Rheinpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Behindert getrunken: Warum für eine sechsfache Mutter jede Warnung zu spät kam

Rund 2.500 Kinder kommen in Deutschland pro Jahr mit Fehlbildungen zur Welt,  weil die werdende Mutter während der Schwangerscha
Rund 2.500 Kinder kommen in Deutschland pro Jahr mit Fehlbildungen zur Welt, weil die werdende Mutter während der Schwangerschaft getrunken hat. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen.

„Ein Wochenende mit Alkohol kann reichen, Ihr Kind vom Gymnasium auf die Förderschule zu trinken“ – der Satz aus einem Fernsehbeitrag zum Thema Alkohol in der Schwangerschaft bringt das Problem auf den Punkt. Die sechsfache Mutter Julia Graf hat ihn zu spät gehört – und griff zur Flasche.

Julia Graf (Name von der Redaktion geändert) lebt in einer Stadt an der Grenze zu Rheinland-Pfalz, in einem Viertel, in dem Wohnblock an Wohnblock steht. Alle Bauten sind gleich hoch und grenzen sich mit der gleichen tristen Fassade von der Außenwelt ab. Es könnten auch Bunker sein. Julia Graf möchte in der Anonymität leben. Selten redet sie offen über ihr Leben, das von ihrer jahrelangen Alkoholsucht geprägt war. Tag für Tag trank sie sich in einen Rausch, fast immer auch während ihrer Schwangerschaften. Sie hat sechs Kinder, und mehrere von ihnen werden ein Leben lang leiden. Sie wurden im Mutterleib durch Alkohol geschädigt, weil Julia Graf immer wieder zum Apfelwein griff. Besonders den Zwillingen Max und Lena (beide 19, Namen ebenfalls geändert) hat das schwer geschadet. Sie leiden unter der Fetalen Alkoholspektrum-Störung, kurz FASD.

Tochter ist stark manipulierbar

Max zeigt soziale Auffälligkeiten, neigt zum Klauen, weil er zwischen „mein“ und „dein“ nicht unterscheiden kann. Auch beruflich ist er gescheitert. Er ist suchtgefährdet, verfiel mehrmals dem Medikamenten-Rausch. Seine Zwillingsschwester Lena ist geistig beeinträchtigt. Sie besucht eine Förderschule, braucht beim Duschen und nach größeren Toilettengängen Hilfe von ihrer Mutter und ist manipulierbar. „So sehr, dass sie zu jedem Fremden einfach ins Auto steigen würde“, sagt die Mutter. „Deshalb kann ich sie nie alleine aus dem Haus lassen.“ Die Wirkung des Zellgifts Alkohol auf den Embryo ist schnell erklärt, zum Beispiel tut dies das Fachzentrum für Pflegekinder mit FASD in Köln. Das ungeborene Kind ist demnach den gleichen Alkoholpegeln ausgesetzt wie die Mutter. Während aber in der Leber der Mutter der Alkohol durch Enzyme abgebaut werde, sei das in der unreifen Leber des Ungeborenen nicht oder nur in geringem Umfang möglich. Der Alkohol und seine Abbauprodukte greifen dadurch stark in viele Stoffwechselvorgänge des Ungeborenen ein, oft mit der Folge, dass Zellen und Gewebe beziehungsweise Organe unterentwickelt oder von zu geringer Größe sind.

Ältestes Kind ist 35 Jahre alt

Alkoholkonsum in der Schwangerschaft ist die häufigste Ursache für kindliche Fehlbildungen, die vollständig vermeidbar sind, wenn die werdende Mutter auf Alkohol verzichtet“, heißt es auf der Internetseite des Drogenbeauftragten der Bundesregierung. Jährlich werden rund 10.000 Kinder mit FASD geboren. Hinter dieser Statistik verbergen sich Mütter wie Julia Graf. „Ich hatte früh mit dem Tod meiner Mutter zu kämpfen und kippte aus Frust das Zeug einfach runter. Es war fast ausschließlich Apfelwein. Liegt vermutlich daran, dass ich gebürtige Frankfurterin bin“, erzählt Graf der RHEINPFALZ am SONNTAG. Sie hat ihren Humor nicht verloren. Und trotz zweier Scheidungen und mehrerer gescheiterter Beziehungen sei sie glücklich, sagt sie. Der Mann an ihrer Seite, der fehle ihr nicht. Eine glückliche Beziehung sei aber auch nie entscheidend für sie gewesen. „Ich wollte immer nur viele Kinder haben“, erzählt die 53-Jährige. Die hat sie. Sechs Jungen und Mädchen brachte Julia Graf zur Welt; das älteste Kind ist 35 Jahre, das jüngste zwölf.

Julia Graf hat kaum Freunde

Graf ist stolz auf jedes einzelne. Ihre Wohnzimmerwand ist voll mit Bildern von ihren Lieblingen. Die Kinder, sagt die Mutter, lieben sie auch. Das hätten sie ihr auch in einem Dankesbrief mitgeteilt. Das ist ein Teil von Julia Grafs Wahrheit. Julia Graf hat kaum Freunde. Eine große Hilfe war ihr bisher Katrin Lepke. Sie ist bei der Selbsthilfeorganisation FASD Deutschland für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, lebt in Mutterstadt und hat selbst ein Adoptivkind und zwei Pflegekinder, die an dem Syndrom leiden. FASD Deutschland ist ein Zusammenschluss von Bezugspersonen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit FASD und von Menschen, die selbst betroffen sind.

Nicht jeder Arzt kann FASD diagnostizieren

„Es ist die Not, an vielen Stellen keine adäquate Unterstützung zu erhalten, die uns zusammengebracht hat“, heißt es auf der Internetseite des Vereins. Katrin Lepke hat Julia Graf vor zehn Jahren kennengelernt. Die Hartz-IV-Empfängerin habe damals bei FASD Deutschland angerufen. „Ich hatte in einem Fernsehbeitrag eine Familie mit FASD-Kindern gesehen und meine Kinder wiedererkannt“, erzählt Graf. Mithilfe von Lepke fand die Mutter einen Arzt, der ihren Verdacht bestätigte. Gewöhnlich sollte laut Lepke jeder Arzt imstande sein, FASD zu diagnostizieren. „Doch das ist nicht der Fall. In der Pfalz gibt es, so weit mir bekannt ist, lediglich in Ludwigshafen Fachleute“, sagt sie. Es gebe durchaus gute Gründe, weshalb sich Mediziner mit einer Diagnose schwertäten. So weise nur ein Teil der Betroffenen die typischen Veränderungen im Gesicht auf. Es gebe zudem kein eindeutiges Profil der entwicklungsneurologischen und kognitiven Einschränkungen. „Manche Auffälligkeiten sind dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom sehr ähnlich“, erklärt Lepke weiter. Und wenn dann der Arzt nicht die nötige Erfahrung besitze oder die Mutter verschweige, dass sie in der Schwangerschaft zur Flasche gegriffen habe, dann bleibe die eindeutige Diagnose eben aus.

Jede vierte Frau trinkt Alkohol in der Schwangerschaft

Nach Angaben von FASD Deutschland kommen offiziell jedes Jahr 2500 Kinder mit der Erkrankung auf die Welt. Die Zahl 10.000, die der Drogenbeauftragte der Bundesregierung nennt, ist die Dunkelziffer. „Die Hemmschwelle ist groß, sich einzugestehen, dass man Alkohol getrunken hat und für die Beeinträchtigungen des Kindes verantwortlich ist“, erklärt Lepke. Dabei sei es ein Mythos zu glauben, dass FASD-Kinder nur bei Alkoholsüchtigen oder Frauen mit geringerer Bildung zu finden sind. Ganz im Gegenteil, sagt die Öffentlichkeitsarbeiterin in Sachen FASD: „Vor allem in der Mittelschicht dürfte es häufig vorkommen. Gerade in diesen Familien gehört das Glas Wein zum Essen dazu.“ Einer Studie des Robert-Koch-Instituts zufolge trinkt mindestens jede vierte Frau während der Schwangerschaft Alkohol. „Ein Glas Sekt kann nicht schaden, um den Kreislauf in Schwung zu bringen“, sagten manche Ärzte zu ihren schwangeren Patientinnen, erzählt Lepke.

Zweimal zur Entgiftung in einer Klinik

Julia Graf blieb von dem Fernsehbeitrag, der ihr Leben veränderte, ein Zitat im Gedächtnis: „Ein Wochenende mit Alkohol kann reichen, Ihr Kind vom Gymnasium auf die Förderschule zu trinken.“ Dieser eine Satz hätte ihr vielleicht geholfen, dass es bei ihr Klick gemacht hätte während ihrer Schwangerschaften, sagt sie heute rückblickend. Wie sehr Alkohol Embryos schaden kann, das hatte ich nicht gewusst“ – schon gar nicht in ihrer Suchtphase. Fakt ist aber auch: „Ich war zweimal zur Entgiftung in der Klinik“, erzählt sie. Das erste Mal hat ihre älteste Tochter sie hingefahren. 13 Jahre blieb sie danach trocken, bis sie vor sechs Jahren wieder zur Weinflasche griff. Sie sei damals mit den Nerven am Ende gewesen, als ihr damaliger Partner Gefallen an Lena gefunden habe und übergriffig geworden sei, so ihre Erzählung. Julia Graf trank sich in einen Rausch. Der Alkoholkonsum nahm erst vor zwei Jahren ein Ende, als sie sich mit drei Promille im Blut in eine Klinik einweisen ließ.

Mutter stirbt mit 42 Jahren an Krebs

„Pain“, zu Deutsch Schmerz, hat sich Graf auf eine Pobacke tätowieren lassen. Psychischen Schmerz musste sie mehrmals in ihrem Leben ertragen. Ihre Mutter starb mit 42 Jahren. An Krebs. Nach einer ähnlichen Diagnose starb vor wenigen Jahren auch ihre Schwester. Ihr Vater konnte einen Gehirntumor nicht besiegen. Bei der Partnerwahl sei sie an einen Alkoholiker geraten, ein anderer habe sie windelweich geschlagen, bis sie ihn wegen schwerer Körperverletzung anzeigte und dadurch ins Gefängnis brachte. Jetzt muss sie damit leben, dass sie wegen des Alkohols die Zukunft von Max und Lena verbaut hat. Die Kinder nehmen das ihrer Mutter nicht übel. „Ich könnte mir gar keine andere Mutter vorstellen. Du bist das beste, was es auf der Welt gibt“, steht auf einem großen DIN-A-3-Blatt, das Max seiner Mutter zum 50. Geburtstag schenkte. Lena ist geistig so zurückgeblieben, dass sie nicht begreift, was ihre Mutter ihr mit dem Alkohol angetan hat. „Sie hat mich einmal gefragt, wieso sie so ist, wie sie ist“, erzählt die Mutter. Sie habe es ihr erklärt, aber Lena habe es wohl nicht verstanden.

Väter haben nicht eingegriffen

Julia Graf muss alleine ausbaden, was sie wegen ihres Alkoholkonsums angerichtet hat. Sie wird sich vermutlich immer um Lena kümmern müssen. Sie trage jedoch nicht alleine die Schuld daran, sagt Lepke von FASD Deutschland. „Es gehören immer zwei Elternteile dazu. Die Väter sahen zu, wie Graf das Zeug runterkippte, griffen aber nicht ein.“ Bei den ersten drei Kindern ging es noch gut, sie hätten kaum Schäden davongetragen. Umso schlimmer habe es dafür Max und Lena erwischt. Lepke und Graf sehen sich selten, weil sie beide viel Zeit für ihre Familien aufbringen müssen. Kontakt halten sie meist über den Nachrichtendienst Whatsapp. Einmal sagte Graf zu Lepke: „Weißt du, was uns beide unterscheidet? Wenn du morgens aufwachst und der alltägliche Wahnsinn beginnt, denkst du dir ,Neuer Tag, neues Glück’. Ich denke mir dagegen: Scheiße, das hätte wirklich nicht sein müssen mit dem Alkohol.“

Julia Graf* liest einen Brief ihrer Kinder.
Julia Graf* liest einen Brief ihrer Kinder.
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