Formel 1 RHEINPFALZ Plus Artikel Warum Grün in Zandvoort das neue Orange sein soll

Per Fahrrad zum Formel-1-Spektakel in den Dünen: Das gibt’s nur in Zandvoort.
Per Fahrrad zum Formel-1-Spektakel in den Dünen: Das gibt’s nur in Zandvoort.

Dreieinhalb Jahrzehnte lang ruhte der Zandvoort Circuit in den Dünen. Mit Max Verstappen aber ist das Seebad erwacht. Der Öko-Anstrich des Rennspektakels überzeugt aber nicht alle.

Dornröschen, die salzige Version, hat ausgeschlafen. Max Verstappen, der Immer-Noch-Spitzenreiter der Formel 1, ist nicht bloß Lokalheld, sondern Nationalheld. Und die vom Winde verwehte Piste gerät an diesem Wochenende zum Neustart der Königsklasse nach der Sommerpause, der vielleicht noch besseren Hälfte einer Saison voller überraschender Wendungen.

Beim Großen Preis der Niederlande bejubelt die Orange Army nicht nur den Red-Bull-Piloten, das Feiern wird zum Selbstzweck. „Klappen met die handjes“ kennt die ganze Welt von der Fußball-EM auf deutschen Straßen, das verstärkt sich nun nochmal, wenn 300.000 Menschen in ein 17.000 Einwohner zählendes Seebad einfallen. Alle mal von links nach rechts wäre allerdings der Ideallinie abträglich, auf die Verstappen nach einem sieglosen Juni wieder einbiegen muss. Noch ist sein Vorsprung von 78 Punkten auf Lando Norris bei noch zehn ausstehenden Rennen bequem. Ideal für einen vierten Titel in Serie wäre aber auch der vierte perfekte Heim-Grand-Prix in Folge. Bisher konnte er alle Auftritte an der Nordseeküste aus der Pole Position heraus gewinnen.

Das frischere Las Vegas

Hup Holland Hup, eine orange Schlange zieht sich am Meer entlang. Wer auf dem Weg zu einer der kürzesten und schwierigsten Piste im Rennkalender eine Pause braucht, zweckentfremdet die Strandliegen oder gleich den Bademeisterstuhl. In Zandvoort lebt noch die Basis der Motorsportbegeisterung, es ist das frischere Las Vegas. Weniger Zauber zwar, aber mehr Stimmung. Das gipfelt in der täglichen Frage, welcher Sound lauter ist – der der Motoren oder der DJs mit ihren Verstärkern?

Die Frage der Farbe scheint klar beantwortet, auch wenn Verstappens neue Kappe ausnahmsweise blau ist (obwohl sie für ein alkoholfreies einheimisches Bier wirbt). Allerdings sind sie in Zandvoort auch auf einen anderen Slogan stolz: „Orange ist das neue Grün“. Die Stadt ist während des Rennwochenendes praktisch autofrei, ein angenehmes Paradoxon. Die meisten Fans kommen mit der Bahn aus dem nahen Amsterdam, „Max Express“ getauft. Zigtausende sind mit dem Fahrrad unterwegs, und wer doch auf vier Rädern anreist, steht weit draußen auf den Parkplätzen, die sonst für Strandgänger gedacht sind.

Hollands Nationalheld: Max Verstappen.
Hollands Nationalheld: Max Verstappen.

Da wird sie ein stückweit greifbar, die vom Automobilweltverband FIA ausgerufene Kampagne „Net Zero“ zum Erreichen der Klimaneutralität bis 2030. Natürlich ist ein Sport mit Motoren immer angreifbar, was den Klimawandel angeht, auch wenn die Rennwagen nur 0,7 Prozent aller mit der Formel 1 verbundenen Emissionen verursachen. Der ökologische Fußabdruck wird auch nicht beim Tritt aufs Gaspedal versaut, sondern den Reisen, die eine boomende Mammut-Weltmeisterschaft mit 24 Rennen nun mal verursacht.

Aber Zandvoort lebt vor, wie es im Kleinen besser gehen kann und hat mit dem Einsatz alternativer Kraftstoffe dafür gesorgt, dass der Energieverbrauch gegenüber dem Vorjahr um 94,5 Prozent gesunken ist. Insgesamt hat die Formel 1 ihren CO 2 -Ausstoß um 13 Prozent gesenkt, Tendenz weiter stark fallend. Serienchef Stefano Domenicali unterstreicht am Beispiel von Zandvoort gern, dass die Formel 1 nicht bloß Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sein will.

Der Vorwurf: Greenwashing

Die Niederländer ringen mit den Österreichern um den Titel des nachhaltigsten Rennens, dazu trägt auch eine Truppe von Streckenangestellten bei, die permanent mit Abfallrucksäcken durch die Menge läuft. Trotzdem müssen sie sich oft den Vorwurf des Greenwashings machen lassen. Naturschützer haben schon mehrfach versucht, das Spektakel gerichtlich zu untersagen, um Tiere wie die Zauneidechse zu schützen, die in den Dünen rund um die Piste zu Hause ist. Die Gerichte haben die Einsprüche immer wieder verworfen, und sogar das königliche Paar hat dem rasenden Kronprinzen Max bei seinem letzten Heimatbesuch den Segen erteilt.

Am Sonntag fährt der 26-Jährige sein 200. Formel-1-Rennen. Weitere Protestaktionen der Umweltschützer, die sich in der Stiftung „Ruhe an der Küste“ zusammengeschlossen haben, schließt das trotzdem nicht aus. Beim Großen Preis der Niederlande herrscht der Ausnahmezustand in jeder Hinsicht.

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