Porträt
Ausstellung von Kunststipendiat David Semper im Herrenhaus
„Freilegen, was schon da war, was man aber nicht (mehr) sehen kann“ – das ist der Leitfaden für die Spurensuchen von David Semper. Egal, ob er ein paar Monate im Salon Mondial in Neu Delhi, im Schloss Balmoral in Bad Ems oder eben im Herrenhaus in Edenkoben verbringt – sein Interesse gilt stets der Geschichte des Ortes in Bezug auf die Gegenwart. Völlig unvoreingenommen und mit leichtem Gepäck beginnt sein „Spiel mit Zeit und Zeiträumen“ an verschiedenen Schauplätzen immer wieder von Neuem und hält doch an seinen bewährten Praktiken fest.
„Es ist ein bisschen vergleichbar mit Detektivarbeit“, sagt der 40-jährige Wuppertaler, der in Neuss lebt, und schmunzelt. Nur, dass er zur Spurensicherung weder Lupe noch Pinzette, sondern eher Graphitstifte, Schleifpapier und mitunter eine Japansäge braucht. Wenn sich dann noch Finderglück mit Fingerspitzengefühl und künstlerischem Einfühlungsvermögen paaren, kann das Vergangene Raum gewinnen in den Räumen der Gegenwart.
Jeder Raum birgt Geheimnisse
Die Ausstellung im Herrenhaus ist dafür ein Paradebeispiel – nicht nur wegen der Historie des Anwesens, sondern auch deshalb, weil der Corona-Lockdown fast das ganze Gebäude bespielbar gemacht hat. Man spürt es an der Begeisterung des Künstlers, der sich bei seiner Führung „wie ein Archäologe“ fühlt und beim Erläutern der Installationen, Skulpturen und Bilder die erstrebte Gleichzeitigkeit des Gestern und Heute erlebbar macht. Unter dem Titel „Fundstellen“ zeigt er nun die „Geister“, die er im Herrenhaus rief.
Jeder Raum birgt neue Geheimnisse, die auf ihre Enträtselung warten. So, wie die „Geister“, die sich aus einem grau schimmernden Wandbild herausschälen. Genau betrachtet handelt sich dabei um die Unterseite einer ausrangierten Tischplatte. Semper hat ihr einen sechseckigen Graphitstift eingepflanzt, den grauen Staub mit einem Tuch auf der Platte verteilt und dadurch eine Art Röntgenbild erzeugt, das alle „Vorgängerspuren“ offenlegt und beim Betrachter die Illusion eines Schwarz-Weiß-Films erzeugt.
Natur ins Haus geholt
Die hellen „Tafelbilder“ daneben haben einen gegenläufigen Effekt. Sie wurden durch wiederholtes Abschleifen einer maximalen Erosion ausgesetzt. Im große Saal, in dem normalerweise viele Menschen zusammentreffen, wird die Installation „Scoperta“ (Entdecken) zum Symbol für die Begriffe Halten und Fassen. Dieses Wort kann man sogar wörtlich nehmen: Alte Fassringe halten graue Platten, die sich bei genauerer Inspektion als einfache, mit Graphit bearbeitete Zeichenpappe entpuppen.
Ein „Gemälde“ holt die Natur ins Haus. Entstanden ist es nämlich, indem Semper die bloße Wand an drei Stellen mit Efeu eingerieben hat. Jeweils zwei Wochen liegen zwischen der Bearbeitung der drei Flächen. Deutlich zeigt sich der Zeitverlauf in der Farbveränderung von überwiegend Grün- zu Brauntönen. Bei dieser Arbeit hat sich Semper an seine Ausbildung zum Steinmetz erinnert. Um aus hellen Steinen Linien herauszuarbeiten, werden sie nämlich mit Pflanzen bearbeitet. Nach der handwerklichen Ausbildung hat Semper an den Staatlichen Akademien der Bildenden Künste in Stuttgart und Karlsruhe studiert und war Meisterschüler von Leni Hoffmann.
Sakral und mystisch
Bei den „Sentenzen“ an der Wand hingegen sorgt das Entweichen des Chlorophylls für das Verblassen der Kunst. „Hold on“ heißt die Devise für die archaische Installation im Kellergewölbe. Große Fassreifen werden hier zu Freischwingern, die durch helle Sandsteinblöcke geerdet sind und so eine Balance zwischen Leichtigkeit und Schwere finden. Dieser Tanz der Fassrelikte im ehemaligen Weinkeller hat etwas Sakrales und Mystisches zugleich und hinterlässt trotz seine Kurzlebigkeit einen bleibenden Eindruck.
19 flache Rheinkieselsteine – in der Anmutung einer japanischen Stempelsignatur in eine Atelierwand gedrückt – sind die Spur, die David Semper als persönlichen Gruß im Herrenhaus hinterlässt. Jeder Stein steht für eine Woche seines Stipendiums in der südpfälzischen Institution.
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