Fussball
Warum Nationalspielerin Nicole Anyomi stark im Kopf ist
Im ersten Moment tat sich Martina Voss-Tecklenburg ein bisschen schwer, die unglücklichen 0:1-Niederlage gegen den Olympiasieger Kanada einzuordnen. Die Haarpracht der Bundestrainerin wirkte ähnlich zerzaust wie so manche Offensivbemühung der deutschen Fußballerinnen, die spielerisch bessere Lösungen brauchen werden, wenn es bei der EM in England (6. bis 31. Juli) weit gehen soll. Aber kann von einer nicht eingespielten Notbesetzung mehr erwartet werden?
Umso länger Voss-Tecklenburg redete, desto klarer kam heraus, dass diese Niederlage im englischen Norwich auch Gewinnerinnen hervorbrachte. Obwohl ihr Team dem frühen Kopfballgegentor von Vanessa Gilles (7.) vergeblich hinterher lief, stimmten Haltung und Mentalität. Bei keiner war das so offensichtlich wie bei Nicole Anyomi, deren Solos und Tiefenläufe herausstachen. Da agierte eine in ihrem vierten Länderspiel mit viel Zug zum Tor. Wenn auch der Offensivspielerin von Eintracht Frankfurt ähnlich wie Klubkollegin Laura Freigang oder Klara Bühl vom FC Bayern längst nicht alles gelang, offenbarte die 22-Jährige viel Durchsetzungsvermögen.
Anyomi gibt sich bescheiden
Doch am Tag danach wollte sie von ihrer Leistung gar nicht viel Aufhebens machen: „Ich weiß, dass noch mehr in mir drin steckt.“ In der Nacht zuvor hatte ihr Trainerin sich in den Lobeshymnen fast überschlagen, weil ihre auch athletisch starke Nummer 18 „Herz, Leidenschaft und Arbeit“ für dieses hochkarätig besetzten Einladungsturnier verkörperte. „Nici hat gezeigt, wie viel Speed sie hat und wie viele gute Entscheidungen sie treffen kann. Das ist ein Gewinn für uns“, sagte Voss-Tecklenburg.
Mit 16 Jahren war Anyomi ins Sportinternat in Essen gezogen. Ihr Wechsel nach Frankfurt vergangenen Sommer sollte „der nächste Schritt“ sein, doch brachte sie eine langwierige Blessur am Patellasehnenansatz mit. „Ich musste mich nach der Verletzung erst zurückkämpfen“, sagt Anyomi, die bei den Adlerträgerinnen anfangs in der Warteschleife hing – und deshalb auch von der Einladung zur Nationalelf „überrascht war“.
Frischer Wind im Training
Genau wie Jana Feldkamp (23 Jahre/TSG Hoffenheim) oder Sophia Kleinherne (21/Eintracht Frankfurt) nutzt Anyomi nun die Absenz von mehr als ein Dutzend Stammkräften. Dem mit auf die Insel gereisten Sportlichen Leiter Joti Chatzialexiou gefällt, wie die Neu-Frankfurterin bereits im Training „frischen Wind reinbringt.“ Dass Anyomi dieser Tage Argumente für eine EM-Nominierung gesammelt hat, könnte auch ein gesellschaftlich wichtiges Zeichen sein. Ausdrücklich begrüßte sie, deren Eltern aus Ghana und Togo stammen, dass das DFB-Team vor Anpfiff niederkniete, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen.
„Mir ist das persönlich ein wichtiges Thema“, sagt Anyomi, die im Juni 2020 die erste Spielerin im deutschen Frauenfußball war, die gegen die Tötung des US-Amerikaners George Floyd durch einen Polizisten protestierte, als sie in einem DFB-Pokalspiel gegen Turbine Potsdam nach ihrem Tor in die Knie ging. Sie weiß selbst, wie sich Rassismus anfühlt und äußert, „weil ich im Alltag damit konfrontiert werde“.
Turniersieg immer noch drin
Sie hat für sich beschlossen, die mentale Stärke in den Sport zu übertragen – auch wenn das nicht einfach fällt. „Es wird leider immer Idioten geben, die sich nicht ändern. Man muss stark sein im Kopf“, sagte Anyomi kürzlich dem Frauenfußball-Magazin „Elfen“, auf deren aktueller Ausgabe sie das Cover ziert. In der Titelstory wird sie von ihrem Vereinstrainer Niko Arnautis übrigens als „coole Socke und tolle Type“ beschrieben. Genauso trumpft sie gerade bei den DFB-Frauen auf, die zum Abschluss gegen Gastgeber England (Mittwoch, 20.30 Uhr) trotz des 1:1 gegen Spanien und 0:1 gegen Kanada noch den Turniersieg erringen könnten.