Rheinpfalz Bezaubernd und schrecklich
„Gehen Sie geradeaus – da, wo’s am lautesten ist, da macht’s am meisten Spaß“, sagt Sabine Schwarz aus dem saarländischen Neunkirchen, mit langem Rock und einem grauen Mantel mit schwarzem Pelzkragen im keltisch-germanischen Stil gewandet, schmunzelnd auf die Nachfrage, wo die Band Skurrilitas spielt. Am Pfingstwochenende kamen die Mittelalterfans am Ohmbachsee wieder voll auf ihre Kosten: Trotz des ungünstigen Wetters war der Mittelaltermarkt, den die Freie Gilde Kohlbachtal dieses Jahr wieder ausgerichtet hatte, sehr gut besucht.
Im Dämmerlicht säumten am Samstagabend Fackeln den Weg, viele Handwerker und Lagerleute hatten es sich in Anbetracht der kühlen Temperaturen in ihren Zelten bei einem Lagerfeuer gemütlich gemacht. Zu ihnen gehörte auch das „Volk zur Kurpfalz“. Die Mittelalterfans aus Landau kannten die Westpfalz bereits von ihren Besuchen bei Märkten in Altenkirchen und waren jetzt zum vierten Mal am Ohmbachsee. „Und wir kommen immer wieder, die Atmosphäre hier ist einfach toll“ schwärmte Cornelia Barry, während sie auf einer Bank saß und ihren Hund Boomer streichelt, einen dreijährigen Bordercollie-Mischling. „Der ist immer mit dabei,“ ergänzte auch ihr Mann Karl-Heinz, der sichtlich gut gelaunt in die Haut eines Bogenschützen geschlüpft war. Im Hintergrund sorgte die Band Skurrilitas mit Sänger Julian Trauth und Gitarrist Florian Merkel in einer Taverne mit Folksongs wie „Atemlos“ und dem alten Volkslied „What shall we do with a drunken sailor“, bei dem viele Besucher spontan mitsangen, für Stimmung und gute Laune – wie die Bänkelsänger des Mittelalters. Dazu passte auch der Name anderer Völker wie der „Alkoholix“, die in ihrem Zelt „Betreutes Trinken“ anboten. Einer der Besucher hatte dies auch dringend nötig, denn er schaffte den Weg zur Toilette nicht mehr. Und ein junges Paar hätte sich wohl ein Zelt mit geschlossenem Eingang gewünscht... Stärkung konnten sich die Besucher bei der Hanfbäckerey besorgen. Mit Einbruch der Dunkelheit freuten sich alle auf die Feuershow, die von Mitgliedern verschiedener Gruppen wie „Caledonia Flames“, „Prometheus’ Erben“ und „Thors Söhnen“ vorgeführt wurde. Die ungeplante Wartezeit war schnell vergessen, als die Fackelschwinger und Feuerschlucker ihre atemberaubende Akrobatik zeigten: Immer schneller kreisten die Fackeln, bis sie ihre Träger schließlich wie eine funkensprühende Fahne einzuhüllen schienen. Eine Akrobatin tanzte in einem Fackelkranzes, den sie mal um ihren Kopf schwang oder wie einen Sonnenschirm um sich drehte, mal kreisend um die Hüften bewegte. Dudelsack und Trommeln unterstrichen die Spannung. Auf die Rufe des Publikums nach Zugaben boten die Akrobaten noch eine Nummer an, „die so gefährlich ist, dass nur die kühnsten Recken sich trauen, sie auszuführen“. Wie sich herausstellen sollte, waren dies drei Kinder, die ihre Fackeln auspusteten – unter dem erleichterten Lachen der Zuschauer. Unter diesen waren auch Jamie Espinoza aus Texas und ihr sechsjähriger Sohn Preston. Sie leben seit drei Jahren in Deutschland, im benachbarten Gries. „Ja, mir hat das supergut gefallen, es war ein Riesenspaß,“ schwärmte die junge Amerikanerin. In ihrer Heimat gibt es zwar auch Mittelaltermärkte, aber nicht regelmäßig. „Und am tollsten war die Schlussszene, als alle mit ihren Fackeln herauskamen.“ Ihrem Sohn Preston dagegen gefielen die Kinder am besten, die mit ihrem Auftritt am Ende der Show alle zum Lachen brachten. Beim Sonntagsbummel über den Markt fielen neben einer anschaulichen Zeitleiste des Mittelalters mit Steckbriefen verschiedener Berufe und diversen Handwerkerständen wie Tuchwebern mit Spinnrad, Korbflechtern, Elbengard & Clamhau’s Lederliebhaberey, Tanzweibern, Wikingern und Bogenschützen vor allem die sogenannten Unehrbaren ins Auge. „Ich wollte das Leben eines Henkers zeigen, der im Mittelalter auch für die Bordelle und die Kloakenreinigung zuständig war,“ erzählte der Procus carnifex genannte Henker Mark Brown, im bürgerlichen Leben Elektrikermeister. „Das ist eine Lücke in den Mittelaltermärkten, das will kaum einer machen.“ In einem zum „Foltermuseum“ deklarierten Zelt erläuterte er zusammen mit Patrick Connach alias Patrick Scheurer – im zivilen Leben IT-Berater –, wozu die verschiedenen Gerätschaften verwendet wurden. Ein Befragungsstuhl mit Stacheln auf Sitz und Lehnen diente ebenso der Wahrheitsfindung wie das Rad, die Streckbank oder Judaswiege und Spanischer Bock, bei denen die Genitalien misshandelt wurden. Eine Ehrenstrafe war die Schandmaske, mit der man beispielsweise Lauschen und Geschwätzigkeit bestrafte. Da Folterungen immer noch aktuell sind, sammelten „die Unehrbaren“ Mitleidstaler, die sie Organisationen wie Amnesty International spenden wollen. Der Treue der Ehefrau konnte man sich durch einen Keuschheitsgürtel versichern – an Hygiene dachte niemand. In der Öffentlichkeit waren Frauen ohnehin allenfalls als Prostituierte, „Hübschlerinnen“ genannt, oder „weise Frauen“ ein Thema. Letztere wurden gerade wegen ihres Kräuterwissens oft als Hexen gefoltert und getötet, wie Elektrikerin Sabine Burghard erläuterte. „Ich bin Hure und Hexe – so sah man Frauen außerhalb der Familienrolle.“ (knf)