American Football
Trump, Popstars und Politik: Warum die NFL sich nicht anbiedert – und die Fifa schon
Was ist der Unterschied zwischen der Fifa und der National Football League, kurz NFL? Der Fußballweltverband versucht seit geraumer Zeit, sich mit Donald Trump gut zu stellen. Man denke an die Siegerehrung bei der Klub-Weltmeisterschaft im Sommer 2025, bei der Fifa-Boss Gianni Infantino nicht einschritt, als der Präsident der USA die Bühne nicht verließ. Oder die Zeremonie zur Gruppenauslosung für die anstehende WM in den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada, bei der Infantino Trump den extra geschaffenen Fifa-Friedenspreis überreichte. Beide posierten für Selfies, sie lachten und inszenierten sich als beste Freunde.
Die Fifa strebt dorthin, wo Fußball nicht die Nummer 1 ist auf der Erde. Sie will auf dem US-Markt wachsen, und um die Chance dafür zu erhöhen, hat der Verband entschieden, dem US-Präsidenten das zu geben, was Trump am meisten schätzt: Er lässt sich hofieren. Die NFL hat ein solches Anbiedern offenbar nicht nötig. An der umsatzstärksten Sportliga der Welt kommt in den USA niemand vorbei: Von den 100 meist gesehenen TV-Sendungen im Jahr 2025 in den USA waren 83 Spiele der NFL. Das Play-off-Duell zwischen den Denver Broncos und den Buffalo Bills schauten jüngst 50 Millionen Menschen. Der 60. Super Bowl am Sonntag in Santa Clara bei San Francisco könnte neue Rekordreichweiten bringen. Die bisherige Bestmarke: beim NFL-Finale in New Orleans schauten 2025 mehr als 120 Millionen Menschen zu.
In den Tagen vor dem Duell zwischen den New England Patriots und den Seattle Seahawks wird immer wieder deutlich, wie wenig die NFL sich um das schert, was Trump von sich gibt. Und das, obwohl einige der 32 Team-Besitzer zu den Unterstützern des Präsidenten zählen. Auch Liga-Boss Roger Goodell zählt zu Trumps Dunstkreis. „Fans interessieren sich zunehmend dafür, welche Parteien Spieler, Trainer oder Teambesitzer unterstützen“, sagt Politikwissenschaftler Jake Grumbach von der Universität in Berkeley im RHEINPFALZ-Gespräch. Der 38-Jährige ist Professor an der renommierten Goldman School of Public Policy, forscht zur Entwicklung der Demokratie in den Staaten und ist großer Sportfan. „Die NFL ist eine extrem diverse Liga, sie ist überproportional schwarz. Schwarze Amerikaner unterstützen überwiegend die Demokraten, aber auch weiße Spieler im Football tendieren eher zu den Demokraten – trotz einiger prominenter Trump-Unterstützer“, sagt er. Superstar Nick Bosa von den San Francisco 49ers zum Beispiel, der sich bei Interviews schon mit einer „Make America Great Again“-Mütze vor die Kameras stellte.
„Ich bin gegen sie. Ich finde, es ist eine schreckliche Wahl. Alles, was sie bewirken, ist Hass zu säen“, sagte Trump neulich in einem Interview mit der „New York Post“ über das, was die NFL beim Super Bowl vorhat und fasste es selbst zusammen: „Schrecklich.“ Dabei bezog er sich auf das musikalische Rahmenprogramm, das für viele ebenso wichtig ist wie das Spiel selbst.
Vor dem Kick-off wird die kalifornische Punkrock-Band Green Day auftreten, die bei ihren Konzerten kein Geheimnis aus ihrer tiefen Abneigung gegenüber Trump oder den umstrittenen Einsätzen der Einwanderungsbehörde ICE macht. Der wohl bekannteste Song von Green Day ist „American Idiot“, in dem die Musiker die „Redneck-Agenda“ von Präsident George W. Bush kritisieren und ihre Ablehnung des Irakkriegs deutlich machen. Aktuell hat die Band den Liedtext geändert in „MAGA-Agenda“. Werden die Musiker eine politische Botschaft platzieren, während die gesamte Nation zuschaut?
Dank Bad Bunny ist der Liga Reichweite gewiss
Die noch größere Bühne bekommt Bad Bunny. Der Rapper aus Puerto Rico gestaltet die berühmte Halbzeitshow des Super Bowls und es zeichnet sich ab, dass er die komplette Viertelstunde auf Spanisch singen wird. Bad Bunny war in den vergangenen Jahren der weltweit meistgestreamte Künstler auf Spotify. Größer geht es kaum. Er sieht sich als Sprachrohr der Latino-Community in den USA. Bei ihm scheint die Frage nicht zu sein, ob er seinen Auftritt für ein politisches Statement nutzt. Sondern, wie heftig es ausfallen wird. Die NFL kann sich die Hände reiben: Aufmerksamkeit und Reichweite sind ihr gewiss.
„Die NFL gilt inzwischen als ,zu woke’ für Teile der Rechten“, sagt Politikwissenschaftler Grumbach. „Künstler wie Green Day oder Bad Bunny stehen klar für Opposition.“ Das will sich Präsident Trump nicht antun. Anders als im vergangenen Jahr wird der 79-Jährige beim Super Bowl in Santa Clara nicht im Stadion sein. In New Orleans besuchte er als erster amtierender Präsident das Endspiel. Seine Vorgänger verzichteten auf einen Besuch, um dem Sport nicht die Show zu stehlen.
„Ich habe beim Super Bowl großartige Erfahrungen gemacht. Sie mögen mich dort“, sagte Trump. Aber die US-Westküste sei einfach zu weit weg: „Ich würde hin, wenn es ein bisschen näher wäre.“ Nicht ausgeschlossen, dass ihn im demokratisch geprägten San Francisco mit seinem prosperierenden Tech-Umland ein Pfeifkonzert erwarten würde.
Keine ICE-Einsätze in San Francisco
Die NFL-Verantwortlichen reagieren auf die Schimpftiraden des Präsidenten – gar nicht. Eine betonte Gelassenheit in den Tagen vor dem großen Spiel? Trotz all der Vorzeichen verläuft die Vor-Super-Bowl-Woche ausgesprochen entspannt. Die Liga lässt sich nicht auf eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Weißen Haus ein, schießt nicht zurück, hält nicht die andere Wange hin. Sondern wird ihrem Teflon-Image gerecht: es perlt alles ab. Nur eines betont sie häufig: ICE-Einsätze rund um das Levi’s Stadium werde es nicht geben.
Bad Bunny würde die Plattform, die er beim Super Bowl habe, „verstehen“, sagte NFL-Boss Goodell in San Francisco. Die Liga verkündete zudem ihr Vorhaben für das kommende Jahr. Neun Spiele wird sie im Ausland austragen. Neben München, London, Rio de Janeiro, Madrid und Mexiko City werden erstmals auch Paris und Melbourne Gastgeber sein. Die Liga treibt ihre Internationalisierungsstrategie gnadenlos voran. Sie weiß: So groß der Zuspruch in den USA auch ist, so wenig Wachstum ist hier noch möglich. Anders als die Fifa sieht die NFL ihre Zukunft nicht mehr im Land eines alten weißen Mannes.