FUSSBALL
Torsten Lieberknecht in Herxheim-Hayna: Bergeweise Arbeit in der guten Stube
Für Torsten Lieberknecht ist die gepflegte Anlage zu einem zweiten Wohnzimmer geworden. Konzentriert sitzt der Fußballlehrer und ehemalige Bundesligaprofi auf seinem Stuhl in einem Tagungsraum im Hotel-Restaurant Krone im südpfälzischen Herxheim-Hayna. Mit großer Begeisterung redet der 47-Jährige, der aus Haßloch stammt und der von dort aus über den VfL Neustadt mit 16 den Sprung zu den Junioren des 1. FC Kaiserslautern geschafft hat, über Fußball. Der Sport ist seine große Leidenschaft und sein Beruf.
Die Lust, etwas aufzubauen, ist zu spüren
Das Vormittagstraining mit seinem neuen Klub, dem Zweitligisten SV Darmstadt 98, liegt hinter dem einstigen Jugend-Nationalspieler. Lieberknecht war zur Saisonvorbereitung schon oft in Hayna zu Gast, als Spieler mit dem FCK und mit dem FSV Mainz 05, als Chefcoach mit Eintracht Braunschweig. Auch jetzt hat er im Trainingslager der „Lilien“ in der traditionsreichen Tabakgemeinde alle Hände voll zu tun und daher wenig Zeit. Der Trainer hat richtig Lust, anzupacken, etwas aufzubauen. Das ist im Gespräch mit der RHEINPFALZ deutlich zu spüren.
Am 10. Juni ist er in Darmstadt als Nachfolger des zu Werder Bremen gewechselten Markus Anfang vorgestellt worden, hat bei den Südhessen einen Zweijahresvertrag unterzeichnet. Neben Anfang haben mehr als ein Dutzend Spieler den Klub verlassen. Erfolg weckt Begehrlichkeiten bei anderen Arbeitgebern. Die „Lilien“ haben unter Lieberknechts Vorgänger, auch ein Ex-FCK-Profi, im Saisonendspurt fünf Partien hintereinander gewonnen, wurden respektabler Siebter. Das hat der Pfälzer, am 10. November 2020 nach Höhen und Tiefen beim MSV Duisburg entlassen und zwischenzeitlich bei seiner alten Liebe Kaiserslautern immer mal wieder Trainerkandidat, aus der Ferne erlebt.
Wollen „permanent am Jagen sein“
Nun ein konkretes und realistisches Saisonziel zu nennen, fällt Lieberknecht wie vielen seiner Kollegen vor der für die „Lilien“ am 24. Juli mit einem Heimspiel gegen Regensburg beginnenden Saison schwer. Die Liga verspricht, sehr stark zu werden. Daher sagt der Fußballlehrer, der mit seiner Frau Simone und den drei Kindern in den Herbstferien den Wegzug aus Ratingen-Lintorf bei Düsseldorf und eine feste Bleibe im Rhein-Main-Gebiet anstrebt, über Darmstadt 98: „Wir sind ein ambitionierter Underdog, der permanent am Jagen sein will.“ Kein Wunder – angesichts einer nun noch attraktiver gewordenen Zweiten Liga. Besagte Bremer und der FC Schalke 04 sind als prominente Bundesliga-Absteiger neu dazugekommen, ohnehin ist etwa auch mit Daueraufstiegsaspirant Hamburger SV, dem 1. FC Nürnberg oder Fortuna Düsseldorf reichlich Tradition vertreten. „Wir wollen vermitteln, dass auch wir ambitioniert sind, wir wollen auch in dieser attraktiven Liga unsere Stärke zeigen.“ Und das mit offensivem, aktivem Fußball.
Abwechslung auch bei Ernährung das A und O
Ballbesitzfußball, hoch verteidigen, aber auch mal tief, Konter. Dass man heutzutage alles beherrschen muss, davon ist Lieberknecht überzeugt. Das ganze Paket einüben und verfeinern: Dafür sind die „Lilien“ in der Südpfalz; trainiert wird zumeist auf der Zentralen Sportanlage in Herxheim. Das ursprünglich etwas früher im Schwarzwald geplante Camp hat der Klub abgesagt. Damals standen zu wenige Spieler zur Verfügung. Zu viele Profis waren da noch verletzt, und bei den Neuzugängen war man noch nicht so weit. So hat man kurzfristig eine Alternative zu einem späteren Termin gesucht. Und kam, auch dank Lieberknechts guter Verbindungen zum Haus, auf die „Krone“. „Ambitioniert, familiär, professionell aufgestellt. Die Zukunft im Blick und mit Tradition im Rücken.“ So beschreibt Lieberknecht die „Lilien“, seinen neuen Klub. Und so würde er auch das Darmstädter Sommerquartier in Hayna bezeichnen. „Von daher passt das perfekt zu uns. Man merkt immer wieder sofort: Die Krone kennt sich aus mit Trainingslagern, weiß, was benötigt wird.“ Die Ernährung ist für Sportler natürlich besonders wichtig. Wenig Fett und viel Proteine sowie Abwechslung sind das A und O.
Lieberknecht muss neue Achse formen
Abwechslung soll auch auf dem Platz herrschen. So sind Lieberknecht und der Sportliche Leiter Carsten Wehlmann gefordert, den Umbruch zu gestalten. „Man spricht hier davon, dass eine Achse weggebrochen ist“, sagt der Trainer. Torjäger Serdar Dursun, mit 27 Treffern 2020/21 ein Garant des Erfolges, ist zu Fenerbahce Istanbul gewechselt. Auch die Stamm-Innenverteidiger Lars Lukas Mai und Immanuel Höhn sowie die Sechser Victor Pálsson und Nicolai Rapp sind gegangen. Für den Sturm sind Phillip Tietz aus Wiesbaden und Luca Pfeiffer aus Dänemark gekommen, fürs Abwehrzentrum Routinier Lasse Sobiech und Jannik Müller. Lieberknecht ist gefragt, ein neues Team zu formen. Aufgaben wie diese sind seine Leidenschaft, das spürt man. Darauf brennt er. Und er steckt schon mittendrin in einem Berg voll Arbeit.