Rheinpfalz Ausflug ins Ungewisse

Placeholder-Image

«Frankenthal.» „Keine Ahnung, nie gehört“, antwortet der Busfahrer vor dem Frankenthaler Hauptbahnhof auf die Frage, wo die neue Buslinie 465 fährt. Auch seine drei Kollegen wissen nichts. Dabei soll der Bus seit Anfang Februar von hier Richtung Industriegebiet Römig starten. Beschilderung? Fahrpläne? Fehlanzeige. Nachfrage bei der Mitarbeiterin im Service-Center, schließlich ist die Bahn-Tochter DB-Regio Betreiberin des Busses. Sie weiß von nichts. „Wollen Sie etwa auch zu Amazon?“, ruft eine Frau aus der Schlange. Es ist Sabine*, sie hat dort heute ein Vorstellungsgespräch. Die Frau am Telefon hatte ihr gesagt, sie solle den „73er ab Frankenthal“ nehmen. Den gibt es hier natürlich genau so wenig wie einen Fahrplan für den 465er. Sabine ist wütend: „Ich habe zweimal nachgefragt und mir das extra aufgeschrieben, hier!“ Zum Glück ist sie etwas zu früh losgefahren, denn sie hasst es, zu spät zu kommen. Eigentlich ist sie Fachkraft für Schutz und Sicherheit, doch immer nur „Tür machen“ ist im Winter sehr kalt, erzählt die 39-Jährige. Ob sie wisse, dass viele Mitarbeiter zu Fuß oder mit dem Fahrrad zum Römig fahren? „Klar, ich habe die Bilder gesehen, voll heftig, da an der Landstraße entlang zu laufen.“ Sie ahnt nicht, dass wir in weniger als einer Stunde genau das tun werden. Noch hat sie jedoch Hoffnung und steigt in die S-Bahn, um vielleicht in Oggersheim den mysteriösen 73er zu finden, den ihr die Personalerin von Amazon versprochen hatte. Vor dem Oggersheimer Bahnhof steht auch tatsächlich ein großer Gelenkbus, „Sonderfahrt 999“ steht auf seiner Anzeige. Sollte das vielleicht ...? Nein, hier legt gerade ein Busfahrschüler seine Prüfung ab. Der Fahrlehrer skizziert Sabine jedoch den bekannt-berüchtigten Weg: Zum Hans-Warsch-Platz gehen, den Bus Nummer 72 bis Herrschaftsweiher nehmen und dann durch die Feldmark laufen. Sabine stöhnt auf, sie hat sich für ein Bewerbungsgespräch gekleidet, nicht für einen Spaziergang übers Feld. Unruhig schaut sie auf ihre Uhr, in einer halben Stunde ist ihr Termin. Während uns der Bus in Richtung Herrschaftsweiher schaukelt, kann sie ihren Zorn kaum verbergen: „Hauptsache, viele Leute einstellen. Wie die zur Arbeit kommen, ist wohl Nebensache.“ Nach dem Aussteigen queren wir wie viele Mitarbeiter von Amazon die Autobahnauffahrt zur A 650. „Mann, ist das gefährlich!“, sagt Sabine mit einem nervösen Lächeln. Gemeinsam stapfen wir die Landstraße 524 entlang. Es ist kalt und nass, schließlich erkennen wir am Horizont „Amazon FRA7“, unser Ziel. „Das heißt, wenn ich acht Stunden gestanden habe, soll ich so nach Hause laufen?“, murmelt Sabine. Obwohl sie für den Weg ganze zwei Stunden eingeplant hatte, wird sie sich rund 15 Minuten verspäten. Ich versuche, sie zu beruhigen. Sicherlich wird sich, einmal angekommen, alles aufklären. Schließlich muss es ja am Römig eine Haltestelle geben. Tatsächlich, neben einem überquellenden Mülleimer und durch einen davor parkenden Opel kaum zu erkennen, finden wir sie: die Bushaltestelle Am Römig. Laut dem Fahrplan bringt hier dreimal am Tag der 72er seine Passagiere zum Hans-Warsch-Platz. Doch von der Linie 465, die in Richtung Frankenthal fahren soll, fehlt weiter jede Spur. Sabine möchte nun zu ihrem Vorstellungsgespräch und hat sich fest vorgenommen, dort die mangelhafte Busanbindung anzusprechen. Eine halbe Stunde später kommt sie wieder heraus. „Davon habe ich keine Ahnung, ich fahre Auto“, soll ihre Gesprächspartnerin zu der Information gesagt haben. Wir verabschieden uns. Ob sie den Job antreten wird, weiß sie noch nicht. Mit gequältem Gesichtsausdruck macht sie sich auf den Rückweg durch die Feldmark. Ich wähle zurück nach Frankenthal lieber den sicheren Weg: per Anhalter. Nach kurzer Zeit hält ein Kleinlaster und nimmt mich mit. Der Fahrer erzählt von Fahrradfahrern auf der Landstraße Richtung Flomersheim, die man morgens im Dunkeln schlecht sehe. „Da gibt es keinen Fahrradweg, deshalb fahren die auf der Straße.“ Es sei nur eine Frage der Zeit, bis etwas passiere. Ein Sprecher der Deutschen Bahn teilt auf Anfrage mit, die Probleme seien bekannt. Wann diese behoben werden, konnte er nicht sagen. * Name von der Redaktion geändert

x