Radsport RHEINPFALZ Plus Artikel Timo Bichler: Abschied in der Dudenhofener Badewanne

Kein Blick zurück im Zorn: Timo Bichler bei der WM 2019.
Kein Blick zurück im Zorn: Timo Bichler bei der WM 2019.

Gerne wäre Timo Bichler bei der WM in Glasgow dabei gewesen – als Zuschauer. Vor fünf Jahren gewann er dort EM-Bronze. Aber er hat mit seiner Karriere abgeschlossen. Beim Sprint-Grand-Prix in Dudenhofen wird der Bahnradsportler verabschiedet.

Noch einmal bei einem internationalen Großereignis am Start zu stehen, das hätte für Timo Bichler seinen Reiz gehabt. Nur: Wenn er sich das Komplettpaket durch den Kopf gehen lässt, also all die Vorbereitungen für einen solchen Start, die Mühen, der Stress, das Auf und Ab im Leistungssport, dann sagt er sich: nein danke!

„Leistungssport ist verdammt harte Arbeit. Das wissen viele Leute gar nicht, weil sie nicht sehen, was im Hintergrund alles passieren muss, bis man in der Spitze angekommen ist“, sagt er. Wie oft habe er erlebt, dass es, kurz bevor es richtig gut lief, erst mal richtig schlecht lief: „Das muss man wissen, muss man lernen. Man muss auf den Trainer hören, der einem das vermittelt, denn das versteht man am Anfang der Karriere nicht.“

Neue berufliche Ziele

Bichler ist 24 und verfolgt neue berufliche Ziele als Polizist. Er hat im letzten Winter bei seinem vierwöchigen Praktikum nach wenigen Tagen gespürt, dass das zu ihm passt. Im Februar wird er seine Ausbildung zum Polizeimeister bei der Bundespolizei in Kienbaum abgeschlossen haben. Dann kehrt er in seine bayerische Heimat zurück und wird wohl in Freilassing seinen Dienst antreten. Schon heute wohnt er in Bad Reichenhall.

In sportlicher Hinsicht weiß er, dass er als Anfahrer im deutschen Teamsprinttrio an seinen Grenzen angelangt ist und er in seinem Teamkollegen Luca Spiegel (19) aus dem Bahnradteam Rheinland-Pfalz seinen Nachfolger als Anfahrer gefunden hat. „Die Leistungen meiner Nationalmannschaftskollegen waren sehr ordentlich. Sie gefielen mir, und Lucas 17,25 Sekunden auf der ersten Runde sind einfach überragend“, ordnet Bichler die Auftritte der deutschen Sprinter in Glasgow ein, die im Teamsprint Fünfte wurden.

Seine eigene Bestzeit für die 250 Meter steht bei 17,40 Sekunden, gefahren vor mehr als zwei Jahren in der Olympiaqualifikation. Auf dem Weg nach Tokio hatte er insofern Glück, als er von der Corona-Pandemie profitierte. Er war für die Spiele 2020 gescheitert, aber durch die Verschiebung auf 2021 erhielt er trotz eines schweren Sturzes im September 2020 in Rostock, als er ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt und sich den Daumen brach, eine neue Chance – und nutzte sie. Dass das Trio mit ihm, Stefan Bötticher und Max Levy in Tokio „nur“ Fünfte wurde – okay, eine kleine Enttäuschung. Er ist anders als der fünfte Platz des jungen Teams in Glasgow zu bewerten.

„Ich würde alles wieder so machen“

Vor acht Jahren war der damalige Mountainbiker aus Simbach am Inn in die Pfalz gekommen, ans Heinrich-Heine-Gymnasium in Kaiserslautern, wo er 2019 sein Abitur machte. Entdeckt hatte ihn Frank Ziegler, der in Bichler einen sehr zuverlässigen Athleten und einen feinen Menschen sieht, „einen sehr ehrgeizigen Sportler und eine ehrliche Haut“. „Ich kannte es, mal zwei, drei Wochen weg zu sein. Die vielen Jahre in Kaiserslautern fühlen sich aus heutiger Sicht wie ein ewig langes Trainingslager an, die total viel Spaß machten. Ich würde alles wieder so machen“, bilanziert Timo Bichler: „Der Trainer und seine Familie waren wie eine Ersatzfamilie für mich. Es ging in der Pfalz immer familiär zu, ich vermisste nichts.“ Am besten gefielen ihm die freundlichen Menschen – und die Weinstraße.

Timo Bichler blieb damals kein Mountainbiker, wurde kein Straßenradprofi, sondern ein echter Spezialist auf der Bahn, getrimmt auf die Aufgabe des Anfahrers. Die Ausübung seines Sports dauerte immer nur zwischen 17 und 18 Sekunden. „Mir liegt die kurze schnelle Beschleunigung aus dem Stand. Es ist der Kurvendruck, der es ausmacht, dass diese 17, 18 Sekunden wirklich richtig Spaß machen. Es ist wie eine Fahrt auf der Achterbahn, bei der man selbst steuert“, erklärt er seinen Kick im Sport. Auf seiner Hausbahn, der Dudenhofener „Badewanne“, steigt er am Donnerstag und Freitag aus der Achterbahnfahrt aus.

x