Rheinpfalz Allgemeinmedizin krankt an ihrem Ruf

MAINZ. Nicht nur der rheinland-pfälzische Hausärzteverband warnt vor einem drohenden Mangel an Hausärzten. Auch Gesundheitsminister Alexander Schweitzer (SPD) räumt ein, dass es vor allem auf dem Land zunehmend schwieriger wird, alle Hausärzte zu ersetzen, die in den Ruhestand wechseln. Nach Schätzungen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) werden bis 2020 landesweit fast 1400 Hausärzte ausscheiden. Das wäre jeder zweite. Denn der Mediziner-Nachwuchs, der zurzeit an den Universitäten ausgebildet wird, zeigt wenig Bock auf Hausarztpraxis oder auf die Fortbildung zum Allgemeinmediziner. Doch dies gilt nicht für alle.
Frank Schütz zählt zu diesen Ausnahmen. Der 30-Jährige aus Weilerbach bei Kaiserslautern hat Ende vergangen Jahres sein Medizinstudium an der Mainzer Universität abgeschlossen. Sein Ziel ist klar: Jetzt will er sich zum Arzt für Allgemeinmedizin fortbilden. Die Arbeit als Hausarzt, gerne auch auf dem Land, entspreche seinen Erwartungen an den Mediziner-Beruf, sagt der Westpfälzer. Anders als bei der Arbeit im Krankenhaus kenne man die Patienten meist sehr lange, wisse um Krankengeschichten und familiäre Hintergründe. Man müsse sehr vielseitig sein, sei der „Entscheider“, sagt Schütz. Der Jungmediziner hat als Student in der Fachschaft mitgearbeitet, hat sich dort mit berufspolitischen Fragen beschäftigt, und er wurde hin und wieder gehört, wenn sich Ärztevertreter oder Gesundheitspolitiker die Köpfe zerbrachen, warum die jungen Leute nicht mehr Hausärzte werden wollen. Dabei hat Schütz die Beobachtung gemacht, dass er mit seinem Facharztziel zu einer Minderheit gehört: Von seinem gesamten Jahrgang an der Uni (mehr als 200 Medizin-Studierende) hätten sich gerade einmal acht Leute im Praktischen Jahr für eine Station in der Allgemeinmedizin entschieden. Und zu einer Informationsveranstaltung des Gesundheitsministeriums und der Landesärztekammer im vergangenen Dezember über den Hausarztberuf haben von den mehr als 2600 Medizinstudierenden in Mainz kaum zwei Dutzend den Weg gefunden, schätzt der Westpfälzer. Seit Jahren versuchen Bundes- und Landespolitiker ebenso wie Ärztevertretungen jungen Leuten den Hausarztberuf und die Allgemeinmedizin wieder schmackhaft zu machen (Details im Beitrag „Zur Sache“). Dazu gehört zum Beispiel, dass die Möglichkeiten erweitert wurden, Gemeinschaftspraxen zu bilden. Frank Schütz wertet solche Maßnahmen als richtige Schritte: Viele seiner Generation wollten „nicht Einzelkämpfer sein“, sagt er. Auch er selbst werde nie eine Praxis alleine führen, sondern wolle in einer Gemeinschaftspraxis arbeiten. Dort sei es möglich, kollegial zusammenzuarbeiten, Vertretungen vergleichsweise einfach zu organisieren, Arbeit und Privatleben in Balance zu bringen sowie Beruf und Familie besser zu vereinbaren. Diese Erwartungen der nachwachsenden Mediziner-Generation spiegeln sich bereits in den Statistiken der KV wider: Während 2005 noch 62 Prozent der zugelassenen Ärzte und Psychotherapeuten Einzelpraxen führten, sank dieser Wert bis 2012 auf 55 Prozent. Eine andere Entwicklung wird solche Forderungen und Trends noch verstärken: Die Medizin wird zunehmend von Frauen erobert. 2005 lag der Anteil der Ärztinnen bei knapp 32 Prozent, sieben Jahre später bereits bei knapp 37 Prozent. Inzwischen sind zwei von drei Medizin-Studierenden Frauen. Die Allgemeinmedizin habe vor allem ein Imageproblem, glaubt Frank Schütz. Das beginne in der Uni, wo viele Lehrenden den Hausarzt herablassend als „keinen richtigen Mediziner“ betrachteten und ende bei den Hausärzten selbst, die zuweilen allzu laut Klage führten. Mit mancher Maßnahme sieht Schütz die Politik durchaus auf dem richtigen Weg. Das gelte zum Beispiel für ein von Minister Schweitzer kürzlich angekündigtes Stipendium für Studierende, die einen Teil ihres Praktischen Jahres in der Allgemeinmedizin absolvieren. Oft sei dies nämlich mit höheren persönlichen Zusatzkosten verbunden als eine Klinikstation und damit für viele abschreckend, sagt der 30-Jährige. An anderen Stellen sieht Schütz noch dringenden Handlungsbedarf. So sei die fünfjährige Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin nur schwer planbar. Ein Internist könne seine Ausbildung an einer einzigen Klinik absolvieren, wenn er dies wolle. Ein angehender Allgemeinmediziner müsse zwei Jahre in eine Klinik und wisse noch nicht, wie es danach weitergeht. Oft seien kostenträchtige Ortswechsel notwendig. Einen Verdacht will Jungmediziner Schütz weder auf sich noch auf Altersgenossen sitzen lassen: Sie scheuten als Angehörige ihrer wohlbehüteten „Generation Y“ die Mühen und Verantwortung einer Hausarztpraxis. „Wir wollen nicht wenig arbeiten, aber wir wollen gerecht behandelt werden“, sagt der Westpfälzer. „Und wir können es fordern, weil wir wegen der Bevölkerungsentwicklung gefragt sein werden.“ Was er sagt, klingt nicht drohend, aber entschlossen, die Rahmenbedingungen für den Hausarztberuf weiter zu verändern.