Kultur Südpfalz Allerlei Einfälle und keine Linie

Da darf der alte Anton Tschechow aber froh sein: Endlich zeigt ihm mal jemand, wie er sein berühmtes Stück „Drei Schwestern“ besser und richtiger hätte schreiben sollen – nämlich von hinten nach vorne. So jedenfalls inszenierte die junge Regisseurin Anna Bergmann das Werk jetzt am Badischen Staatstheater.
Bergmann, die in Karlsruhe unlängst schon mit einer hanebüchen verfehlten Einstudierung von Puccinis „La Bohème“ ein szenisches Debakel angerichtet hat, erweist sich nun auch bei Tschechow als unerschrockene Besserwisserin. Ihr simples Konzept: alles mal ganz anders. Und also werden die vier Akte in umgekehrter Reihenfolge aufgeführt – und noch dazu in vier verschiedenen Übersetzungen, vier wechselnden Spielarten und unterschiedlichen Epochen, die gegenläufig zur regressiven Handlung progressiv durch vier Phasen der russischen Geschichte in die Gegenwart fortschreiten. Das soll, so klügelt das Programmheft, der Aktualität des Werkes aufhelfen. Ach Gottchen. Die Komödie schildert die wenig komischen Schicksale dreier Frauen (und ihres Bruders), die in der provinziellen Enge einer russischen Garnisonsstadt ein trostloses Leben führen und nur ein Sehnsuchtsziel kennen: Moskau. Nach und nach aber zerschlagen sich all ihre Hoffnungen, ihre Lieben und Aussichten. Am Ende stehen die Schwestern vollends ohne alle Illusionen da. Anders in Karlsruhe. Da stehen gleich zu Beginn die einst so junge Idealistin Irina, die unbefriedigte Mascha und die stets bedrückte Olga wie erstarrt vor den Trümmern ihrer Lebenswünsche. Nur langsam erwachen sie aus ihrer Starre. Dem Betrachter, der in dieser Retro-Version die Vorgeschichte ja nicht kennt, bleibt nun überlassen, nach den Gründen dieses Elends, nach den Beziehungen der Figuren und ihren Rollen zu fragen. Erst rückschreitend in die früheren Akte und ihre Entfaltung des Geschehens erhellt sich das Dunkel, aber da ist es für eine psychologische Nachvollziehbarkeit solcher Vorgänge schon zu spät. Mit der Verkürzung der Psychologie auf punktuelle Einblicke aber verlieren die Figuren an durchgängiger Kontur – und die Schauspieler an schlüssigen Möglichkeiten der Gestaltung. Wenn am Ende der überproportional gedehnte erste Akt, mit dem der Abend mit Irinas Namenstag zu hysterischer Albernheit und der vulgären Fröhlichkeit einer dröhnenden Russen-Disco ausartet, dann mag dies den Absturz der Schwestern, den der Zuschauer bereits kennt, noch umso beklemmender machen. Vor allem aber ist dieser überaus effektvolle Kehraus eine durchsichtige, allzu billige Anmache für das Publikum, das nun mit Sekt und Kuchen, halbnackter Polonaise, stampfendem Beat und rhythmischem Klatschen auf den johlenden, wieder einmal von der hauseigenen Claque kräftig angeheizten Schlussapplaus eingestimmt wird. Dabei hat die Aufführung trotz ihrer spätpubertären Vorliebe für die durchaus unnötige Ausstellung von Nacktheit und Sexualität, öffentliche Toilettengänge, willkürliche Anachronismen, grelle Übertreibungen und platte Gaglust auch ihre Vorzüge– etwa in ausgemalten Details, prägnanten Bildern und eindringlichen Momenten einer „episodischen Regie“, die den großen Bogen außer Acht lässt und sich auf gelegentliche Feinzeichnung konzentriert. Hier klingen auch Akzente einer entlastenden, bitteren Komik an, wie sie für die „Komödie“ durchaus angebracht sind. Aber die Darsteller kommen im Wirbel der szenischen Allüren zu kurz. Cornelia Gröschel als mal naiv aufbegehrende, mal zickig verwöhnte oder anrührend leidende Irina bleibt hinter ihren Möglichkeiten; Joanna Kitzl als frustrierte, erotisch hochtourige Mascha liefert ein fahriges Porträt mit nur gelegentlichem Tiefgang; und Ute Baggeröhr ist als spröde Olga auf den Ton gramvoller Verbitterung festgelegt. Sophia Löffler liefert als Natascha die rundbäuchige Karikatur einer machtbewussten Glucke, die ihren einst hoffnungsvollen Ehemann (Thomas Halle) zu einem lächerlichen Pantoffelhelden degradiert. Frank Wiegand als mausgrauer Lehrer Kulygin, Jannek Petri als smarter Chauvi Werschnin, Jan Andressen als Sensibelchen Tusenbach und Maximilian Grünewald als sein Freund Soljoni steuern allzu diffuse Studien bei. Sie alle sind Opfer einer Regie, die sich in disparaten „Einfällen“ verliert und dabei den Zusammenhang sträflich vernachlässigt, Die „Drei Schwestern“ bestätigen leider die bedauerliche Erfahrung, dass das Karlsruher Ensemble gerade bei seinen ehrgeizigen „Leuchtturm“-Produktionen eine höchst unglückliche Hand hat. Der organisierte Jubel nach der Première kann über den künstlerischen Verfall des Hauses auch im Schauspiel nicht hinwegtäuschen.