American Football RHEINPFALZ Plus Artikel Super Bowl 57: Viel Spektakel, noch mehr Geschichten

Ein taktischer Genistreich: Kurz vor dem Ende des Super Bowls 57 hat Jerick McKinney von den Kansas City Chiefs den Ball, verzic
Ein taktischer Genistreich: Kurz vor dem Ende des Super Bowls 57 hat Jerick McKinney von den Kansas City Chiefs den Ball, verzichtet aber auf den Touchdown. So läuft die Uhr weiter herunter, die Philadelphia Eagles können nicht mehr reagieren – und verlieren das Endspiel in letzter Sekunde.

Die Kansas City Chiefs gewinnen im 57. Super Bowl 38:35 gegen die Philadelphia Eagles. Das Spiel bietet Spektakel pur und zeigt, wieso der wertvollste Spieler einer Partie nicht immer der Beste sein muss

Touchdown, sechs Punkte – das größte Ziel eines Angreifers im American Football ist es, mit dem Ball in die gegnerische Endzone zu gelangen. Jerick McKinnon ist auf dem besten Weg dazu, neun Yards hat der Ballträger der Kansas City Chiefs bereits zurückgelegt, eine Minute und 48 Sekunden sind im 57. Super Bowl gegen die Philadelphia Eagles noch zu spielen. Unentschieden steht es zu diesem Zeitpunkt, 35:35 in einem atemberaubenden Finale der National Football League (NFL). Es wäre die Führung, der 30-Jährige hätte jubeln können, und viele Spieler hätten sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, gerade im größten Spiel ihres Sports. Nicht so aber McKinnon. Zwei Yards vor der Endzone stoppt er abrupt und setzt sich auf seinen Hosenboden. Es ist wohl die cleverste Entscheidung des ganzen Finals. Der Erfolg der Mannschaft ist wichtiger als der des Einzelnen, das wird durch diese strategische Meisterleistung deutlich. Die Spieluhr läuft weiter, die Eagles können nicht mehr reagieren. Wenig später steht es 38:35, die Chiefs triumphieren.

Auch Cheftrainer Andy Reid war zum zweiten Mal erfolgreich – die Dusche gehört dazu.
Auch Cheftrainer Andy Reid war zum zweiten Mal erfolgreich – die Dusche gehört dazu.

Dabei sieht es danach lange nicht aus. Selber Zeitpunkt in der ersten Halbzeit, noch gut eineinhalb Minuten bis zur Pause: Quarterback Patrick Mahomes hat den Ball, wird von den Verteidigern der Eagles gejagt und zu Boden gebracht. Er humpelt vom Feld, der Blick von Schmerzen geprägt, und denen unter den 67.827 Zuschauern im Stadion von Glendale, die es mit den Chiefs halten, schwant Böses. Vor einigen Wochen hatte sich der Spielmacher eine Knöchelverletzung zugezogen, und seither lautet die drängendste Frage, ob er zum Finale richtig fit sein würde. Von „großen Schmerzen“ berichtet Mahomes nun später und davon, dass er sich bis zu diesem Umknicken bestens gefühlt habe. „Danach nicht mehr, aber ich habe alles ausgeblendet“, sagt Mahomes, „ich bin glücklich, dass es zum Sieg gereicht hat.“ 24:14 für die Eagles steht es da noch. Zuvor hat erst einmal eine Mannschaft einen Halbzeit-Vorsprung von zehn oder mehr Punkten verspielt.

Chiefs-Quarterback Patrick Mahomes hat seinen zweiten Super Bowl gewonnen.
Chiefs-Quarterback Patrick Mahomes hat seinen zweiten Super Bowl gewonnen.

Wie Mahomes nach der Pause inklusive Behandlung mit dickem Verband samt Tape um den Schuh zurückkehrt, als sei nichts gewesen, um die Show nach der Halbzeitshow von Rihanna, die nach sieben Jahren Baby-Pause auf die Bühne zurückkehrte und erneut schwanger ist, abzuliefern, ist eine der Geschichten dieses Spiels. Dass die beiden offensivstärksten Mannschaften der Saison allen Erwartungen gerecht werden und das tun, was sie am besten können, eine andere: Sie punkten und punkten. Schon nach acht Minuten haben Eagles und Chiefs je einen Touchdown erzielt. Nur zweimal in der Geschichte des Super Bowls gab es mehr Punkte, 1995 (75) und 2018 (74). Und dass der Rasen in Arizona offenbar doch ziemlich rutschig ist, obwohl die NFL in den vergangenen beiden Jahren sage und schreibe 800.000 Dollar investiert haben soll, um ihn in den perfekten Zustand für diesen Super Bowl zu bringen, ist eine weitere Geschichte des Finals. Viele Spieler wechseln während der Partie ihre Schuhe für einen besseren Halt.

Am Anfang einer Ära?

Trotzdem ist es jene letzte Angriffsserie, die dieses Spektakel auf seinen Höhepunkt treibt. Denn bevor sich Jerick McKinnon auf seinen Allerwertesten setzt, passiert Folgendes: Knapp in der Eagles-Hälfte hält der angeschlagene Mahomes den Ball in den Händen, scannt das Feld, findet keine Anspielstation, vergisst alle Schmerzen und rennt 26 Yards. Es ist der größte Raumgewinn in diesem Angriff. Zwar gelingt es den Eagles, die Chiefs wenig später zu stoppen. Doch eine Strafe schenkt Kansas City vier neue Versuche. Die Entscheidung der Schiedsrichter sehen viele Beobachter als zu hart an, aber der Übeltäter selbst räumt später ein, dass es sich um ein unerlaubtes Halten handelte. So landet der Ball bei McKinnon, der die Uhr durch seinen Geniestreich herunterlaufen lässt, Kicker Harrison Butker verwandelt das Field Goal acht Sekunden vor dem Ende – und macht einen Fehlschuss vom Beginn der Partie vergessen.

Die Schmerzen ausgeblendet: Patrick Mahomes läuft einfach drauflos – er wird zum wertvollsten Spieler des Super Bowls 57 gewählt
Die Schmerzen ausgeblendet: Patrick Mahomes läuft einfach drauflos – er wird zum wertvollsten Spieler des Super Bowls 57 gewählt.

Von einer Ära, die die die Chiefs mit zwei Super-Bowl-Siegen in vier Jahren und einer weitere Endspiel-Teilnahme prägen, will der 27-jährige Mahomes nichts wissen. „Wir sind erst am Anfang“, sagt er. 21 seiner 27 Pässe kommen für 182 Yards und drei Touchdowns an den Mann. Im Vergleich zu seinen bisherigen Endspiel-Leistungen ist das brutal effizient. Vor allem aber ist ihm kein Ballverlust unterlaufen. Das alles bringt ihm verdientermaßen die Auszeichnung zum wertvollsten Spieler des Super Bowls ein, obgleich er nicht der beste Akteur auf dem Platz war.

Diese Ehre gebührt Eagles-Quarterback Jalen Hurts. Einmal verlor er zwar den Ball, doch der 24-Jährige passte für 304 Yards und einen Touchdown und erlief 70 Yards und drei Touchdowns selbst. Aber anders als die Chiefs, die als Mannschaft funktionierten, ist Hurts an diesem Abend allzu oft auf sich allein gestellt.

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