Klingenmünster
Brigitte Urhausen genießt den südpfälzischen Zuhause-Urlaub
Wir haben uns auf der Burg Landeck verabredet. Kein Trubel im Burghof, die Gastronomie hat heute Ruhetag. Die Landeck, urig, geschichtsträchtig und aussichtsprächtig, ist einer von drei Spielorten des Stationentheaters „Faust – ein ewiges Prinzip“, mit dem ein knappes Dutzend engagierter Kulturmacher den südpfälzischen Sommer bereichert. Brigitte Urhausen gehört zu dieser theaterbegeisterten und wagemutigen Truppe, und sie spielt eine ganz besondere Rolle: den Mephisto.
Bevor an diesem Tag zwischen den Burgmauern die Proben beginnen, setzen wir uns in eine der Fensternischen – genießen sozusagen einen Logenplatz mit erstklassigem Ausblick auf Weinberge und Wald. Eine sanfte Sonne scheint uns auf die Nase, ab und zu pustet eine Windbö über die improvisierte Kaffeetafel. Bis dahin war der Sommer ja eher launisch, wie ein verlängerter April, und das ist überhaupt nicht nach dem Geschmack von Brigitte Urhausen. „Ein Sommer muss einfach warm sein,“ meint sie. „Ich brauche die klaren Jahreszeiten, weil man sich dann besser auf die nächste Jahreszeit freuen kann.“
Das war schon in ihrer Kindheit so, damals in Luxemburg. Das kleine Nachbarland hat seine Kinder mit acht Wochen Sommerferien verwöhnt – und diese Zeitspanne war für sie die große Freiheit, erzählt die Schauspielerin. In dem kleinen Dorf Soleuvre ist sie aufgewachsen und hat eine Kindheit erlebt, wie sie heute selten geworden ist: „Man ist einfach vor die Tür gegangen und spät abends heimgekommen. Das war schön. Aber nach den acht Wochen habe ich mich riesig auf die Schule gefreut.“
Und heute, was ist ihr Wohlfühlort zur Sommerzeit? Die Antwort ist schnell und klar: Zuhause. Die Familie – mit Ehemann Jörg Brombacher und zwei Kindern – macht nur ganz selten Urlaub im klassischen Sinn. Es sei schwierig, eine gemeinsame Zeit zum Verreisen zu finden. „Vor ein paar Jahren waren wir mal an Ostern in der Toskana.“ Ansonsten heißt der Wohlfühlort Gleiszellen. Dort setzt man sich mit Freunden abends auf der Terrasse zu einem Glas trockenen Weißwein zusammen, entwickelt neue Theaterideen und genießt den südpfälzischen Zuhause-Urlaub.
In Gleiszellen gibt’s kein Sommerloch
Manche Künstler klagen über ein kulturelles Sommerloch. In Gleiszellen ist das Gegenteil der Fall: Die heißen Wochen sind für sie die Zeit höchster Kreativität und intensiver Arbeit. Denn seit vier Jahren beteiligt sich die Kulturinitiative Untere Winzergasse, die sie gegründet haben, am Kultursommer Rheinland-Pfalz mit einem anspruchsvollen Stationentheater. Es begann 2022 mit „East in a Nutshell – Der Osten als Mikrokosmos“ rund um ihr Heimatdorf, gefolgt von einer literarischen Reise durch die Sagenwelt „Vom Weinberg zur grünen Insel – Erzählungen von Hexen, Werwölfen und Drachen“ und 2024 „Rückkehr nach Canossa“, eine „irre“ Geschichte von Luigi Pirandello.
Von Sommerloch also keine Spur. Jetzt also „Faust – Ein ewiges Prinzip“. Ist es nicht schwierig, ein ambitioniertes Kulturprojekt weit abseits der Metropolen auf die Beine zu stellen? „Wir haben offene Türen eingerannt“, freut sich die Schauspielerin. Als Theatermacher erlebten sie in der Südpfalz viel Anerkennung und Unterstützung, zum Beispiel von Verbandsbürgermeisterin Kathrin Flory und Landrat Dietmar Seefeldt. Das entscheidende Element bei einem solchen Vorhaben aber sei Idealismus: „Niemand ist hier wegen der ,ausufernden’ Gage. Da sind nur Menschen dabei, die einfach Lust haben, an verrückten Projekten mitzuarbeiten.“ Gemeint sind damit die Profis, die ihren Sommer „opfern“, aber auch eine muntere Gruppe von Laiendarstellern. „Wir haben Leute von elf bis 92 Jahren dabei, was uns sehr beglückt.“ Doch bei aller Freude am Spiel: „Jedes Jahr so ein Projekt zu stemmen, ist für alle ein Riesenkraftakt. Wir stoßen energetisch und physisch an unsere Grenzen.“
Brigitte Urhausen steht vor einer besonderen Herausforderung, da sie den Mephisto verkörpert – übrigens nicht als erste Frau in dieser Rolle. Die Figur hat für sie einen besonderen Reiz, hat viele Farben. „Mephisto kann supercharmant, albern, richtig fies und wütend sein, kann kleinlich denken, kann sämtliche menschlichen Züge annehmen.“ Wie sie die Rolle ausgestaltet, ergebe sich erst im Lauf der Proben, die gerade mal „knackige vier Wochen“ dauern.
Wie steht es überhaupt mit der Kultur in der Region? Mehr Geld wäre schön, meint Urhausen , aber sonst fällt ihr dazu kaum etwas Kritisches ein. Natürlich stehe kein großes Staatstheater in den Weinbergen, aber sie habe das Gefühl, dass kulturell einiges geboten wird und „vieles läuft, was man nicht auf den ersten Blick sieht“. Tatkräftige Künstler in der Region handelten nach der Devise: Wenn nichts da ist, dann machen wir eben was. Urhausen nennt den Musiker und Pianisten Adrian Rinck, den amerikanischen Pianisten Chris Jarrett, der in der Südpfalz lebt, oder auch den Architekten Thorsten Holch, der sich seit Jahren um die Erhaltung des historischen Slevogthofs bemüht – „aus Idealismus“.
Wir nehmen noch einen Schluck Kaffee und schauen aus der Fensternische auf den Burghof. Etwa um 2006 hat die Schauspielerin die Landeck zum ersten Mal gesehen, erzählt sie. Damals hat sie mit Kollegen im Pfalzklinikum das Stück „Shock Headed Peter“ (Struwwelpeter) aufgeführt und war hingerissen von der schönen Landschaft. Ungefähr zehn Jahre später ist die Familie nach Gleiszellen gezogen, und seitdem ist die Landeck „die erste Burg, die ich von zuhause aus sehe“. Und immer wieder ein Wegzeichen auf der Strecke von Gleiszellen nach Luxemburg.
Ein letztes Thema ist ihr noch wichtig. Seit 13. Juni ist sie deutsche Staatsbürgerin, zusätzlich zur luxemburgischen Nationalität. „Es hat mich wahnsinnig gemacht, dass ich nicht wählen durfte, obwohl sich mein ganzes Leben hier abspielt. Der Rechtsruck in diesem Land jagt mir Angst ein,“ sagt sie. „Da kommt es auf jede Stimme an.“
Zur Person
Brigitte Urhausen lebt mit ihrem Ehemann, dem Bühnenbildner Jörg Brombacher, und zwei Kindern in Gleiszellen. 1980 ist sie in Luxemburg geboren, studierte in Stuttgart an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Von 2004 bis 2009 hatte sie am Pfalztheater Kaiserslautern ein festes Engagement, spielte die Julia in Shakespeares „Romeo und Julia“, die Luise in Schillers „Kabale und Liebe“ und das Gretchen in Goethes „Faust“. Seit 2009 ist sie freiberuflich tätig, unter anderem am Staatstheater Karlsruhe, bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, am Deutschen Theater Berlin und immer wieder an Theatern in Luxemburg. 2023 erhielt sie den Luxemburger Theaterpreis. Regelmäßig ist sie in Deutschland und Luxemburg in Film- und Fernsehproduktionen zu sehen, unter anderem in der ZDFneo-Serie „Was wir fürchten“. Am bekanntesten ist Urhausen wohl als Gesicht der Hauptkommissarin Ester Baumann im saarländischen Tatort, die sie seit 2019 verkörpert.
Termine
Stationentheater „Faust – Ein ewiges Prinzip“ am 22./23. August auf der Burg Landeck, am 29./30. August in Gleiszellen-Gleishorbach, am 5./6./7. September auf dem Slevogthof bei Leinsweiler. Karten gibt es im Vorverkauf unter kulturinitiative-gleiszellen-gleishorbach.de und beim RHEINPFALZ Ticket Service.