Hintergrund RHEINPFALZ Plus Artikel Wie eine junge Frau Cheerleading in der Pfalz groß machte

Die Falcons beim Euro-Cheermasters 2017 in Magdeburg.
Die Falcons beim Euro-Cheermasters 2017 in Magdeburg.

21 Jahre alt war Stefanie Rocchia, als sie bei den Fußballern des 1. FC 08 Haßloch nachfragte, ob die Herrschaften Interesse an einer Cheerleading-Abteilung hätten. Was aus dem Gespräch wurde.

Bei der Geburtstagsfeier des Südwestdeutschen Fußballverbandes Mitte November im Saalbau in Neustadt war Stefanie Rocchia nicht auf der Bühne, sie stand plötzlich aber doch im Rampenlicht. Moderator Tom Bartels würdigte das jahrelange Engagement der Haßlocherin, die das Cheerleading in der Vorderpfalz populär machte. Die 33-Jährige war gerührt, die Gäste applaudierten begeistert.

Der Klub in Haßloch nennt sich Cheer Community. Dahinter versteckt sich ein kleines Sportmärchen. Ein Sportmärchen? Ja!

Mit 15 Jahren ging es los

Stefanie Rocchia fing mit dem Cheerleading an, als sie 15 Jahre alt war. Eine Bekannte brachte sie zum Cheerleading, einer Sportart, die aus Elementen des Turnens, der Akrobatik, des Tanzes sowie aus Anfeuerungsrufen besteht.

Stefanie Rocchia
Stefanie Rocchia

Stefanie Rocchia war beim FV Heiligenstein aktiv. „Das war für mich immer eine weite Fahrt. Meine Eltern haben mich zweimal die Woche hingebracht“, berichtet sie. Eine halbe Stunde hin, eine halbe Stunde zurück. Es blieb eine überschaubare Gruppe. Irgendwann war klar, dass sich die Cheerleading-Abteilung in Heiligenstein auflösen würde. „Ich habe dann überlegt, was mache ich, wenn es dort nicht weitergehen kann“, erzählt sie.

In Haßloch gab es zu der Zeit für Mädchen, die am Tanzen interessiert waren, wenig Angebote. Da Stefanie Rocchia einen Trainerschein hatte, reifte die Überlegung, etwas anzubieten. „Mein Mann war damals Bambini-Trainer bei 08, so wurde ich bei Feiern immer wieder angesprochen. Auf die Art: Steffi, mach doch hier was“, erzählt sie. Bei einer Weihnachtsfeier wurden die Überlegungen dann konkreter. Wir sind im Jahr 2013. „Ich bin dann auf den Vorstand von 08 Haßloch zugegangen und habe den damaligen Vorsitzenden Hermann Vollweiler und Joachim Blöhs gefragt, ob das eine Option für den Verein sei“, erläutert sie. Die Herrschaften konnten sich unter dem Sport nicht viel vorstellen, sie dachten, glaubt Stefanie Rocchia, wir bekommen da ein paar Mädchen zu 08, warum nicht?

Ein schwieriger Start

So ging es los. Jetzt wurde es ernst. Nun musste eine Halle gefunden werden, es galt, Zeiten zu vereinbaren. „Der Start war schon etwas schwierig“, betont sie. Stefanie Rocchia, damals 21 Jahre alt, sprach einige Mädchen an, schwuppdiwupp hatte sie eine kleine Gruppe zusammen. Die Nachricht verbreitete sich „wie ein Lauffeuer“, nach vier Wochen hatte die mutige Sportlerin schon 20 Mädchen in ihrer Gruppe. Dann folgte erst einmal ein Einstellungsstopp, denn Stefanie Rocchia hatte ja die Aufsicht, es galt, die Hebefiguren auf der Bühne verantwortungsvoll zu begleiten. Bei einer Trainerin können nicht 30, 40 Mädchen zugleich herumtollen.

In einem nächsten Schritt wurde der Dialog mit dem 1. FC 08 Haßloch vertieft, die Mädchen wollten ja auch mal auf Meisterschaften fahren. Stefanie Rocchia war von nun an Ansprechpartnerin für alles. „Ich war plötzlich auch in einer Vorbildfunktion, kümmerte mich um meine Teammitglieder, half bei schulischen Problemen und privaten Angelegenheiten“, berichtet sie.

Die Meisterschaft in Stuttgart 2014 war die erste, an der die Haßlocher Sportlerinnen teilnahmen. Das war ein Schnupperkurs. Dann war schnell klar, dass die Abteilung sich auch der Jugendarbeit verschreibt. 2015 wurden zwei Jugendteams gegründet.

Ein neugieriger Mann

Und dann geschah das: Ein Mann fragte an, ob er denn mal mitmachen dürfe. Das Ansinnen war eine Überraschung. Der Herr bekam die Erlaubnis für ein Probetraining. Damit er sich nicht so alleine fühlt, wurden andere Männer dazu eingeladen. Das Ende der Geschichte: Der Mann tauchte nie auf, die Freunde aber blieben und wollten nicht mehr gehen. Ab da hatte die Abteilung auch noch eine gemischte Mannschaft – die Falcons. „Wir sind dem Mann sehr dankbar, der die Anfrage stellte, alleine wären wir vielleicht nicht so schnell auf die Idee gekommen“, sagt die Chefin schmunzelnd.

Nach kurzer Zeit hatte die Community 100 Mitglieder, heute sind es sogar 140 Mitglieder. 2016 waren die Cheerleaders mit allen Mannschaften bei den Meisterschaften in Stuttgart.

Ein Jahr später wurde der Name Cheer Community als offizieller Name aus der Taufe gehoben. Platz zwei bei der deutschen Meisterschaft in Magdeburg 2018 bedeutete die Qualifikation für die Europameisterschaft in den Niederlanden. Diese war fünf Wochen später – mitten im Sommer, Mitglieder verschoben kurzerhand ihren Urlaub, um dabei sein zu können. Der Auftritt der Haßlocher bei der EM war gleich morgens um 11 Uhr, danach fuhren alle Turnerinnen wieder ins Schwimmbad, sie wollten so den Tag verbringen und nicht in der Halle verweilen, sie hatten ja nicht viel Zeit. Der Tag war so schön, dass Stefanie Rocchia und ihre Co-Trainerin alleine zur Siegerehrung zurück in die Halle fahren sollten. Nach einer kleinen internen Beratung, Tenor: Das kann man nicht machen, fuhren dann doch alle gemeinsam wieder in die Halle. Das war ein sehr guter Entschluss. Sie waren angesagt. Der Titel sprang nämlich überraschend heraus. „Dass wir gewinnen, hat niemand erwartet“, erinnert sie sich. Das war der erste ganz große internationale Höhepunkt der „Klubgeschichte“.

Eine Zäsur 2022

Bis 2022 hat die unerschrockene und fleißige Pionierin im Grunde alles selbst gemacht. Im Sommer 2022 hörte Stefanie Rocchia in der Community auf, mittlerweile zählten zwei Töchter zur Familie, es wurde dann doch zu viel. „Es war ein harter Cut, aber es war die richtige Entscheidung“, betont sie. 2023 kam sie noch einmal als Turnerin zurück, für die Weltmeisterschaft in Tokio. Im vergangenen Jahr gewann das Haßlocher Team die Vize-Weltmeisterschaft in Japan. Das war es dann offiziell für Stefanie Rocchia. Die Betonung liegt auf offiziell. Natürlich ist sie noch gefragt.

„Mein Fokus als Trainerin und Organisatorin unserer vier Teams war es immer, allen eine schöne Gemeinschaft zu bieten, in der jeder seinen Platz findet und jeder sich wohl und gebraucht fühlt. Das ist mir, denke ich, auch gut gelungen. Der sportliche Erfolg war nur der Bonus des Ganzen. Und wenn man mich fragt, denke ich auch, dass der Schlüssel zu diesem Erfolg darin liegt, dass wir als Team fungiert, uns gegenseitig vertraut und gerne Zeit miteinander verbracht haben. Wir waren ein Team und eine zweite Familie zugleich“, erklärt sie.

Mit ihrer älteren Tochter Lilly entspann sich folgender Dialog. „Mama, fliege ich auch einmal nach Japan?“ „Das weiß ich nicht. Wieso, möchtest du?“ Lilly erwiderte: „Erst wenn ich so mutig bin wie du.“ Vorbei war damit das schlechte Gewissen, weil die Mama zehn Tage in Japan ohne die Tochter war. „Das hat mir gezeigt, dass Lilly das ganz anders wahrgenommen hat und sie stolz darauf ist, dass ihre Mama sich ihren Traum erfüllt hat.“

Noch immer geht Stefanie Rocchia regelmäßig in die Halle und steht bereit, wenn Fragen rund um das Cheerleading auftauchen. Ihr Baby ist erwachsen geworden, aber sie hat ein Auge darauf.

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