Kunst
Das Aus für die Slevogt-Galerie ist ein herber Verlust für die Region
Zugegeben: Der Ort für die Slevogt-Galerie war immer ein Notbehelf, ein schöner, aber doch ein schwieriger. Die Villa Ludwigshöhe – ohne Klimatisierung und ausgestattet mit 150 historischen Fenstern, die zum Lüften immer mal wieder geöffnet werden und dabei die eine oder andere Fliege einlassen – war nie geeignet zur dauerhaften Ausstellung von empfindlichen Kulturgütern, nicht von Ölgemälden und Aquarellen, erst recht nicht von Grafiken. „Für Konservatoren war das ein Horror“, sagt Karoline Feulner vom Landesmuseum Mainz, das früher für die Slevogt-Galerie zuständig war. Jetzt hat in der ganzen Villa Ludwigshöhe die Schlösserverwaltung der Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE) das Sagen.
Der herrliche Ausblick auf die Landschaft, deretwegen Bayernkönig Ludwig I. den Flecken ausgewählt hat und auf den er seinen Sommersitz mit der doppelstöckigen Loggia ausgerichtet hat, musste in den Räumen der sogenannten Slevogt-Galerie sogar mit MDF-Platten zugestellt werden. Nicht nur, um die Bilder vor der Sonne zu schützen, sondern um überhaupt genügend Wandfläche zum Hängen zu schaffen.
Slevogt war hier nur Gast
Um diesen Ausblick, das sommerliche Lebensgefühl des Bayernkönigs, dreht sich nach der Sanierung der Rundgang durch die Gemächer: den prachtvollen Speisesaal im Erdgeschoss mit seinen pompejanischen Wandgemälden und die Schlaf- und Wohnzimmer im Obergeschoss. Sechs Jahre wurde alles saniert. Die Villa Ludwigshöhe besitzt jetzt auch endlich eine moderne Sicherungstechnik, doch immer noch keine Klimatisierung. Mit den historischen Zimmertüren ist ein Museumsstandard gar nicht möglich.
Max Slevogt war hier 40 Jahre nur Gast. Sein geliebtes Sommerdomizil war Neukastel bei Leinsweiler, der Slevogthof, der wieder in privater Hand ist. Auch der Maler war wie der Bayernkönig von Herzen Pfälzer, nicht von Geburt. Ludwig I., aus dem Haus Wittelsbach, kam in Frankreich zur Welt, das später zu seinem Erzfeind mutierte. Slevogt wurde in Landshut geboren und ist in Würzburg und München aufgewachsen, wo er auch die Akademie besuchte. Erst später, als Professor und gefragter Porträtmaler in Berlin, flüchtete sich der Künstler im Sommer gerne aufs Land in die Heimat seiner Frau, deren Landgut er kaufte und ausbauen ließ.
Einige seiner schönsten Bilder entstanden hier in der Südpfalz. Von etlichen wollte er sich bis zu seinem Tod 1932 nicht trennen. Erst die Erben machten den Nachlass zu Geld: 121 Gemälde und Zeichnungen kaufte 1971 das Land Rheinland-Pfalz. Sie wurden ab 1980 in der eigens dafür gegründeten Max-Slevogt-Galerie in der Villa Ludwigshöhe gezeigt. Jetzt sind sie weg. Und ein Phantomschmerz wie nach einer Amputation wird bleiben bei vielen Kunstliebhabern der Region.
Historische Chance vertan
Das Erleben von des Künstlers geliebter Landschaft machte den besonderen Reiz eines Besuchs dort aus, auch wenn das Kopfkino so ganz authentisch nie war. Die propere Herrschaftlichkeit der Villa Ludwigshöhe hätte vielleicht eher zu Max Liebermann gepasst – man denke nur an seine eigens zur Inspiration gepflanzten strengen Blumenrabatten seines Reformgartens am Wannsee – als zu einem wie Slevogt, der die Natur für sein Bild davon nicht bändigen mochte.
Authentischer ist sein Refugium über Leinsweiler, auf dem die Zeit stillzustehen scheint. Viele Pfälzer erinnern sich gerne daran, wie sie hier quasi zu Gast waren beim Meister selbst oder zumindest noch seinem Geist nachspüren konnten, wenn sie auf der Terrasse nach einer Wanderung zur Suppe einkehrten und unkompliziert einen Blick auf die Bibliothek und das Musikzimmer mit den Wandmalereien werfen konnten.
2012 wurde der Slevogthof als letzter Schatz von den Urenkeln veräußert. Da hat das Land die historische Chance, zuzugreifen und ein Museum als Gesamtkunstwerk für seinen berühmten Landessohn einzurichten, vertan. Immerhin zählt Max Slevogt (1868-1932) mit Max Liebermann und Lovis Corinth zu den drei großen deutschen Impressionisten.
Die Bemühungen des heutigen Besitzers, des Landauer Architekten Thorsten Holch, das Anwesen zu sichern und hin und wieder zugänglich zu machen, gar ein Kulturzentrum zu etablieren, sind aller Ehren wert. Doch nicht zu vergleichen mit den Pilgerstätten für andere Künstler. Feulner: „Das beste Beispiel in Deutschland ist meiner Meinung nach Seebüll von Emil Nolde: ein Künstlerhaus mit seinem Atelier, das er nach eigenen Vorstellungen hat bauen lassen.“ Das etwas abgelegene Museum in Schleswig-Holstein nahe der dänischen Grenze wurde vor Kurzem erst modern erweitert.
Wollte man Slevogt in seiner südpfälzischen Wahlheimat zeigen, brauchte es einen solchen veritablen Museumsbau. „So wie in den 80er-Jahren, sind Ausstellungen heute einfach nicht mehr denkbar. Immerhin tragen wir auch eine Verantwortung für das Kulturgut“, sagt Feulner. In der Villa Ludwigshöhe hätten einige Bilder durchaus gelitten. Bei einem Gemälde vom Familienfriedhof am Slevogthof etwa drohe die Malschicht abzuplatzen. „Das können wir gar nicht mehr hängen.“ Viele Rahmen seien zudem beschlagen.
Slevogt war äußerst produktiv. 1200 Gemälde hat der Impressionist hinterlassen, 1061 sind inzwischen erfasst. 147 davon hat das Landesmuseum im Bestand, außerdem 2000 Zeichnungen und 4000 Druckgrafiken, die noch nicht einmal komplett inventarisiert sind. Zu sehen in der Dauerausstellung des Mainzer Landesmuseums sind aber nur einige wenige Gemälde: etwa das schwelgerische Großformat „Sommermorgen“, mit dem er in Berlin reüssierte; der rote Laubengang auf der Terrasse seines Hofs bei Leinsweiler; die mondbeschienenen Weinberge bei einer nächtlichen Taschenlampen-Wanderung mit dem böhmischen Maler Emil Orlik; das wie ein Promi-Schnappschuss vom roten Teppich wirkende „Selbstbildnis mit Gattin“ in festlicher Robe auf dem Weg zum Bal Paré; seine Frau „Nini in schwarzem Kleid auf rotem Sofa“; die libysche Wüste, die noch Spuren von Sand in den Farben trägt; das Porträt Liebermanns samt seinem Gegenstück von Slevogts Konterfei.
Dabei bezeichnet Feulner Slevogt durchaus als Alleinstellungsmerkmal des Landesmuseums. Immerhin ist hier die Forschungsstelle zum Werk des Malers angesiedelt, die sie leitet. Jede Woche erhalte sie zwei Anfragen zur Prüfung auf Echtheit, erzählt die Kunsthistorikerin. „Ich würde ihn gerne komplett zeigen, aber wir haben keinen Platz. Und wir können auch nicht dauernd umhängen.“ Das meiste ist also im Depot verschwunden. Der Bestand an Gemälden ist zwar digitalisiert, die Datenbank aber anders als beim Städel oder beim Badischen Landesmuseum Karlsruhe nicht öffentlich zugänglich. Da sieht Feulner sich durchaus angespornt.
VR-Brillen statt echte Bilder
Erleben, zumindest virtuell, lässt sich das Werk in Mainz auch vom Sessel aus mit VR-Brillen. Sie waren eigentlich für die Villa Ludwigshöhe konzipiert worden, deren Sanierung sich dann bekanntlich länger hinzog als geplant. Jetzt sollen sie nach Edenkoben kommen, sagt Feulner. Gerne künftig ergänzt um Eindrücke vom nahen Slevogthof, hofft sie. Und wenn die Fenster der Villa Ludwigshöhe demnächst endlich alle saniert sind, will sie auch wieder Aspekte von Slevogts Werk in wechselnden Ausstellungen zeigen. Für dieses Frühjahr noch ist eine Schau mit seinen Kollegen Otto Dill und Rolf Müller-Landau geplant.
Auch will Feulner Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit in Edenkoben aufgreifen. Zwei große Projekte zum grafischen Werk Slevogts, der viele Bücher illustrierte, hat sie mit Forschungspartnern bereits vollendet – mit der Pfälzischen Landesbibliothek Speyer, die seine Briefe verwahrt, und mit dem Saarlandmuseum, wo ihre Kollegin Eva Wolf mühelos Slevogts Sütterlin-Handschrift lesen kann. „Auf zu neuen Werken – Max Slevogt und sein Verleger Bruno Cassirer“ läuft derzeit in Saarbrücken. 2027 soll in der Villa Ludwigshöhe die Schau „Hexenküche: Max Slevogts druckgrafische Experimente“ zu sehen sein.
Und der große Aufschlag kommt erst: 2032 jährt sich Slevogts Todestag zum 100. Mal. „Nach der Ausstellung ist vor der Ausstellung“, sagt Feulner.
Termin
Karoline Feulner, die am Landesmuseum Mainz die Slevogt-Forschungsstelle leitet, hält am Freitag, 12. Juni, 19 Uhr, auf dem Slevogthof einen Vortrag über die Druckgrafiken des „Königs der Illustration“. Dazu gibt es Druckworkshops. Infos finden sich im Netz unter slevogthof.de.