltung, jede Stadt muss eine Genehmigung erteilen.“ In Sembach selbst habe die Firma eine Dauererlaubnis erreicht. Beim Blick auf den Umsatz, der in den zehn Jahren seit Gründung erreicht wurde, muss der Geschäftsführer fast selbst staunen: „540 Millionen Euro, eine halbe Milliarde, haben wir erwirtschaftet!“ Im Jahr 2018 seien es allein 70 Millionen Euro gewesen. Der große Boom der vergangenen Jahre sei jedoch vorbei, verhehlt der Unternehmer nicht. Wegen des nahenden Endes der Förderung durch das EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) hätten bis 2017/18 viele Unternehmer noch schnell Windräder geordert. Im Rekordjahr 2017 habe Heger-Ferrit aufgrund der großen Nachfrage in Deutschland, dem Rest Europas und Kanada Teile für über 1200 Windräder hergestellt. „Im vergangenen Sommer ist dies jäh eingebrochen.“ Doch Angst macht dies dem findigen Unternehmer nicht: „Wir werden uns auf einem gesunden Bereich einpendeln“, schätzt er. Zudem stelle sich Heger breiter auf: Von der Spezialisierung gehe es nun zu mehr Diversifizierung, „wir bauen nun auch Gussteile zum Beispiel für Großmotoren, Kompressoren und Pressen“. So dreht sich Heger nicht nur nach dem Wind, sondern weiß auch andere Quellen zu erschließen, aus denen sich Umsatz schöpfen lässt. An Ausdauer mangelt es in der Familie ja nicht: Und so schielt Johannes Heger schon auf das Jahr 2022, in dem das 120. Jubiläum der Heger-Gruppe ansteht.