Rheinpfalz
Das Alpha-Tier: Martin Rütter begeistert seine Fans in der Mannheimer SAP-Arena
Ein Hundeversteher und obendrein auch noch ziemlich witzig – welche Frau kann da widerstehen? Rund 4000 vorwiegend weibliche Fans hingen Martin Rütter für über zwei Stunden in der Mannheimer SAP-Arena an den Lippen. Was der 49-Jährige getan hat, um diese Reaktion auszulösen? Er zelebrierte sein aktuelles Programm „Freispruch“ – und vor allem sich selbst.
Es ist weniger die selbsternannt naturverbundene Jack-Wolfskin-Zielgruppe, die in der Pause die meterlange Front von Martin-Rütter-Fanartikel-Verkaufsständen belagert. Auch die Martin-Rütter-Hundeschulen vor Ort – ob in Wiesloch, Worms oder Bad Dürkheim – brauchen im Korridor der SAP-Arena nicht aktiv um Nachfrage zu werben.
Die Damenwelt ist begeistert
Nein, in beste Abendgarderobe geworfene Damen von den Zwanzigern bis in die Sechziger-Lebensjahre dominieren das Publikum. Sie kaufen Anhänger, T-Shirts, Bücher oder „Fanboxen“, die auch im Online-Shop des Tierpsychologen aus Köln gehandelt werden. Als Hundelehrer, Autor und Entertainer kann Rütter auf eine lange und erfolgreiche Karriere bis zurück in die 1990er-Jahre blicken. Dabei hätte der 1970 geborene Duisburger auch den Naturburschen einiges zu bieten, durchlief er doch in seiner Ausbildung Praktika in Wolfaufzuchtstationen oder beobachtete Dingos in Australien. So ist es aber in der Hauptsache die fein geschminkte und parfümierte Damenwelt, die Rütter auch nach der Pause mit weiteren Weisheiten über domestizierte Vierbeiner beglückt.
„Kira, Mama geht jetzt nach Hause“
Rütter deutet die Konflikte von Frauchen, Herrchen und Hund zumeist analog zu Beziehungen, die man sonst mit einem menschlichen Partner oder Kind hat oder hätte. So habe er im Park diese Frau gesehen, die Hund Kira weder mit der Hundepfeife noch mit Leckerchen zum Gehorsam überzeugen konnte. „Das heißt nicht, dass der Hund dich nicht liebt, er nimmt dich nur nicht für voll“, erklärt Rütter, warum der Hund auch nicht auf das finale „Kira, Mama geht jetzt nach Hause“ reagiert habe. Dem Programmtitel „Freispruch“ entsprechend verpackt Rütter seine Geschichten über scheinbares hündisches Fehlverhalten als „Anwalt der Hunde“ in juristische Plädoyers. Die „Anklageschriften“ dazu liefern ihm Begegnungen mit Leuten auf dem Hundeplatz, im Zug oder in seiner Praxis.„Rudi, Dogge. Fünf Jahre alt, 78 Kilo“, liest der Hundeadvokat aus einem Buch vor. Hinter ihm steht eine riesige Justitia-Statue, in deren einer Waagschale ein Plüschhund lümmelt. „Betteln und hausieren“ wird Rudi vorgeworfen, und zwar von einer älteren Frau, die Rütter im Zug von Köln nach Berlin getroffen habe.
Grenzenlose Tierliebe
„Ich guck’ Sie schon seit Jahren“, zitiert Rütter die Zugbekanntschaft in Anspielung auf seine mediale Dauerpräsenz – ob als „Hundeversteher“ im ZDF oder als „Hundeprofi“ auf Vox. „Wer braucht Sie denn schon?“, bilanzierte die Doggen-Halterin zu Rütters Verblüffung. Sie sei bei jeder Sendung überrascht, „was Sie da für ein dusseliges Zeug verzapfen. Und wie dämlich sich Ihre Kunden anstellen.“ Jedenfalls würde ihr Rudi am Tisch betteln und dabei furchtbar sabbern. „Frage: wie haben Sie das dem Hund denn beigebracht?“, dreht Rütter die Anklage um, ohne dass Rudi dabei sympathischer wird, im Gegenteil: Es sei ein weitverbreitete „Fehleinschätzung“ von Hundebesitzern, dass speziell ihr Tier „total intelligent“ wäre. Dass der Hund in Wirklichkeit „kurz vor der Amöbe“ stehen könne, werde vom Frauchen aus lauter Zuneigung oft ausgeblendet, erklärt Rütter am Beispiel eines Paares mit Hund in seiner Praxis: „Boah, is’ der hässlich“, habe der Tierpsychologe zwar den Hund gemeint, die Frau daraufhin aber ihren Mann angeschaut.
Zweideutigkeiten aus dem Ruhrpott
Erntet Rütter zum einen für seine Ruhrpottsche Raubein-Eloquenz pausenlose Lachsalven, vergisst er doch nie seinen erzieherischen Auftrag. „Betteln ist existenziell“, macht sich die Rudi-Anekdote durch Rütters plötzlich belehrend-ernsten Unterton schon fast zur Fabel. „Jeder will an die Zitze und ziehen.“ Seine zweideutige Metaphorik wird zwar mit Gejohle honoriert. Aber Rütter bleibt klar im Vergleich und der Botschaft: „Ein Hund muss betteln können. Sonst wäre er nicht überlebensfähig“. Vom Bernhardiner über den Dobermann bis hin zur französischen Bulldogge reichen die Analysen – in einer Melange aus Hunde-Horaz und Atze Schröder kommt Rütter mit seinem Dampfgeplauder bei jeder Hundehalterin an. Und das ist ihm voll bewusst. Viele Männer würden zwar „von ihrer Frau hergeschleppt werden“. Aber der Hundetrainer kann mit seinem Alpha-Tier-Charme offensichtlich ganz gut leben.