Magische Momente 2024 Wie die Olympischen Spiele trotz Regens bei der Eröffnung zum Rausch wurden

Pitschnass am Trocadéro vor dem Eiffelturm – und doch rundum happy: Reporter Sven Wenzel.
Pitschnass am Trocadéro vor dem Eiffelturm – und doch rundum happy: Reporter Sven Wenzel.

Ein prall gefülltes Sportjahr hinterlässt viele denkwürdige Momente. Die Sportredaktion hat ihre Favoriten gesammelt – persönlich, emotional, bewegend. Zum Beispiel: die Olympischen Spiele in Paris – samt Regen zur Eröffnung.

Es schmatzt am Gesäß. Angenehm ist das nicht. Der nächste Schwall Wasser läuft den Rücken hinunter. Die Softshelljacke klebt am Körper, die Jeans trieft. Regen, Regen, Regen – und der Blick in den abendlichen Himmel von Paris lässt nichts Gutes erahnen: Besser wird es nicht werden. Muss das sein? Ausgerechnet heute. Sommer in Paris, das war anders geplant. Ein Kollege nach dem anderen bringt Laptop und andere Technik in Sicherheit und eilt ins Pressezentrum. Mitgehen? Und sich die Olympia-Eröffnungsfeier entgehen lassen?

Zwei Wochen später ist das allgemeine Urteil klar: Die besten Spieler aller Zeiten. Wobei das mit „aller Zeiten“ ja immer so eine Sache ist. Wir wissen ja nicht, was noch kommt. Sagen wir so: Es waren die schönsten Spiele seit langem, ästhetisch betrachtet. Mit traumhaften Kulissen im Herzen Europas. Dort, wo Pierre de Coubertin, der Begründer der Olympischen Bewegung, geboren wurde. Historische Bauten und Sportstätten bilden eine Einheit: Fechten im Grand Palais, Beachvolleyball unterm Eiffelturm. Oder Bogenschießen am Invalidendom, wo Napoleon Bonaparte begraben ist. Und natürlich Reiten im Garten von Schloss Versailles, dem Sitz des Sonnenkönigs Ludwig XIV.

Ein Fest der Völlerei

Der Abend des 26. Juli liefert auf all das einen Vorgeschmack. Zum ersten Mal gestalten die Olympia-Macher eine Eröffnungsfeier nicht in einem Stadion. Die Stadt selbst wird zum Schauplatz, mit der Seine als Sensation. Auf Booten schippern die Athleten über das Wasser, zwischendurch treibt die geklaute Mona Lisa durch die Wellen. Überall passiert etwas, der Überblick geht schnell verloren, zugleich wirkt alles harmonisch im Regen von Paris. Marie Antoinette trägt ihren Kopf unter dem Arm. Am Ufer singt Lady Gaga, später schmettert Céline Dion vom Eiffelturm die Piaf.

Drag-Queens und Transmenschen stellen ein Fest der Völlerei aus dem alten Griechenland nach, inklusive blau angemaltem Dionysos. Die große Show ist ein Zeichen an all jene, die allzu gerne spalten. Mit dem Regen als großem Gleichmacher – alle werden nass: Zuschauer, Sportler, Promis, Staatschefs auf der Ehrentribüne. Na gut, es gibt Ausnahmen: Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sitzen überdacht. Manche sind eben doch gleicher als andere.

Unmöglich, einen Moment herauszuheben

Was haben diese Olympischen Spiele für Bilder geliefert! Triumphe und Tragödien, nirgendwo liegen sie näher beieinander. Ruderer Oliver Zeidler liefert das perfekte Rennen, Slalom-Kanutin Ricarda Funk bleibt nach Gold-Zwischenzeit an einem der letzten Tore hängen. Stabhochspringer Armand Duplantis katapultiert sich zum Weltrekord und verleiht dem Stade de France im Stadtteil St. Denis eine ganz besondere Energie. Ein paar Kilometer schreiben die deutschen 3x3-Basketballerinnen zur gleichen Zeit ihre ganz eigene Gold-Geschichte. Yemisi Ogunleye beschert der Pfalz eine Goldmedailleund verzaubert mit ihrem Glauben und ihrem Gesang die ganze Welt.

All diese Momente in diesem Sommer in Paris sind auf ihre Weise besonders. Es ist unmöglich, einen davon herauszuheben, und das würde auch keinem von ihnen gerecht werden. Doch Ausgangspunkt, um all das aufzusaugen und in diesen olympischen Rausch einzutauchen, ist jener Augenblick bei der Eröffnungsfeier am Trocadéro. Jene Entscheidung, die im Grunde keine war, nämlich im Regen auszuharren und nicht ins Trockene zu fliehen. Was macht schon ein bisschen Feuchtigkeit in der Handy-Ladebuchse? Trocknet alles wieder. Der Entschluss, die Nässe zu akzeptieren, steht irgendwie auch stellvertretend für die folgenden Tage: an die Grenzen gehen – und manchmal darüber hinaus.

Als der metallische Ritter, eine Hommage an Jeanne d’Arc, über das Wasser der Seine reitet und mit der olympischen Flagge 15 Meter entfernt über den Steg am Trocadéro schreitet, macht sich etwas Friedvolles breit. Es ist ergreifend, es ist emotional, die Inszenierung ist perfekt gelungen und in diesem Augenblick ist nicht nur Paris nah am Wasser gebaut. Sonnenschein hätte da nur gestört. Denn der Grat zwischen Kunst und Kitsch ist schmal.

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