Mannheim
„Die Monnemer Mauer“ im Rhein-Neckar-Theater
Die Komödie beginnt wie eine Geschichtsstunde. Ein dunkel gekleideter Herr liest aus einem alten Buch – zuerst den Anfang eines „richtigen“ Märchens – dann erkennt er seinen Irrtum und schlägt die erste Seite seiner Fake-History „Die Monnemer Mauer“ auf.
Das Kapitel startet mit der Kapitulation Deutschlands. „Trendsetter im Aufgeben“ seien die Mannheimer gewesen – der Rest der Republik habe erst später kapituliert. Das soll sogar wirklich so gewesen sein. Dann sei die Mauer gebaut worden und habe Mannheim in Nord und Süd geteilt. Der Grenzverlauf entsprach dem Neckar, wie man auf der im Theater „veröffentlichten“ kurpfälzischen Karte sieht. Zwischen den beiden Stadtteilen habe es einen Todesstreifen gegeben mit dem Wasserturm als Wachturm, was mit einem „historischen“ Foto dokumentiert wird. Im Foyer ist ein Teil der „Originalmauer“ ausgestellt.
Kurpfälzisch als Sprachbehinderung
Nach diesem Kurzreferat wird die Leinwand hochgezogen. Der Zuschauer blickt in ein Wohnzimmer im Stil der 80er-Jahre. Man befindet sich im reichen Norden Mannheims, dem Stadtteil „Waldhoof“. Charlotte Weißdorn (Selina Kottmann) ist hochnäsig gegenüber dem armen Süden. Sie spricht hochdeutsch – im Süden dagegen spricht man kurpfälzisch, das „Genuschel“ klingt für sie wie eine schwere Sprachbehinderung. Charlotte empfindet Mitleid gegenüber dem „ärmlichen Luisenpark“, dem Leipziger Betonchic. Niemals würde sie im Süden bei den Barbaren leben wollen. Der „Mannheimer Abend“ habe berichtet, dass es in Neckarau keine Gehwege gäbe, alles sei voller Gänsekot. Die Menschen schliefen in Daunendecken. Mikrofaser sei ihnen unbekannt. Außerdem ist sie stolz über ihr „richtiges“ Abitur. In der Pfalz, das der Südzone zugeordnet ist, gäbe es nur Baumschulen.
Just in dieser Szenerie landet der Süd-Flüchtling Monfred Klingenberg (Thomas Koob). Er bewundert einfach alles. Selbst das Freizeichen des Telefons klingt für Monfred hochnäsig. Voller Mitleid bekommt er von Charlotte ein Leberwurstbrot und eine Rieslingschorle angeboten. Dankend nimmt er an, Leberwurst sei im Süden Bückware, Riesling rationiert.
Wilde Verfolgungsjagden
Lange bleiben die beiden nicht alleine, die überneugierige Nachbarin Ursula van Ulrich (Irina Maier) hört die fremde Männerstimme und kommt gleich zum Kontrollieren in die Wohnung. Wenig später taucht auch schon die KuSi – die Kurpfälzer Sicherheit – in Form des uniformierten Oberleutnants Genosse Fronk Rötzel (Wolfgang Kerbs) auf. Er sucht den Republikflüchtling. Uschi baggert den Uniformträger sofort an. Gut für den Flüchtling, er kann so entkommen.
Wie es sich für richtiges Boulevardtheater gehört, gibt es nun wilde Verfolgungsjagden durch alle vorhandenen Türen, inklusive dem Kleiderschrank, der sich als Zauberschrank erweist. Manchmal verschwindet eine Person, nur das Kleidungsstück hängt dann darin, dafür taucht eine andere Person wieder auf. In diese Lügengeschichte wird lokalpatriotisch-satirisch auch die berühmte Ballonflucht und der spektakuläre Fluchttunnel eingepflegt. Die Ballonfahrt sei vom Collinicenter gestartet, der Tunnel wurde mit Fontanella-Eislöffeln gegraben.
Viel Lokalkolorit
Kurz vor dem Mauerfall ändert sich Charlottes Einstellung zum Süden, sie möchte „rübermachen“. Doch dazu muss sie die Kultur des „fremden Volkes“ erlernen, um dort untertauchen zu können. Dazu bekommt sie als „Stammeskluft“ ein Adler Mannheim Shirt verpasst, eine Dutt (Tüte) als Handtasche, die sie prollig zum breitbeinigen Gang der „Rheinauer Randalierer“ locker schwenken soll. Außerdem nimmt sie Unterricht im Dubbeglasleeren und Dialektsprechen: „Hallo. Unn wie“, „Langer halt dei blädi Gosch“. Das Publikum wird gleich mitunterrichtet: Krumbeerstambes, Geeelfiislà, Gerschdebrie (Kartoffelbrei, „Gelbfüßler“ / Badener, Bier).
Eine Geschichtsstunde der besonderen Art, die „fast“ wahr ist. Der Lokalkolorit ist besonders für Fans und Kenner von Mannheim der Brüller.
Im Netz
Die Vorstellungen sind bereits jetzt bis Dezember ausverkauft. Weitere Infos unter www.rhein-neckar-theater.de