Fussball-WM RHEINPFALZ Plus Artikel Warum Joshua Kimmich für das deutsche Scheitern steht

Wut und Verzweiflung: Joshua Kimmich während des Spiels gegen Costa Rica.
Wut und Verzweiflung: Joshua Kimmich während des Spiels gegen Costa Rica.

Joshua Kimmich ist das Sinnbild des deutschen Scheiterns bei der WM in Katar – weil er sich um vieles kümmert, aber nicht um seine primäre Aufgabe.

Sergio Busquets für Spanien, Aurélien Tchouaméni für Frankreich, Casemiro für Brasilien, Declan Rice für England und Enzo Fernandez für Argentinien: Diese Namen stehen nicht für die feine künstlerische Klinge in ihren jeweiligen Mannschaften, aber sie stehen als zentrale Mittelfeldspieler mit zunächst defensiver Ausrichtung für die Möglichkeit, dass ihre Nation in knapp zwei Wochen den WM-Pokal gewinnt.

Kimmich erfüllt die Aufgabe nicht

Aus deutscher Sicht sollte Joshua Kimmich in dieser Liste auftauchen, aber erstens hat der Mittelfeldspieler nach dem peinlichen Ausscheiden der deutschen Mannschaft keine Chance mehr auf den Gewinn der Weltmeisterschaft – und zweitens gehört er inhaltlich nicht in die Reihe der Spieler, die die Stabilität der eigenen Mannschaft symbolisieren. Kimmich wurde von Bundestrainer Hansi Flick vor ein paar Tagen als „einer der besten Sechser der Welt“ bezeichnet, die originäre Aufgabe eines zentralen defensiven Mittelfeldspielers erfüllt Kimmich jedoch nicht – und das nicht erst seit den Tagen in Katar.

Mittelfeldduo ohne Stabilität: Ilkay Gündogan (rechts) und Joshua Kimmich.
Mittelfeldduo ohne Stabilität: Ilkay Gündogan (rechts) und Joshua Kimmich.

In allen Mannschaften, die in den vergangenen Jahrzehnten internationale Titel gewannen, gab es mindestens einen Akteur im Mittelfeld, der sich vorrangig darum kümmerte, die Angriffe des Gegners im Keim zu ersticken und – viel wichtiger noch – die Struktur innerhalb des eigenen Teams zu überwachen. Im Fußball wird im modernen Sprachgebrauch von der „Restfeldverteidigung“ gesprochen, wenn es darum geht, die eigene Anfälligkeit bei Ballverlusten zu minimieren. Die Organisation der Spielanlage in der eigenen Defensive obliegt dem „Sechser“, der zugleich zuallererst dafür verantwortlich ist, das defensive Zentrum vor der Abwehrreihe geschlossen zu halten. Diese Aufgabe erfüllt Kimmich nicht in der DFB-Auswahl, und meist auch nicht beim FC Bayern.

Ein strukturelles Fehlverhalten

Während diese Schwäche im Klub in der Regel weit weniger tragische Konsequenzen hat, weil der FC Bayern seinen Gegnern oft haushoch überlegen ist und zudem Fehler durch die individuelle Qualität der Spieler in der Verteidigung ausgebügelt werden, führt das strukturelle Fehlverhalten im deutschen Mittelfeld zu Gegentoren, Niederlagen und dem Ausscheiden in einer WM-Vorrunde. Die deutsche Mannschaft und Kimmich waren nicht in der Lage, gegen Japan und Costa Rica, gegen Kontrahenten also, denen sich die DFB-Elf überlegen fühlte, die defensive Struktur im Zentrum der eigenen Aufmerksamkeit hochzuhalten. Wenn die Konzentration darauf verloren geht, hat der „Sechser“ die Aufgabe, die Teamkollegen daran zu erinnern – Joshua Kimmich war dazu nicht in der Lage, weil er in den meisten Momenten offensiv denkt und nicht defensiv.

Wie sich die Bilder gleichen: Joshua Kimmich (links) nach dem WM-Ausscheiden 2018.
Wie sich die Bilder gleichen: Joshua Kimmich (links) nach dem WM-Ausscheiden 2018.

Wenn die deutsche Mannschaft mit Kimmich als Mittelfeldspieler erfolgreich werden will, geht das nur, wenn eine von zwei Bedingungen erfüllt ist. Kimmich muss sich selbst in ein engeres Korsett zwängen – oder durch den Trainer hinein gezwängt werden. Gelingt das nicht oder ist es nicht die übergeordnete Idee, muss neben oder hinter Kimmich ein Akteur installiert werden, der sich vorrangig um die defensive Stabilität kümmert. Dass es für eine solche Position im Moment nur wenige Spieler mit deutschem Pass gibt, die dafür in Frage zu kommen scheinen, ist ein Versäumnis des Ausbildungsansatzes beim Deutschen Fußball-Bund. Beim Gewinn der Europameisterschaft der U21 im vergangenen Jahr füllte Niklas Dorsch (inzwischen FC Augsburg) die Rolle des „Sechsers“ aus.

Grundsätzlich wurde in Katar und durch Joshua Kimmich offensichtlich: Führungsqualität auf dem Feld wird nicht dadurch bewiesen, dass man alles machen will, sondern durch die Tatsache, dass man zuallererst seine primäre Aufgabe im besten Sinn für die Mannschaft erfüllt.

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