Rheinpfalz Beim Zaunbauen Freiheit genießen
«HINTERWEIDENTHAL.» Douglasien-Lattenbretter zuschneiden, zusammennageln, mit großen Hacken den Waldboden freimachen. Die Arbeitstage im Hinterweidenthaler Gemeindewald beginnen mit Sonnenaufgang und enden bei Sonnenuntergang. Geschlafen wird in der Weißenberger Hütte unweit des Luitpoldturms, einer Forsthütte ohne Storm und warmes Wasser. 18 Teilnehmer des Bergwaldprojekts gehören zu den Aktivisten, die seit dem vergangenen Samstag und noch bis morgen mitarbeiten.
Bewusst und gewollt zum Wohl des Waldschutzes minimieren die Helfer ihre Bedürfnisse, verzichten auf jeglichen Komfort. Viele von ihnen sind schon Jahre beim Bergwaldprojekt im Einsatz. Begleitet und fachlich angeleitet werden die Männer und Frauen von den Landschaftspflegern des Forstamts Hinterweidenthal: Stefan Ehrhardt und Michael Hammer. Die Ranger, so werden sie genannt, sorgen für die Logistik, stehen mit fachkundigem Rat und handwerklichen Taten zur Verfügung. „Lass uns losfahren“, spricht sich Ehrhardt mit Michael Hammer auf dem Betriebsgelände des Forstamts ab. Der Ford Ranger des Forstamts zieht einen großen Anhänger, beladen mit Werkzeug und Holzbrettern, die die beiden Gruppen des Bergwaldprojekts benötigen, um ausgewählte Flächen mit großkronigen, alten Eichenbäumen für die natürliche Verjüngung einzuzäunen. Wir fahren im Hinterweidenthaler Gemeindewald südlich der B 10 in Richtung Hauenstein, sehen den Landgasthof „Zum Frauenstein“ fast aus der Vogelperspektive und bleiben an einem neu errichteten Hordengatter stehen. „Das ist das Werk unserer Teilnehmer“, berichten die beiden Ranger. Die Zäune sollen das Wild davon abhalten, Eicheln zu fressen. Es fallen sehr viele Eicheln ab, aus denen in 200 bis 300 Jahren stattliche Furniereichen wachsen sollen. Der Naturzaun verrottet im Lauf der Jahre – und zwar dann, wenn die Bäume keinen Schutz mehr benötigen. Auf Metallzäune, die man früher benutzt hat, wird aus ökologischen Gründen verzichtet. „Die nachfolgenden Generationen werden es uns danken, so wie wir heute von den Arbeiten unserer Vorgänger profitieren“, erklärt Ranger Michael Hammer. Einige Kilometer weiter stoßen wir schließlich auf etwa die Hälfte der Teilnehmer, die auf unwegsamem Gelände inmitten einer Steillage mit dem Zaunbau beschäftigt sind. Ralf Emmelius misst die Douglasien-Latten ab, die benutzt werden. Der 47-Jährige ist bereits zum dritten Mal im Pfälzerwald bei diesem Projekt dabei. „Sehr erholsam, sehr gute Luft, ich kann entschleunigen in der Gruppe Gleichgesinnter“, stellt der Energieelektroniker aus Ochsenfurt bei Würzburg fest. „Die Eichen vertragen den Klimawandel vergleichsweise gut“, stellt Stefan Ehrhardt fest. In den Vorjahren pflanzten die Bergwald-Teilnehmer kleine Bäume, dieses Jahr ist der Boden aufgrund des viel zu heißen Sommers dafür zu trocken. Die wohl weiteste Anreise in den Pfälzerwald dürfte Christine Kieltyka gehabt haben. Die gebürtige Speyerin lebt seit einigen Jahren in Neuseeland und ist zur Teilnahme eigens in die Pfalz gereist. „Typisch Tine“, beschreiben ihre Freunde die ungewöhnliche Aktion der Massagetherapeutin. „Es geht mir darum, unter Gleichgesinnten einen aktiven Beitrag zum Umweltschutz zu leisten und unser Ökosystem verstehen zu lernen“, sagt sie, während sie mit einem großen Gummihammer Buchenpfähle in den trockenen Waldboden hämmert. Die älteste Teilnehmerin mit 64 Jahren ist Roswitha Spießl. Die Regensburgerin kennt den Pfälzerwald „fast nicht“. Mit Hacke und Axt körperlich schwer arbeiten und das bei Temperaturen im einstelligen Bereich und Nieselregen zehrt an den Kräften. „Ganz schön kaputt bin ich und merke abends jeden einzelnen Muskel “, sagt sie. Genächtigt wird übrigens im Schlafsack, der einzige Luxus ist auf dem Boden ausgelegtes Stroh. „Gestern Abend konnten wir zum ersten Mal seit drei Tagen warm duschen. Das hat gutgetan“, so die 64-Jährige. „Rheinpfalz“, erklärt sie schmunzelnd, heiße eine ihrer Stammkneipen in der Münchener Kurfürstenstraße. Eine zweite Arbeitsgruppe ist mit gleicher Tätigkeit einige Kilometer entfernt betraut. Auch dort entsteht in einer Steillage eine Fläche, in der – durch einen Zaun geschützt – stattliche Furniereichen heranwachsen sollen. Anja Bayer hat hier Heimspiel. Die 42-jährige Wanderführerin und Waldpädagogin wohnt in Nünschweiler. Gemeinsam mit der kaufmännischen Angestellten Cora Gera, die im badischen Mühlheim geboren wurde und jetzt im elsässischen Bantzenheim lebt, und dem 52-jährigen Informatiker Siegbert Marzinka aus Würzburg bauen sie ebenfalls einen Douglasienzaun. „Nach einer Woche Verzicht auf Fleisch freuen sich die allermeisten auf einen Spießbraten am Freitag“, erzählen die beiden Ranger. Voller kulinarischer Vorfreude sehen sich die Teilnehmer die Handyfotos vom Wildschwein an, das am Freitag über dem Lagerfeuer gegrillt wird. „Wir leben hier sehr sparsam: Kein Strom, somit kein Laptop, und Handy nur für das Allernötigste“, berichtet der Informatiker. Die gute Luft im Pfälzerwald, die Ruhe, die Arbeit unter Gleichgesinnten, das ist für alle Teilnehmer dieses seit 15 Jahren im Pfälzerwald etablierten Projekts Entschädigung genug.