Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Teresa Enke: Roberts Tod gab der Krankheit ein Gesicht

Die Mauer (im Kopf): Corona, Krieg, Inflation, Energienot – Krisen scheinen Depressionstreiber zu sein. Was hilft: präventiv zu
Die Mauer (im Kopf): Corona, Krieg, Inflation, Energienot – Krisen scheinen Depressionstreiber zu sein. Was hilft: präventiv zu wirken. Sport treiben, sich gesund ernähren, kleine Auszeiten gönnen, Zeit mit Tieren verbringen.

Im November 2009 nahm sich Nationaltorwart Robert Enke das Leben. Seither kämpft Teresa Enke darum, Menschen mit Depressionen zu helfen. Ein Gespräch mit einer starken, mutigen Frau über ein Stigma, die Seele, eigene Schwächen – und worüber Robert jetzt lachen würde.

Frau Enke, nächste Woche jährt sich ein weiteres Mal der Todestag von Robert. Wie gehen Sie damit um?
Es ist natürlich kein schönes Datum im Kalender, aber dieser Tag allein hat nicht die Tragödie gemacht. Er war nur der negative Höhepunkt. Für mich waren die Tage danach viel schlimmer. In den ersten Jahren wusste ich genau, um welche Uhrzeit es passiert ist, was ich wann gemacht habe, wann die schlimme Nachricht kam. Mittlerweile versuche ich, den Tag nicht mehr so bewusst an mich heranzulassen. Meist besucht uns meine Schwiegermama und dann kommen alte Geschichten auf den Tisch. Aber nicht wegen des Todestages, sondern einfach weil wir zusammen sind. Viel bewusster nehmen wir Roberts Geburtstag wahr.

2006 hatten Sie den Tod Ihrer herzkranken Tochter Lara zu verkraften, dann 2009 den Ihres Mannes. Wie schafft man das?
Ich bin auch in mentale Löcher gefallen, brauchte Hilfe. Aber ich glaube, ich bin sehr resilient und lebensbejahend. Ich wusste, das Leben muss weitergehen, ich hatte Verantwortung für meine Tochter Leila und viele Tiere. Für andere zu sorgen, das geht nur mit einem gesunden Geist und mit Kraft. Robert hätte nicht gewollt, dass ich mein ganzes Leben trauere.

Der Schmerz ist gegangen, die Dankbarkeit ist geblieben. Es war Roberts Weg, er hat hoffentlich seinen Frieden gefunden. Er hat viel Gutes bewirkt und er hatte trotzdem ein schönes Leben. Dass er so tragisch gestorben ist, ist nicht gerecht. Aber ich glaube, es war Schicksal, das war unser Weg. Ich gehe diesen Weg jetzt allein und hoffe, er guckt von oben zu.

Aus der Tragödie ist die Robert-Enke-Stiftung entstanden, deren Vorsitzende Sie sind. Was wollen Sie erreichen?
Unser großes Thema sind die Enttabuisierung und Entstigmatisierung von Depression. Wir müssen immer und immer wieder darüber sprechen und den Menschen klarmachen, dass es sich um eine Krankheit handelt und nicht um eine Schwäche. Das muss in die Köpfe rein. Mittlerweile ist das Thema in der Gesellschaft angekommen, das freut mich sehr, viele sind hellhörig geworden. Das Tabu ist gebrochen; Roberts Tod gab der Krankheit ein Gesicht.

Mit Ihrem VR-Projekt, einer Virtual-Reality-Erfahrung, bringen Sie gesunden Menschen das Gefühl einer Depression nahe. Was bringt das?
Angehörige, Kollegen oder Interessierte können Symptome einer Depression selbst erleben – und diese anschließend mit Therapeuten gemeinsam reflektieren. Wir nutzen dabei die Erfahrungen, die Robert uns mitgeteilt hat, aber auch die von Psychologen und Experten.

Und wie funktioniert diese virtuelle Realität?
Die Teilnehmer bekommen eine Bleiweste angelegt, Kopfhörer und eine Brille aufgesetzt. Sie hören düstere Worte und sehen einen schwarzen Tunnel. Das ist sehr erdrückend. Robert hätte wahrscheinlich darüber gelacht und gesagt: Es ist um ein Vielfaches schlimmer als das, was ihr da zeigt. Das mag sein. Aber es gibt einen Einblick in die Krankheit, sensibilisiert und klärt auf. Auch ich konnte mir nie wirklich vorstellen, was in seinem Kopf passierte. Ich hab ihn immer gefragt: Wie fühlt man sich? Und er hat diesen schwarzen Tunnel beschrieben. Wenn man Glück hat, ist ganz hinten noch ein Licht – und wenn man Pech hat, ist alles schwarz.

Menschen, die bereits erkrankt sind, raten wir jedoch davon ab, an dem Projekt teilzunehmen. Es könnte sonst ein Auslöser sein.

Sie gehen mit der Stiftung auch zu den Vereinen ...
Ja, mit Ronald Reng, der das Buch über Robert geschrieben hat und Martin Amedick (Ex-Spieler des 1. FCK, Anmerkung der Red.) klären wir vor Ort auf. Die Spieler haben die Möglichkeit, Martins Depressionserfahrungen zu hören. Er ist sehr authentisch. Ich sage immer, wenn Robert diese Möglichkeiten gehabt hätte – er hätte davon profitiert. Es wäre immer noch schwer gewesen, weil Profifußball ein hartes Geschäft ist. Aber ich bin mir sicher, er hätte diesen letzten Schritt nicht gewählt, wäre er begleitet worden, wäre das Thema mehr in der Öffentlichkeit gewesen. Aber wir wussten fast nichts über Depressionen – bis wir da reingeschlittert sind. Am meisten habe ich bei der Stiftung darüber gelernt.

Weltweit gibt es einen starken Anstieg psychischer Krankheiten. Merken Sie das bei Ihrer Arbeit auch?
Ja, wir haben einen viel größeren Zulauf, gerade im Jugendbereich. Gemeinsam mit der Uni Aachen vermitteln wir als Stiftung ja Psychologen und Psychiater aus ganz Deutschland an Menschen, die eine Therapie brauchen. Das ist nun noch schwieriger geworden als vorher sowieso schon. Wir stoßen an unsere Grenzen, weil es keine Plätze mehr gibt, weil alle Spezialisten überlastet sind. Das ist kein akzeptabler Zustand.

Was raten Sie dann denjenigen, die dringend Hilfe brauchen?
Das ist sehr schwierig. Vertraute sagen uns aber zum Beispiel, man solle mit einem Kind direkt vor die Klinik fahren und sagen, dass es gefährdet ist. Das kann natürlich nicht die Lösung sein. Wir brauchen dringend mehr ambulante Therapieplätze, niederschwellige Angebote, einen leichten Zugang zu Experten, damit Betroffene nicht in die ganz große Krise schlittern. Reden hilft. Es ist wichtig, erklärt zu bekommen, warum ich mich gerade so verhalte, warum es mir so geht. Ich weiß es, ich war ja selbst in der Klinik.

Ansonsten: zum Hausarzt gehen, sich selbst Wissen aneignen oder eine Selbsthilfegruppe aufsuchen. Aber auch das sind keine Dauer-Lösungen.

Corona, Klima, Krieg, Inflation, Energiemisere: Krisen scheinen Depressionstreiber zu sein ...
Große Teile der Gesellschaft sind verunsichert und blicken wenig optimistisch in die Zukunft. Sogar Weihnachten ist schon getrübt; in meinem Umfeld höre ich häufiger: „Wir werden weniger schmücken als früher.“ Damit ist unsere Wohlfühloase beschädigt, es ist nicht mehr so muggelig. Andere Familien erzählen mir, dass sie nicht mehr in Urlaub fahren, weil sie sparen müssen. Das ist schlimm, das schlägt auf die Seele.

Unsicherheit, Ängste, Traumata lösen zwar allein keine Depression aus, aber wenn jemand eine Neigung hat, dann ist er in solchen Zeiten gefährdet. Krisen verändern Menschen und können auch Probleme bei denen auslösen, die zuvor keine Schwierigkeiten hatten. Weil sie merken, wie zerbrechlich das Leben sein kann. Deshalb ist es so wichtig, auf die seelische Gesundheit zu achten.

Jetzt kommt auch noch der trübe Herbst. Macht Ihnen das Angst?
Der November ist für viele der dunkelste Monat, sehr deprimierend. Da muss man präventiv wirken: Sport treiben, sich gesund ernähren, Rituale einführen, auf sich achten. Wer zum Beispiel morgens spazieren oder schwimmen geht, der startet mit einem besseren Gefühl in den Tag. Oder: Sich kleine Auszeiten gönnen und wenn es nur zehn Minuten sind, um den Vögeln zu lauschen oder ein paar Seiten in einem Buch zu lesen. Auch Tiere sind ein guter Ausgleich. Und wer die Möglichkeit hat: mal wegfahren, wandern, Sonne tanken.

Wenn jemand allerdings schon erkrankt ist, dann werden ihm diese Dinge allein nicht helfen. Dann ist das Gesundheitssystem gefordert. Denn: Psychische Erkrankungen werden immer mehr, unsere Gesellschaft ist nicht mehr so stabil.

Ich erwische Sie gerade auf Madeira. Helfen Sie sich mit Sonne, um nicht wieder in ein mentales Loch zu fallen?
Auch, aber nicht nur. Ich gehe zum Beispiel jeden Tag mit meinen Hunden raus und mache Sport. Gleich morgens um 6 oder 7 Uhr. Nicht immer habe ich Lust drauf, aber ich weiß wie gut das der Seele tut und auch dem Körper. Ich kann dadurch mehr essen – auch das gibt mir wieder ein Glücksgefühl. Im Urlaub konnte ich manchmal nicht laufen gehen, weil die Kinder gemeinsam frühstücken wollten. Im ersten Moment bin ich dann genervt, aber ich habe auch einen Mechanismus, der greift. Ich sage mir: Okay, du bist jetzt 46 Jahre alt, es wird nichts passieren, wenn du einen Tag nicht läufst. Rituale sind total wichtig, aber auch der Umgang mit Rückschlägen oder Unzufriedenheit.

Zuletzt hörten wir häufiger von Spitzensportlern, dass sie erschöpft sind oder wegen Depressionen ihre Karriere beenden. Trifft es Menschen mit ausgeprägtem Leistungssinn eher?
Das kann man so nicht sagen. Die Krankheit zieht sich durch die ganze Gesellschaft – Manager, Handwerker, Lehrer, Olympiasieger. Wir bekommen es nur mehr mit. Vor Roberts Tod wurde nicht darüber gesprochen. Das hat sich zum Glück verändert. Nicht ad hoc, sondern wir haben lange gebraucht und es ist auch noch Luft nach oben: Aber mittlerweile haben Vereine und Spieler mitbekommen, dass jemand, der erkrankt ist und sich behandeln lässt, wieder zurückkommen kann, und zwar genauso stark oder sogar noch stärker. Das ist in den meisten Köpfen angekommen. Die Sportler haben weniger Angst zu sagen, es geht mir schlecht, ich lasse mich behandeln.

Oft wurde nach 2009 der Druck kritisiert, der auf Sportlern lastet ...
Na ja, Druck gibt’s in jedem Beruf. Wenn ich vor 60.000 Zuschauern das Tor sauber halten muss, dann habe ich Druck. Der Bäcker muss seine Brötchen um 6 Uhr fertig haben, wenn er zwei Mal verschläft, dann kaufen die Leute am dritten Tag bei der Konkurrenz. Manager haben Druck, weil sie Millionenverträge aushandeln. Väter spüren Druck, die Familie zu ernähren. Bei Leistungssportlern kommt nur erschwerend hinzu, dass sie denken, eine Erkrankung lasse sie schwach erscheinen. Es gibt allerdings einen Unterschied im Therapiebestreben.

Welchen?
Ein Bundesligaprofi kann nicht einfach das Training für Wochen unterbrechen und abtauchen. Das könnte seine Leistung mindern, er könnte seinen Stammplatz verlieren. Im Spitzensport regiert das Zusammenspiel von mentaler und körperlicher Gesundheit – und Leistung. Das ist in anderen Berufen nicht so. Deshalb ist es unser und war es Roberts Bestreben, dass eine Therapie parallel zum Trainingsbetrieb läuft.

Der Druck an sich ist also nicht das Problem. Das weiß man vorher. Man entscheidet sich ja bewusst für diesen Sport oder für eine Führungsposition. Es geht uns darum, ein Netzwerk zu haben, auf das man zurückgreifen kann, wenn man sich nicht gut fühlt. Spürt ein Fußballer Knieschmerzen, dann geht er zum Arzt. So muss es auch bei mentalen Problemen sein.

Funktioniert das in der Realität? Sind die Vereine schon so weit?
Zumindest weiter als vor 10, 15 Jahren; das Bewusstsein ist geschärft. Natürlich gibt es auch Trainer oder Athleten, die noch nicht so offen damit umgehen. Aber irgendwann bekommt auch der Letzte die Bedeutung dieses Themas mit, da glaube ich ganz fest dran. Oft fängt es oben an, bei DFL, DFB, in den höheren Ligen und bricht dann nach unten durch. Es ist mittlerweile zum Beispiel Pflicht, dass in jedem Nachwuchsleistungszentrum ein Psychologe zur Verfügung steht; in der Trainerausbildung hat die Psyche ihren Platz gefunden.

Auch in Firmen. Die Chefs machen das nicht, weil sie besonders menschlich sind oder nicht nur, sondern weil sie ihre Arbeitskräfte nicht verlieren wollen. Kranke Mitarbeiter erbringen weniger Leistung als gesunde.

Ist der Kampf um Hilfe bei Depressionen Ihre Lebensaufgabe geworden?
Solche Stiftungen und Einrichtungen werden oft aus einem schlimmen Ereignis heraus gegründet. Anfangs habe ich das gemacht, aus Angst nicht mehr Teil der Fußballfamilie zu sein. Ich brauchte eine Aufgabe. Mittlerweile ist es ein Lebenswerk, eins für Robert vor allem. Er hat immer gesagt: Wenn ich nicht mehr Profi bin, dann werde ich meine Krankheit öffentlich machen. Ich werde mit Ronald ein Buch schreiben und erklären, was es heißt, Depressionen zu haben. Dazu ist es leider nicht gekommen. Dennoch: Aus der Tragödie ist etwas Gutes entstanden.

Robert & Teresa Enke

Robert Enke war Torwart von Hannover 96 und der deutschen Fußball-Nationalelf. Er litt über mehrere Jahre an Depressionen. Am 10. November 2009 nahm er sich das Leben; hinterließ seine Ehefrau Teresa und eine damals acht Monate alte Tochter. DFB, DFL und Hannover 96 gründeten daraufhin 2010 die Robert-Enke-Stiftung. Vorstandsvorsitzende ist Teresa Enke. Sie ist 46 Jahre alt, wieder verheiratet und hat zwei Kinder.

„Man muss sich was Gutes tun“, sagt Teresa Enke.
»Man muss sich was Gutes tun«, sagt Teresa Enke.
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