Rheinpfalz Aus dem Bauch heraus ins Herz der Genossen
Mannheim. Um den Mannheimer Sozialdemokraten zum Jubiläum neues Leben einzuhauchen, ist kein Geringerer gekommen als Kanzlerkandidat Martin Schulz. Er sprach gestern Abend vor über 1000 Zuhörern in der Rheingoldhalle.
„Don’t stop“ spielt die Band – es soll ein Muntermacher sein. Braucht er aber gar nicht, der „Retter“. Flankiert von Dutzenden Jusos, die schon auf ihrer Anreise in der Straßenbahn lautstark die „Internationale“ angestimmt haben, marschiert der neue SPD-Vorsitzende ein. Und Martin Schulz, jener unscheinbare Normalo mit Glatze, Bart und Kassenbrille, berauscht in seiner 45-minütigen Festansprache auch die Mannheimer Genossen. Bei der gestrigen Polit-Show zum 150. Geburtstag des gebeutelten Mannheimer SPD-Kreisverbands singt „Mister 100 Prozent“ alle Strophen seines Lieblingsliedes von der „Sozialen Gerechtigkeit“ und dem europäischen Gedanken. Die örtliche Parteispitze ist baff: eine „ausverkaufte“ Parteiveranstaltung. Das hat es wohl noch nie gegeben. „Bude voll – SPD toll!“ steht auf den Plakaten. Schon eine Stunde vor der Rede des neuen Heilsbringers warten die Menschen vor der biederen Rheingoldhalle. Der Rosengarten wäre sicher eine attraktivere Adresse gewesen. Aber wer hätte bei der Planung der Jubiläumsparty der Kurpfälzer Sozialdemokratie vor Monaten schon ahnen können, dass es den „Schulz-Effekt“ für die geschundene Sozi-Seele geben wird. Schon wenige Minuten nach Redebeginn ist unüberhörbar: Die Basis freut sich, endlich wieder lange applaudieren zu können. Martin Schulz sorgt allerorten für Rückenwind, um das Tal der Tränen hinter sich zu lassen. Der Europapolitiker aus Würselen lässt sowohl bei unerschütterlichen Genossen als auch den fahnenflüchtigen Wechselwählern einen Funken neuer Hoffnung aufkeimen, dass das „S“ im Parteinamen künftig wieder mehr Bedeutung bekommt. Die Motive der begeisterten „Schulzianer“ im stickigen Saal sind unterschiedlich. Diejenigen, die in Flüchtlingen Konkurrenz um soziale Errungenschaften sehen, bauen auf den Kämpfertypen als Bewahrer ihrer Rechte. Schulz jubeln aber plötzlich auch Leute zu, die Merkel für ihre unkalkulierbare Politik der offenen Grenzen noch gelobt hatten. Sie sehen in dem Parteichef nicht zuletzt einen wortgewaltigen Streiter für eine gerechte Asylpolitik. Wie er so locker daherkommt und strahlend durch die euphorisierten Reihen schreitet, wirkt Schulz tatsächlich wie ein gestandener Handwerker mit Hauptschulabschluss, der die tot gesagte „alte Tante“ wiederbeleben und auf den richtigen Kurs bringen könnte. Weil der Nachfolger des glücklosen Sigmar Gabriel kein Regierungsamt bekleidet und deshalb auf niemanden Rücksicht nehmen muss, darf er austeilen – fast wie Trump. Fakten Nebensache, Schulz’ Analyse der sozialen Ungerechtigkeiten stützt er nicht auf Fakten, sondern auf pures Bauchgefühl. „St. Martin“, wie er gerne genannt wird, braucht keine Warmlaufzeit. Schulz stellt die Würde des Menschen ins Zentrum seiner frei gehaltenen Laudatio auf die „einzige bürgerliche Partei Deutschlands“. Und trifft ins Mark der Genossen. Er nennt das Erbe von Mannheimer SPD-Größen wie Carlo Schmidt eine Verpflichtung für die Zukunft und warnt vor den „Feinden der Demokratie“. „Die AfD ist eine Schande für unser Land“, findet er – und erntet tosenden Beifall von über 1000 Besuchern. Seine Rede kreist um die Themen Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Alle müssten Zugang zu Bildung und Qualifizierung bekommen, Frauen und Männer sollten gleichen Lohn für gleiche Arbeit erhalten und nur eine Sozialistische Internationale Europas könne der Internationalisierung des Kapitalismus Einhalt gebieten. Die Mannheimer Genossen hören es gerne.