Wochenend-Kolumne RHEINPFALZ Plus Artikel Von verbalen Flachpässen und Lippen auf Trikot-Emblemen

Marco Antwerpen im Gespräch mit den RHEINPFALZ-Redakteuren.
Marco Antwerpen im Gespräch mit den RHEINPFALZ-Redakteuren.

Marco Antwerpen und Thomas Hengen dürfen ruhig erst mal das Phrasenferkel befüllen

Wenn man sich von Berufs wegen mit Fußball beschäftigt und die Menschen, mit denen man regelmäßig in Kontakt tritt, davon wissen, wird man schon mal um eine Prognose gebeten. Da gibt es zum Beispiel den Gemüsehändler meines Vertrauens, einen Anfangdreißiger mit einem großen Herzen für den FCK (und den FC Liverpool), der von mir Jahr für Jahr nichts lieber hören würde als eine Garantie für den Aufstieg der Roten Teufel. Motto: „Unn, des Johr, was sagscht?“

Sorry, Steffen, ich kann nicht helfen, und abgesehen davon habe ich mir durch Prophezeiungen in Sachen FCK schon derart oft eine blutige Nase geholt, dass der Zinken ganz vernarbt ist. Ich hatte stets optimistischer gedacht – und vermutlich auch gehofft.

Das beliebte Spiel des frühen Hochjubelns oder Abschreibens taugt nicht, es ist pure Folklore. Der FCK ist dafür das beste Beispiel. In der Vorsaison lag er nach 29 von 38 Spieltagen mit sieben Punkten Rückstand zum rettenden Gestade auf einem Abstiegsplatz, das Totenglöcklein läutete schon – der FCK aber schaffte den Ligaverbleib noch. Was heute zu gelten scheint, kann sich morgen erledigt haben. Insofern haben auch die Verantwortlichen des FCK bei mir erst mal einen Freifahrtschein, wenn es um Phrasenferkel-verdächtige Worthülsen geht. Von Spiel zu Spiel denken? Gerne. Abgerechnet wird am Schluss? Gewiss doch. In dieser Liga kann jeder jeden schlagen? Klaro. Belanglose Statements, aber was wollen Trainer Marco Antwerpen und Sportchef Thomas Hengen schon hinausposaunen, wenn die Runde nicht mal angefangen hat und das Transferfenster noch sperrangelweit offen steht? Lieber mal kleine Brötchen backen, den Ball verbal flach halten und daran denken, dass der nächste Gegner immer der schwerste ist. Wichtig ist eh aufm Platz. An diesem Samstag wieder. Endlich.

Trikotküssen ist ebenso unnötig wie die Twitter-Rache

Ich konnte es noch nie ausstehen, wenn Fußballer ihr Trikot küssen. Klar, es gibt Ausnahmen. Ein Lionel Messi darf selbstredend das Leiberl des FC Barcelona busseln, Thomas Müller das Hemd des FC Bayern und Gianluigi Buffon das Juve-Shirt. Wer zehn Jahre plus bei einem Verein kickt oder kickte, dem nimmt man ab, dass es sich um eine Liebesbeziehung handelt. Alles andere ist Schau.

So wie bei David Alaba. Der Österreicher hat nun ebenfalls ein Trikot mit seinen Lippen befeuchtet, das seines neuen Arbeitgebers Real Madrid. Gleich bei der Vorstellung, geschmückt mit den Worten „größter Verein der Welt“. Die Fans des FC Bayern, dem Alaba mit kurzer Leihe nach Hoffenheim von 2008 bis 2021 diente, eine rekordverdächtig lange Zeit im Profisport, rasen vor Zorn. Kurzer Auszug aus dem Sammelalbum der Netz-Tiraden: „Eine größere Verhöhnung geht nicht“; „Was für ein Verrat an dem Verein, der dich groß gemacht hat und dem du alles zu verdanken hast“; „Wie ehrenlos kann man sein?“; „Ein Schlag ins Gesicht“. Und so weiter und so erbost.

Man möchte den Rachsüchtigen zu etwas mehr Gleichmut raten. Erstens: Alaba hat für den FCB immer alles gegeben. Zweitens: Es hat halt nicht mehr gepasst, die Vorstellungen gingen auseinander. Drittens: Er ist Profi – und Fußball in diesen Sphären nun mal Business. Viertens: Die Fanschar der Königlichen will so etwas eben hören und sehen. Hätte Alaba sagen sollen: „Hola, ich freu mich, aber dass ihr’s gleich wisst – gegen die Bayern stinkt ihr ab?“ Noch mal: Ich mag keine Trikotküsser. Ich mag es aber auch nicht, wenn deswegen gleich ein Shitstorm einsetzt. Jauche-Orkane braucht kein Mensch.

Ich wünsche Ihnen ein besonnenes Wochenende. Und meinem Gemüsehändler das passende Resultat für noch ein bisschen mehr Euphorie.

Ein Bussi mit Folgen: David Alaba.
Ein Bussi mit Folgen: David Alaba.

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

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