Fußball-EM
Zum Ende seiner Karriere macht Toni Kroos eine neue Erfahrung: Endlich Liebe
Die Stadien ändern sich, aber die Form der Huldigung bleibt gleich. Wenn es bei dieser Europameisterschaft einen Eckball für die deutsche Mannschaft gibt, macht sich Toni Kroos auf den Weg, um die Standardsituation auszuführen. Meist läuft der 34-Jährige gemächlichen Schrittes zum Ort des Geschehens, um dort die Wertschätzung der Menschen entgegenzunehmen. Ihm schallen bereits lang gezogene „Toooni, Toooni“-Rufe entgegen, ehe er da ist. Wenn er den Ball in die Hände nimmt, um ihn bestmöglich zu platzieren, stehen die Menschen in der Ecke der Arena auf, in der sich Kroos befindet, heben die Arme und beugen sich immer wieder nach vorne. Das Ritual endet erst in dem Moment, in dem Kroos den Ball mit Effet in den Strafraum schlägt – und wiederholt sich beim nächsten Eckball für das deutsche Team.
Toni Kroos wird von den Menschen in Deutschland in diesen Wochen viel Zuneigung entgegengebracht. Jamal Musiala oder Florian Wirtz werden wie Popstars gefeiert. Vor allem Kinder und Jugendliche kreischen, wenn die Jungstars der deutschen Nationalmannschaft irgendwo auftauchen. Thomas Müller verbreitet wie gewohnt gute Laune und die Fans lieben ihn, weil er ihnen das Gefühl gibt, ein ganz normaler Typ zu sein. Bei Toni Kroos ist das anders, wenngleich auch der Mittelfeldspieler uneitel wirkt. Dennoch treten ihm die Anhänger anders gegenüber, beinahe ehrfürchtig, aber doch zugewandt.
Halbfinal-Aus 2012 wegen Kroos?
Im letzten Kapitel seiner Karriere als Fußballprofi spürt Kroos etwas, was ihm in Deutschland bislang verwehrt geblieben war: Die Menschen beginnen, ihn nicht nur ob seiner außergewöhnlichen Fertigkeiten mit dem Spielgerät zu respektieren, sondern sie haben begonnen, Toni Kroos Liebe zu schenken.
Vor ein paar Wochen hat Kroos seine Entscheidung öffentlich gemacht, seine Laufbahn in diesem Sommer zu beenden. Er befindet sich auf den letzten Metern der Karriere, weil er sich von Julian Nagelsmann überzeugen ließ, in den Kreis der Nationalmannschaft zurückzukehren. Seit Kroos wieder für Deutschland spielt, ist die Hoffnung zurückgekehrt. Es wirkt so, als könne der Mittelfeldspieler, der aus Greifswald stammt, die DFB-Elf im Alleingang ans Ziel der Träume führen.
Das war schon mal anders. 2012 wurde das Ausscheiden im Halbfinale der Europameisterschaft gegen Italien mit seiner Person verbunden. Die 0:2-Niederlage hing ihm lange an, denn der damalige Bundestrainer Joachim Löw hatte Kroos überraschend in die Startelf beordert, um die Kreise des italienischen Dirigenten Andrea Pirlo einzuengen. Der Plan misslang – und Kroos war das Sinnbild des Scheiterns. Das war 2018 ähnlich, als die DFB-Auswahl als amtierender Weltmeister sensationell in der WM-Vorrunde scheiterte, und gipfelte während und nach der Europameisterschaft 2021. „Toni hat in diesem Fußball nichts mehr verloren“, sagte Uli Hoeneß vor knapp drei Jahren, nachdem die Deutschen im Achtelfinale an England gescheitert waren.
Selbst der WM-Titel reicht nicht
Die beißende und vor allem abwertende Kritik von Hoeneß hatte eine Vorgeschichte, weil Kroos die Bayern 2014 in Richtung Madrid verlassen hatte, aber das war nicht entscheidend. In der Öffentlichkeit wurde Kroos durch den Macher des FC Bayern zu einem Auslaufmodell erklärt, der Münchner Grande erhielt dafür an den Stammtischen der Republik viel Zuspruch. Der Mann, der als „Querpass-Toni“ abqualifiziert worden war, war das Sinnbild des Niedergangs des deutschen Fußballs, die Verantwortung wurde auf seinen Schultern abgeladen. Die Aufarbeitung der Misserfolge gestaltete sich für alle Beteiligten einfacher, weil ein Schuldiger ausgemacht werden konnte. Toni Kroos wurde während seiner ersten Zeit als Nationalspieler nicht geliebt, oft wurde er nicht einmal respektiert – und erklärte 2021 nach 105 Länderspielen seinen Rücktritt aus dem DFB-Team.
Toni Kroos hatte genug. Zu diesem Zeitpunkt spielte er bereits sieben Jahre für Real Madrid, den wohl führenden Klub der Welt. Er hatte mit Real und mit dem FC Bayern die Champions League gewonnen, gehörte der Weltmeisterelf von 2014 an, war immer Stammkraft – aber das reichte nicht, um die Voreingenommenheit in der Heimat gegen seine Person zu überwinden.
Toni ist eine Legende in diesem Verein“, sagte Carlo Ancelotti vor ein paar Wochen. Real Madrid hatte gerade die Champions League im Finale gegen Borussia Dortmund gewonnen und Kroos war von seinen Real-Kollegen auf den Schultern über den Platz getragen worden. Der Deutsche gehört zur illustren Gruppe jener ganz wenigen Fußballer, die den Henkelpott gleich sechsmal in den Händen halten durften. Ancelotti, der Trainer von Real Madrid, hatte Kroos zum letzten Mal die Verantwortung für das Spiel seiner Mannschaft übertragen und lobte den Strategen im Mittelfeld beinahe überschwänglich. „Wir lieben ihn nicht nur für sein Spiel, sondern auch für seine Professionalität“, sagte der Italiener.
326 Pässe in der Vorrunde
Kroos hat nicht nur Ancelotti überzeugt, sondern sich bei allen Fans in Madrid unsterblich gemacht. Zu Beginn seiner Zeit bei Real spielte er mit Cristiano Ronaldo, Sergio Ramos und Karim Benzema zusammen, zum Schluss mit Vinicius Junior, Jude Bellingham und David Alaba. Die Kollegen wechselten, aber die Erfolge und der Einfluss von Kroos sind geblieben. Das änderte lange aber nichts daran, dass er in Deutschland kritisch beäugt wurde. Der Tenor lautete: Real Madrid ist nicht wegen, sondern trotz Kroos erfolgreich. Erst in den letzten Jahren wandelte sich der Blick auf den Deutschen bei Real, weil der immer spielte, auch wenn immer wieder neue Mittelfeldspieler verpflichtet wurden. Neue Stars kamen, Kroos blieb ein Anker für Real. 465 Pflichtspiele absolvierte er in zehn Jahren in Madrid und gewann insgesamt 23 Titel. Die Zahlen sprechen für sich.
Toni Kroos war lange kein Liebling der Fans in Deutschland, aber schon immer einer der Analysten. Der Fußball ist in den vergangenen 15 Jahren immer gläserner geworden, unzählige Statistiken werden erfasst und ausgewertet. Es gibt Zahlen zu allen Dingen, die auf dem Feld passieren – und hier beginnt sich die Magie von Kroos zu entfalten. Wenn persönliche Empfindungen nicht entscheidend sind, weil Fakten bestimmen, glänzt der Mann, der bei der Heim-EM die Nummer acht trägt.
In der Vorrunde der laufenden Europameisterschaft verbesserte Kroos eine Bestmarke, die er selbst hielt. Insgesamt 326 Mal spielte er einen Pass erfolgreich zu einem seiner Mitspieler – der „Querpass-Toni“ ist in Wirklichkeit ein „Vielpass-Toni“. Fast 96 Prozent seiner Zuspiele insgesamt erreichen einen Mitspieler. Selbst die spanische Passmaschine Xavi kam auf dem Weg zum EM-Titel 2012 an dem Wert für die Pässe nicht vorbei (317). Auf Rang zwei der Rangliste steht Kroos mit 323 erfolgreichen Pässen in der EM-Vorrunde 2016. Es gibt viele statistische Werte, die den Einfluss von Toni Kroos auf das Spiel seiner Mannschaft belegen. Auffallend ist, dass Kroos in der Vorrunde insgesamt 53 Pässe in das eigene Angriffsdrittel spielte, beinahe 18 Mal pro Partie initiierte er damit direkt einen Angriff der deutschen Mannschaft. „Tonis Einfluss auf unser Spiel ist immens“, sagt Ilkay Gündogan beinahe ehrfürchtig. Der Kapitän der DFB-Elf schätzt die Qualitäten des Kollegen besonders, denn einerseits ist er ein ganz ähnlicher Spielertyp, und andererseits kämpfte er ebenfalls lange vergeblich um öffentliche Wertschätzung.
Gespür für die Situation
Die innerhalb der Fußball-Gemeinschaft sowohl Gündogan als auch Kroos sicher ist. Es vergeht bei der EM keine Pressekonferenz der deutschen Kontrahenten, in der die Nummer acht der DFB-Elf nicht zum Thema würde. „Wir haben kein Mittel gegen Toni Kroos gefunden“, sagte Schottlands Trainer Steve Clarke nach dem 1:5 im Eröffnungsspiel. „Wir müssen einen Weg finden, die Kreise von Toni Kroos einzuengen“, erklärte Murat Yakin, der Schweizer Coach, vor dem 1:1 im Vorrundenfinale. Letztlich gelang es keinem Team, entscheidend auf Kroos einzuwirken, weil er Eigenschaften verbindet wie sonst kaum jemand im Weltfußball. Der gebürtige Greifswalder macht die simpel wirkenden kleinen Dinge im Fußball perfekt und verschafft ihnen dadurch große Relevanz. Hinzu kommt, dass er ein Gespür für die Situation auf dem Feld hat. Er weiß, welcher Pass seinem Team jetzt helfen kann. Das wird mit „Spielintelligenz“ beschrieben und macht ihn für Gegner schwer zu greifen. Kroos lässt die Dinge einfach aussehen. Vielleicht wurde seine Art des Fußballs deshalb lange nicht wertgeschätzt, weil er unspektakulär gut ist.
Mit dem Ende der EM wird Kroos’ Karriere ihr Ende finden. Der Deutsche träumt davon, wie im Klub mit einem großen Erfolg aufzuhören, aber er wird vermutlich erst mit etwas Abstand erkennen, dass er die Bühne Nationalmannschaft ergebnisunabhängig triumphal verlassen wird. Seine Titelsammlung ist auch ohne den EM-Pokal beeindruckend.

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