Fußball
Warum Jule Brands Familie in der Pfalz ein kleines Problem hat
Es ehrt Jule Brand, dass auch sie nicht wirklich zufrieden klang. Vermutlich hätten sich viele auf die Schulter geklopft, die ein Tor und zwei Vorlagen in einem WM-Qualifikationsspiel beisteuern, aber auch bei der besten deutschen Spielerin beim Pflichtsieg gegen Österreich (5:1) erklangen kritische Töne. „Da ist auf jeden Fall noch viel Luft nach oben. Ich glaube, ich hatte schon bessere Spiele.“ Die 72-malige Nationalspielerin aus Dudenhofen sieht fürs Rückspiel in der beschaulichen Gemeinde Ried im Oberinntal (Samstag, 18 Uhr/sportschau.de) noch Steigerungsbedarf.
Wobei die 23-jährige Pfälzerin, die fußballerisch einst in Speyer und Dudenhofen ausgebildet wurde, bedauert, dass diese Auswärtspartie – genau wie der Erfolg in Norwegen (4:0) – nur im Livestream der Öffentlich-Rechtlichen läuft, die noch bis 2027 die Rechte an den Frauen-Länderspielen haben. „Bei meinen Großeltern wird es ein bisschen schwierig, das Spiel zu gucken. Das müssen meine Geschwister dann immer einstellen, da gibt es immer ein bisschen Stress“, erzählte die Pfälzerin kürzlich: „Aber wir wollen einfach unsere Leistung bringen und freuen uns über jeden, der das Spiel schaut.“
Schon vor dem ersten Aufeinandertreffen hatte die Offensivspielerin von Olympique Lyon generellen Verbesserungspotenzial für das deutsche Frauenteam angesprochen. Man könne „noch mehr Torchancen“ kreieren und „den letzten Pass nochmal konsequenter spielen“. Sie sollte Recht behalten. Brand selbst fand in Nürnberg anfangs am rechten Flügel kaum Lücken, leistete sich technische Fehler, steckte allerdings nie auf – und schwang sich in der zweiten Halbzeit zur Matchwinnerin auf, die das 2:0 und 3:0 vorbereitete und das 4:0 selbst schoss.
Wücks Lob
Eine „viel agilere zweite Hälfte mit einer Jule-Brand-Flanke vor dem zweiten Tor“ hatte Christian Wück gesehen, weshalb der Bundestrainer sie bei seiner Grundsatzschelte ausnahm: „Sie hat sich reingekämpft.“ Er sieht in ihr einen dynamischen Freigeist, der am liebsten „ohne große Regeln und Einschränkungen“ loslegen würde. Nur als Wück im Herbst 2024 von Horst Hrubesch den Job übernahm, da habe er „fünf Sekunden gebraucht, um sie auf dem Platz zu finden“, sagte er einmal. Der 52-Jährige wollte ihr zwar keine taktischen Fesseln anlegen, aber eine andere Haltung beibringen.
Heute schätzt der Bundestrainer, dass die in Lyon nicht zum Stammpersonal gehörende Brand in ihrem Spiel „die kämpferische Komponente“ entdeckt hat. Schon bei der EM 2025 in der Schweiz fiel auf, wie viele Sprints sie im Rückwärtsgang einlegte, wie viele Bälle sie in Defensivzweikämpfen eroberte. Das war nicht mehr die sorglose Nationalspielerin, die bei der WM 2023 in Australien fast unzählige Dribblings verlor – und dann einfach stehen blieb.
Die mal als „Golden Girl“ titulierte Dribblerin profitiert von Wücks hohen Ansprüchen. Der Bundestrainer hatte im Hinspiel mal wieder Linda Dallmann für ihre gute Form beim FC Bayern mit einem Startelfeinsatz im Kreativzentrum belohnt; er hält die trickreiche 31-Jährige für ideal, wenn es gegen tief stehende Gegnerinnen wie Österreich Lösungen in engen Räumen braucht. Sind die Kontrahentinnen allerdings spielstärker wie Spanien, dann wird Brand wie im Nations-League-Finale zur verkappten Spielmacherin, weil sie schnell Tempo in Umschaltsituationen aufnimmt.
Der sei es eigentlich egal, wo sie spiele, sagte Wück: „Sie muss wissen, was sie auszeichnet und stark macht – und das muss sie in unser Spiel bringen, dann bringt sie das ganze Team weiter.“ Brand bestätigte kürzlich diese These: „Ich spiele dort, wo der Bundestrainer mich aufstellt. Ich hinterfrage das nicht.“ Generell möge sie es aber, „wenn ich nicht an die Seite gepresst bin, sondern ein bisschen frei bin“. So lange am Ende eine Bilanz wie am Dienstag rauskommt, gibt es eigentlich auch wenig zu meckern.