Rheinpfalz Dank Sturridge wackelt die Bude
Mannheim. Ziemlich fest in englischer Hand: Im Irish Pub „Murphy’s Law“ auf dem Mannheimer Bahnhofsvorplatz dominierten gestern Nachmittag die drei englischen Löwen über den roten walisischen Drachen. Und auch auf dem Fußballplatz in Lens bei der EM war das so.
Rund 25 englische Fans gegen vielleicht fünf walisische. Dazu ein paar neutrale Beobachter. Und wie lautstark englische Fans jubeln können, ist in der Nachspielzeit in der EM-Partie zwischen England und Wales schwerlich zu überhören. Als Daniel Sturridge den walisischen Keeper Hennessey schließlich überwindet, wackelt die Bude. Flache Hände donnern auf die Theke, hier und da spritzt etwas Gerstensaft durch die Luft, weil der Jubelnde zum Zeitpunkt des Treffers gerade ein gefülltes Glas in der Hand hält. Oben rechts neben dem Bildschirm zittert ein Bilderrahmen, der den Besuch des amerikanischen Präsidenten in Irland am 1. Dezember 1995, zwölf Uhr (!), dokumentiert. „Bill Clinton grüßt das irische Volk“, steht da zu lesen. Am Eingang rechts an einem Tisch in der Ecke sitzen drei walisische Fans – entsetzte Gesichter. „Unbelievable, unbelievable“, krächzt einer der England-Fans. Unglaublich. Einfach mal für ein paar Momente die Augen schließen oder nicht nach draußen schauen, wo vielleicht gerade eine Straßenbahn der Linie 4 vorbeifährt. Dann kann man nicht glauben, dass man sich in Mannheim befindet. Eher in England, vielleicht in einem Pub irgendwo in Ipswich, Bognor Regis oder Carlisle. Im „Murphy’s Law“ gestern das britische Bruderduell zu gucken, bedeutet für zwei Stunden England-Urlaub pur, für wenig Geld. 3,40 Euro die Apfelsaftschorle und 9,30 Euro für ein Irish Stew mit Lammfleisch, Kartoffeln, Sellerie und Karotten. Dazu ein Straßenbahnticket von Lu aus „iwwer die Brick“. Wohltat dabei: Mal nicht die Stimme und die Kommentare von „Titan“ Kahn hören zu müssen. Im Pub läuft BBC. Eine muntere Jungseniorenriege hat sich der englische Moderator im Studio als Experten eingeladen. Alan Shearer (45 Jahre alt, 63 Länderspiele) und Rio Ferdinand (37, 81) für England sowie die walisischen Ex-Nationalspieler John Hartson (41, 51) und Dean Saunders (51, 75). Auf drei Bildschirmen läuft der englische Sender mit voller Lautstärke, auf dem vierten das ZDF – ohne Ton. Kurz vor der Partie sehen wir mal kurz hin, „Stani“ Stanislawski erklärt gerade gestenreich an der Tafel die Fußballwelt. Knapp vor der Halbzeit: Superstar Gareth Bale trifft. Wer jetzt jubelt, dessen Herz schlägt für Wales. „Hen Wlad Fy Nhadau“ heißt die Nationalhymne, die immer laut mitgeschmettert wird. Altes Land meiner Väter. Im Halbzeit-Interview auf dem Platz sehen wir eine walisische Legende. Ian Rush (54). Im schwarzen, dreiteiligen Anzug, rot-weiß-längsgestreiften Hemd, mit roter Krawatte, rotem Einstecktuch. Hellgraue Haare, braune Gesichtsfarbe. Fesch sieht er aus, der Ian. 73 Länderspiele machte er für sein kleines, großes Land. „Alles, was schiefgehen kann, das wird auch schiefgehen.“ So lautet das bekannteste von Murphy’s Gesetzen. Dass der irische Pächter und Wirt Richard Costigan (42), geboren in Kildare südlich von Dublin, diesen Pub vor 13 Jahren übernommen hat, ist keinesfalls schiefgegangen. „Mit 20 kam ich zur BASF und lernte Chemikant, vermittelt durch ein Arbeitsamt in Irland.“ Er kickte beim BSC Oppau und spielte Rugby in Handschuhsheim, erzählt er. Sein Versprechen: Mein Sohn Conor wird im Rugby mal deutscher Nationalspieler. Wie alt er denn sei, wollen wir wissen. „14 Monate.“ Das kann also noch dauern.